Künstliche Intelligenz Der virtuelle Freund vergisst nicht

Ein virtueller Freund auf dem Smartphone oder Tablet kann zukünftig Patienten an ihre Mediekamente erinnern.
Ein virtueller Freund auf dem Smartphone oder Tablet kann zukünftig Patienten an ihre Mediekamente erinnern.

Studierende der Hochschule Emden/Leer präsentierten ihr Projekt zu künstlicher Intelligenz in der Pflege. Ein virtueller Freund erinnert die Patienten an die Medikamenteneinnahme und das Personal wird genauer über ihre Bedürfnisse informiert.

Johnny ist immer da. Er kennt ihre Lieblingslieder, weiß, wann sie ihre Tabletten nehmen muss, wünscht ihr einen guten Morgen und erinnert sie daran, mal wieder ein Glas Wasser zu trinken, denn sie vergisst vieles. Die Demenz nimmt ihren Lauf. Gut, dass Johnny da ist. Doch Johnny ist nicht real, er spricht zu ihr als virtuelle Figur auf dem Tablet. Wunschdenken? Zukunftsmusik? Realität? An der Hochschule Emden/Leer wurde am 3. Dezember 2019 vor rund 100 Gästen das Projekt »Pai-Buddy« vorgestellt – und damit ein möglicher neuer Ansatz, Personal und Patienten in der Pflege zu unterstützen.

Schnellere Hilfe für Patienten

Sechs angehende Elektrotechniker, Informatiker und Medientechniker der Hochschule haben durch den Impuls eines amerikanischen Startup-Unternehmens eigenständig einen so genannten Avatar entwickelt, den sie jetzt - nach intensiver Abstimmung mit Pflegeexperten und Betroffenen – in Deutschland vermarkten möchten. Den Kontakt in die USA hatte Prof. Dr. Lars Jänchen hergestellt, der innerhalb des Studiengangs Informatik die Vertiefung Marketing und Vertrieb anbietet. Fachliche Unterstützung bekommt das Team zudem von Prof. Dr. Knut Tielking und Masterstudierenden aus dem Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.

Die Idee besteht aus zwei Komponenten: Da ist zum einen der »digitale Freund« auf dem Tablet, der die Pflegebedürftigen durch den Einsatz künstlicher Intelligenz an Dinge erinnern, sich aber auch mit ihnen unterhalten, Musik vorspielen oder sie auf virtuelle Reisen mitnehmen kann. Die andere Komponente ist eine Handy-App, die dem Pflegepersonal dabei helfen soll, Rufe des Patienten über die »Notfallklingel« zu kategorisieren und so effektiver und zeitsparender arbeiten zu können. Meldet sich beispielsweise eine Patientin, die ein Glas Wasser möchte, kann dies auf dem Weg gleich mitgebracht werden. Gleichzeitig könnten auch Notfälle wie etwa starke Schmerzen oder Stürze direkt gemeldet und so schneller richtig reagiert werden, wie die Studierenden am Mittwoch erklärten.

Persönlicher Kontakt kann nicht ersetzt werden

»Ein interdisziplinäres Projekt, das Beispielcharakter hat. Sie bringen damit ein Stück Silicon Valley nach Ostfriesland«, so Prof. Dr. Sven Steinigeweg, Dekan des Fachbereichs Technik. Auch Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff zeigte sich begeistert von der Arbeit des Pai-Buddy-Teams. Im Hinblick auf die Entwicklung der Gesundheitsversorgung in der Region, beispielsweise beim Klinikums Emden, sei es wichtig, dem Personal den Rücken zu stärken.

Doch das Vorhaben soll keinesfalls nur von der technischen Warte aus angegangen werden, wie alle Beteiligten am Dienstag in der Mensa der Hochschule deutlich machten. Die Studierenden, die bereits für ihr Konzept beim Wettbewerb »Zeigt eure Forschung!« ausgezeichnet wurden, haben in den vergangenen Monaten bereits viele Gespräche geführt und möchten ihre Idee mit Hilfe vieler unmittelbar Betroffener weiterentwickeln. So kamen am Mittwoch als externe Referenten die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Emden-Ostfriesland, Hildegard Krüger, und der ehemalige Pflegedienstleiter Bernhard Kleinhaus aus Norden zu Wort. Zum Abschluss gab es zudem eine Diskussion mit dem Publikum, das sich auch in Form von schriftlichen Anmerkungen einbringen konnte.

Krüger schilderte den möglichen Einsatz des Avatars aus persönlicher Sicht – mit sich als Patientin und Johnny als virtuellem Freund. Deutlich wurde dabei: Auch bei fortschreitender Demenz könnte dieser weiterhin eine wichtige Stütze im Leben der Betroffenen sein. »Es sind Jahre vergangen, ich kenne Johnny nicht mehr. Aber Johnny kennt mich noch«, so Krüger. Den persönlichen Kontakt könne dieser natürlich nicht ersetzen, nicht in den Arm nehmen und trösten. Aber erinnern und unterstützen, ohne zu belehren. Und da sein, wenn es gerade kein anderer kann.