Fachkräftemangel abbauen Afrikanisches Know-how für Deutschland

Die drei Gründer von »getINNOtized« (links nach rechts): Benjamin Schunke, Kwame Osei-Tuti und Ulrich Busch.
Die drei Gründer von »getINNOtized« (links nach rechts): Benjamin Schunke, Kwame Osei-Tuti und Ulrich Busch.

GetInnotized bildet zusammen mit deutschen Unternehmen afrikanische IT-Studenten zu Profis weiter. Die Firmen übernehmen die jungen Talente nach der Ausbildung, ohne dass sie ihr Heimatland verlassen müssen. So schaffen sie Jobs in Afrika und Firmen finden ihre dringend benötigten Spezialisten.

Der Gründer des Münchner Start-ups GetInnotized, Ulrich Busch, erzählt im neo-Interview, wie die Idee entstanden ist und wie das Ausbildungsprogramm abläuft.

 

neo: Ihr habt das Projekt Azubi Afrika ins Leben gerufen. Was genau ist das?

Ulrich Busch: Es ist ein Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramm mit dem wir langfristig Jobs in Afrika schaffen und gleichzeitig dem IT-Fachkräftemangel in Deutschland entgegen steuern wollen. Bei Azubi Afrika handelt es sich um einen akkreditierten Diplom Studiengang für junge Talente aus Ghana und Kenia, speziell aus den Städten Accra und Nairobi. Für unser Programm arbeiten wir mit Microsoft und lokalen Universitäten als Bildungspartner zusammen. Die Top-Talente mit Bachelor Abschluss werden ausgewählt und dann in 18 Monaten zu IT-Spezialisten weiter gebildet. Sie werden langfristig an deutsche Unternehmen gebunden. Sie werden langfristig an deutsche Unternehmen gebunden. Aufgeteilt ist die Ausbildung in fünf Trimester und wir bringen den Studenten zusätzlich Soft Skills bei. In Trimester eins, drei und fünf sind sie an der Universität und lernen theoretisch. In den Trimestern zwei und vier folgt die fachliche Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Für die Partnerunternehmen ist es zunächst eine Investition in die Ausbildung, hinterher profitieren sie vom Expertenwissen ihrer neuen Fachkräften. Durch die Bindung zum Unternehmen, werden diese nicht von der Konkurrenz abgeworben.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?

Wir wollten das deutsche Modell einer dualen berufsbegleitenden Ausbildung auf IT-Fachkräfte in Afrika übertragen. Bevor ich GetInnotized gestartet habe, habe ich bereits einen Inkubator in Ghana aufgebaut. Dieser hilft Gründern mit Mikrokapital und Coaching bei der Umsetzung Ihrer Geschäftsidee. In dieser Zeit habe ich realisiert, dass viele gut ausgebildete IT-Absolventen in Afrika keinen Arbeitsplatz in Ihrem Gebiet finden, ein enormer Kontrast zur Situation in Deutschland. Aus diesen Unterschieden haben meine beiden Mitgründern, ein Ghanaer und ein Deutscher, ein Geschäftsmodell entwickelt mit wem wir Job-Perspektiven in Afrika schaffen und gleichzeitig deutsche Firmen mit den digitalen Köpfen versorgen die es braucht für deren Projekte. Anfangs versuchten wir es mit einer Plattform, auf der wir Freelancer und Unternehmen miteinander vernetzten. Wir merkten aber schnell, dass wir die werdenden Freelancer zunächst weiterbilden mussten, besonders in den Soft Skills. Also sind wir einen Schritt weiter gegangen und haben ein Bildungsprogramm auf die Beine gestellt. Aus dem Projektgeschäft heraus entstand ein Netzwerk und daraus unser gesamtes Programm »Azubi Afrika«.

Welche Schwierigkeiten gab es am Anfang?

2016 haben wir GetInnotized gegründet. Anfangs mussten wir sehr banale Probleme lösen, wie die Gewährleistung einer dauerhaften Stromversorgung während der Arbeitszeit. Darüber hinaus mussten wir erst lernen wie man afrikanische IT-Talente auf die erfolgreiche Zusammenarbeit mit deutschen Firmen vorbereitet – inzwischen hat sich das zu einem unserer Kernkompetenzen entwickelt.

