Kommentar Standards als politisches Druckmittel

Frank Riemenschneider, Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.
Frank Riemenschneider, Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.

2016 kam es beim Thema 5G-Standard zum Streit zwischen den wichtigsten Mobilfunkfirmen: Sollte man Huaweis »Polar Coding«-Algorithmus verwenden oder lieber ein Verfahren von Qualcomm? Es ist nur ein Beispiel dafür, wie China die Standardsetzung als Instrument der politischen Einflussnahme nutzt.

Die Mehrzahl inklusive dem chinesischen Hersteller Lenovo stimmten damals für Qualcomm, weil der Vorschlag technisch überlegen war.

In der »Renmin Ribao«, der Zeitung der KP Chinas, wurde daraufhin Lenovo-Gründer Liu Chuanzhi Verrat an der Heimat vorgeworfen. Er gelobte Besserung und seine Ingenieure stimmten in der nächsten Runde für Huaweis Vorschlag, der seitdem Teil des 5G-Standards ist.

China hat die Standardsetzung als Instrument der politischen Einflussnahme erkannt, es gibt einen Plan »China Standards 2035«. In diesem kann man nachlesen, wie u.a. die Corona-Krise genutzt werden soll, um die nächste Generation IT-Technologie zu definieren, wie das IIoT übernommen und Chinas Social-Credit-System global exportiert werden soll.

In den Normungsgremien wie ISO bewirbt sich China auf jede freie Position, um seinen Einfluss zu steigern. Während die Partei vorgibt, in welchen Zukunftsthemen die Weltmarktführerschaft angestrebt wird, werden dazu an Universitäten Forschungsgruppen aufgesetzt, um chinesische Ideen in die Normungsgremien einzubringen. Dementsprechend werden diese Gremien von Anträgen aus China überflutet, die nebenbei bemerkt technisch meist hervorragend sind.
In Europa ist es Aufgabe der Unternehmen, in Normung zu investieren, was Geld, Zeit und Kapazitäten bindet. Will man für Europa wichtige Themen wie Nachhaltigkeit, Datenschutz und Datensouveränität in internationale Normen einbringen, muss man investieren – und die Politik sollte dies durch entsprechende Programme fördern.

Was sonst passiert, zeigt das Beispiel Gesichtserkennung und KI-basierte Verarbeitung von Überwachungsvideos: Während aus Europa und den USA fast gar keine Vorschläge kamen, reichten ZTE, Huawei und China Telecom mehr als 250 Normungsvorschläge bei der internationalen Fernmeldeunion ein. Mehr als die Hälfte davon sind bis heute als Standards verabschiedet worden und Chinas Überwachungstechnologie ist Exportschlager für interessierte Regierungen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten geworden.