Kommentar Qualcomm: Wer wagt, gewinnt

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Das Museum des Chipherstellers Qualcomm in San Diego ist Zeuge eines stetigen Wandels seiner Unternehmensstrategie. Neben eigenen Handys mit CDMA-Technologie verkaufte man einst so exotische Produkte wie abhörsichere Telefone für die Limousinen der US-Präsidenten. Wäre Qualcomm ein Pokerspieler, würde man wohl von einem „All-In“ sprechen: An einem Tag X beschloss man, alles auf die Snapdragon-Chips, eine Kombination eines ARM-Applika­tions- (AP) mit einem Basisband-Pro­zessor für Handys & Co., zu setzen.

Noch 2007 wurde dieser Markt von Texas Instruments beherrscht (60 % Marktanteil), Qualcomm kam nach Marvell (rund 20 %) auf gerade mal 4 %. Aus heutiger Sicht hat Qualcomm alles richtig gemacht: Anders als die Konkurenz von TI, Marvell und Samsung, die auf diskrete AP setzt, welche auf Sys­temebene einen zweiten Chip mit Basisband benötigen, übernahm Qualcomm mit Snapdragon 2010 die Marktführerschaft und wird diese laut einer Studie der Linley Group immer weiter ausbauen: 2015 soll Qualcomm jeden dritten Prozessor für Mobilgeräte inkl. Navis und ASICs, wie sie Apple für seine iPhones und iPads fertigt, liefern und damit mehr als TI, Marvell, Samsung, Freescale, MediaTek, Nvidia, Renesas und Broadcom zusammen. Im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 2011 hat Qualcomm einen neuen Rekordumsatz und einen Gewinn von über 4 Mrd. Dollar erwirtschaftet.
Übertragen auf den heterogenen Markt mit mindestens zehn ernstzunehmenden Mitspielern kann man – wenn diese Prognosen eintreffen – bei der Relation Qualcomm zu jedem seiner Mitbewerber fast schon von Verhältnissen wie im x86-Markt sprechen, wo ein übermächtiger Intel seit Jahren Mitstreiter AMD fast nach Belieben deklassiert.
Für den Erfolg der Südkalifornier gibt es neben den Preisvorteilen einer integrierten Lösung vor allen Dingen zwei Gründe: Über 77.000 Patente, von denen Qualcomm einen Teil an Drittfirmen lizensiert und damit mehr als ein Drittel seines Umsatzes generiert, sorgen für eine in diesen Märkten extrem hohe Umsatzrendite von fast 28,5 %, welche sogar die von Branchenprimus Intel übertrifft. Zweitens reinvestiert man einen großen Teil dieses Geldes, dem ja keine konkreten Fertigungs- und Vertriebskosten gegenüberstehen, in F&E-Aktivitäten. Konkret sind das 3 Mrd. Dollar, dies entspricht 20 % des Umsatzes und ist damit mehr, als jeder Wettbewerber in F&E investiert bzw. investieren kann. Damit hält man seine „Innovations-Pipeline“ gefüllt, was später wiederum zu zusätzlichen Patenten und Einnahmen aus deren Lizensierung führen soll.
Es hätte für Qualcomm auch ganz anders kommen können: Hätte Apple nicht das iPhone und das iPad erfunden, die Märkte für Mobilgeräte wären nicht derartig explodiert und Nokia hätte vermutlich keinen Wechsel zu Windows Phone vorgenommen, was Qualcomm als immer-noch Exklusivlieferanten für der­artige Geräte noch mehr Umsatz bringen wird. Und hätte Microsoft mit Windows 8 nicht auch noch den Markt für ARM-basierende Notebooks geöffnet, wäre dieses prognostizierte Wachstum bis 2015 auch schlichtweg unmöglich.
So aber hat sich Qualcomms sicher nicht risikoloses All-In ausgezahlt und mit der Mirasol-Technologie für Displays hat man ab 2012 ein zweites heißes Eisen im Feuer, um auch als Display-Lieferant mittelfristig signifikante Marktanteile zu gewinnen.