Ihr vermittelt also nicht mehr nur, sondern bildet selbst aus?

Genau. Ein Bachelorabschluss ist zunächst eine gute Basis, aber die Spezialisierung folgt erst im nächsten Schritt. An dieser Stelle setzen wir mit unserem Programm an und entwickeln Arbeitskräfte mit den Fähigkeiten, die am globalen Arbeitsmarkt am stärksten nachgefragt sind.

Wie finanzieren sich die Azubis?

Bereits vom ersten Monat an erhalten die Auszubildenden eine Vergütung – das ist uns wichtig, da wir die Leute mit dem höchsten Potential und nicht die sich Ausbildung leisten können in unser Programm bekommen wollen. Im Gegenzug dafür verpflichten sich die Leute nach erfolgreich absolvierter Ausbildung weiter für die Unternehmen zu arbeiten, welche die Ausbildung erst ermöglicht haben.

Wie läuft das Programm im Einzelnen ab?

Im ersten Trimester lernen sie Basiswissen, Softskills und Projektmanagement. Im zweiten Trimester unterstützen sie bereits ihre Partnerunternehmen auf Projektebene. Trimester drei und fünf dient der Spezialisierung auch mit eigenen Projekten an der Uni. Im vierten Trimester sind sie nochmal im Unternehmen tätig.

Die Studenten lernen und arbeiten aber vor Ort in Afrika?

Ja richtig. Im IT-Bereich muss ja nicht jeder am gleichen Ort sein. Eine virtuelle Zusammenarbeit funktioniert gut. Aber natürlich sollte man sich mal von Angesicht zu Angesicht begegnet sein. Die Möglichkeit dazu schaffen wir in dem Programm, zum Beispiel in dem Mitarbeiter aus Deutschland für eine Zeit lang bei uns in Afrika hospitieren oder in dem die Azubis in den Praxisphasen für einen Monat nach Deutschland kommen. Bei der Koordination der Bürokratie für den Auslandsaufenthalt helfen wir, wie etwa beim Visum.

Wer kann sich bei Euch bewerben?

Erst mal kann sich jeder bei uns bewerben – unsere Hauptzielgruppe sind allerdings Bachelor-Absolventen mit einem Abschluss in einem MINT-Fach. Um aus den Bewerbern die besten Kandidaten auszuwählen haben wir einen mehrstufigen Recruitingprozess entwickelt: Ziel dabei ist vor allem die talentiertesten Kandidaten auszuwählen, nicht zwangsläufig die mit der meisten Vorerfahrung. Kognitive Tests sind ebenso Bestandteil dieses Verfahrens wie Interviews, Fallstudien und Persönlichkeitstests.

Wie ist das afrikanische Bildungssystem? Kann da jeder studieren?

Das ist tatsächlich ähnlich wie in Deutschland. Es gibt staatliche und private Universitäten. In Kenia und Ghana ist die Bildungs-Infrastruktur auf europäischem Niveau.

Worin werden die Azubis nach dem Programm Spezialisten sein?

Unsere beliebtesten Karrierepfade sind Data Engineering, DevOps/ Cloud Architecture sowie Cybersecurity.

Verdienen sie dann ein »deutsches« oder »afrikanisches« Gehalt?

Wir zahlen überdurchschnittliche Gehälter und orientieren uns dabei an dem afrikanischen Markt. Damit ist unser Programm auch für deutsche Mittelständler interessant, die Schwierigkeiten haben, IT-Fachkräfte im Rahmen Ihrer Gehaltsstrukturen zu finden.

Wie verdienst Du mit Deinem Start-Up Geld?

Wir finanzieren uns über die Realisierung von Kundenprojekten sowie die erfolgreiche Vermittlung unsrer IT Experten im Rahmen von Azubi Afrika.

Dein Start-Up ist für dich auch ein Herzensprojekt?

Gründen ohne Herz stelle ich mir schwierig vor - gerade in der Anfangsphase hat es bei uns »Tränen, Blut & Schweiß« gebraucht, um aus einer vagen Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen. Die Leidenschaft mit der das ganze Team es geschafft hat, aus einer Vision Realität werden zu lassen, macht mich wahnsinnig stolz.