Thomas Götzl, Keysight Deutschland »So viele Tests wie möglich ins Labor verlagern«

Keysight will OEMs die Vorbereitung auf Testfahrten durch Laborversuche erleichtern. Wo möglich, soll der Test gleich ganz ins Labor verlagert werden.
Keysight will OEMs die Vorbereitung auf Testfahrten durch Laborversuche erleichtern. Wo möglich, soll der Test gleich ganz ins Labor verlagert werden.

Thomas Götzl ist einer der beiden neuen Geschäftsführer von Keysight Deutschland. Mit der geladenen Fachpresse sprach er über die Testansätze für Elektrofahrzeuge und Fahrerassistenzsysteme.

»Der Automobilsektor ist für uns ein Wachstumstreiber«, eröffnete Götzl seinen Vortrag am Hauptsitz von Keysight Deutschland in Böblingen. Seit dem 20. Februar 2020 hat er zusammen mit Dr. Joachim Peerlings den Geschäftsführungsbereich von Siegfried Gross übernommen und ist für Automotive & Energy Solutions verantwortlich. Energieverteilung und der Automobilsektor sind beim US-Messtechnikkonzern in einem gemeinsamen Geschäftsbereich zusammengefasst. Entsprechend aktiv ist man bei der Elektromobilität. Keysight entwickelt unter anderem Testsysteme für Ladestationen, Batteriezellen und Teile des Antriebsstrangs.

Emulator für Batterie und Ladesäule

Als Alleinstellungsmerkmal sieht Götzl das Testsystem »Charging Discovery«. Es überwacht die Kommunikation sowie die Ladeströme zwischen Ladesäule und Fahrzeug-Ladesystem und testet auf die gängigen internationalen Standards CCS (Europa und USA) und GB/T (China). Ladestecker und Buchsen lassen sich über eine einfach zugängliche Aufnahme wechseln. Das Testsystem emuliert je nach Konfiguration entweder das Fahrzeug als Leistungssenke oder die Ladesäule als Leistungsquelle. Unterstütz wird Gleichstrom- und Wechselstromladen bis maximal 400 kW (DC). Möglich ist auch ein »Man-in-the-Middle-Test«, bei dem Datensignale und Ladevorgang zwischen Fahrzeug und Ladesäule überwacht werden. Für anwendungsnahe Tests muss die Datenverbindung zwischen Ladesäule und Fahrzeug überprüft werden. Dafür ist ein integrierter Protokollanalysator nötig. Das Charging-Discovery-System (CDS) wurde ursprünglich vom Unternehmen Scienlab aus Bochum entwickelt, das seit September 2017 zu Keysight gehört.

Eingesetzt werden CDS unter anderem im BMW-Kompetenzzentrum für Batteriezellen in München. »Wir haben die Ausrüstung geliefert und wurden auch mit der Planung des Testlabors beauftragt«, sagte Götzl. Nach seiner Schätzung werden etwa 20 Personen für einen effizienten Laborbetrieb benötigt. Durch Automatisierung mit Systemen wie CDS und einer zentralisierten Software-Plattform (PathWave), mit der Testdaten aus Entwicklung, Prototyping und Produktionstest abteilungsübergreifend verfügbar gemacht werden können, reduziere sich die Zahl auf weniger als fünf.

Feldtests ins Labor verlagern

Neben die Elektromobilität reihen sich Fahrerassistenzsysteme als testintensives Entwicklungsfeld ein. Das Ziel von Keysight fasste Götzl wie folgt zusammen:  »Wir wollen so viele Tests wie möglich ins Labor verlagern.« Damit meinte er vor allem die aufwendigen Testfahrten. Geschehen soll das über die Simulation von Verkehrsszenarien, um Sensorik und Funkmodule für Car-to-X-Kommunikation zu überprüfen.

Durch die Vernetzung von Fahrzeugen steigt die Datenmenge, die in großen Rechenzentren verarbeitet werden muss. Außerdem werden vermehrt Edge-Devices zur Datenvorverarbeitung benötigt. Zahlen, die den Bedarf verdeutlichen, nannte Dr. Peerlings: Aktuell bestehen weltweit 504 Großrechenzentren und 4,5 Mrd. Kilometer Glasfaser wurden verlegt. Jährlich kommen 600 Mio. Kilometer hinzu. Allein Google will 10 Mrd. US-Dollar in den Ausbau seiner Rechenzentren investieren. Höhere Übertragungsgeschwindigkeiten im Rechenzentrum sollen über integrierte phontonische Schaltungen erzielt werden. Die Technik ist noch in der Entwicklung und erfordert elektrische und optische HF-Testverfahren auf Wafer-Level. Dafür werden präzise durchstimmbare Laserlichtquellen im Wellenlängenbereich von 1240 nm bis 1640 nm und optische Leistungsmesser mit fW-Messbereich benötigt.

Optische Messtechnik für diese Anwendungsfälle entwickelt und fertigt Keysight im Technologiepark in Böblingen. Die aktuellen Modelle durchstimmbarer Laser sind auf 0,5 pm genau. Dass der Forschungs- und Entwicklungsstandort verlagert werden könnte, schließt Dr. Peerlings aus. Auch wenn die auf Rechenzentren ausgelegte Messtechnik meist exportiert wird und sich Lieferwege verkürzen ließen, sei die Lieferkette etabliert und bestehe zum Teil aus spezialisierten Zulieferern, die es nur in Deutschland gebe. »So etwas verlagert man nicht so einfach an einen anderen Standort.« Etwa 60 % des optischen Messtechnik-Portfolios wird in den Bereich Rechenzentren geliefert, die restlichen 40 % gehen in den Automobilsektor und den Halbleitertest.