Kommentar Nvidia kauft Incera: Mega-Deal tritt Konkurrenz ins Herz

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Für den Kauf von Incera, einem der wenigen noch verbliebenen unabhängigen Basisband-Prozessoranbieter für 3G- und 4G-Handys und -Tablets, legte der Chiphersteller Nvidia 367 Mio. Dollar in Bar auf den Tisch. Eine Investition, die sich gelohnt haben dürfte und vor allen Dingen bei Texas Instruments vermutlich auf wenig Gegenliebe stößt.

Incera hat nämlich bis dahin mit zwei großen Anbietern zusammengearbeitet - Nvidia und Texas Instruments. Während Incera angibt, auch weiterhin mit existierenden Partnern zusammenarbeiten zu wollen, ist es schwer vorstellbar, dass der neue Eigentümer Nvidia einen direkten Konkurrenten unterstützen wird - TI, dass 2009/2010 aus dem Basisband-Geschäft ausstieg, könnte ein Problem bekommen. Nicht nur, dass ein unabhängiger Basisband-Partner von der Landkarte verschwindet, es macht auch die Zusammenarbeit mit den verbliebenen Kandidaten schwieriger. Icera war nämlich der einzige verbliebene unabhängige Anbieter einer Lösung, die sowohl 3G- als auch 4G-Standards unterstützt. Die anderen unabhängigen Anbieter sind entweder in 3G- oder 4G-Lösungen spezialisiert. Man könnte zwar jetzt argumentieren, dass 3G auf Grund des Übergangs auf 4G nicht mehr so wichtig ist, es wird aber Jahre dauern, bis der Übergang flächendeckend geschafft ist. Desweiteren wird es sogar noch Dekaden dauern, bis die alten 3G-Netzwerke abgeschaltet werden, schon um den Return-of-Investement dieser Netzwerke zu maximieren und auch um die wachsenden Datenmengen in den Griff zu bekommen.

Für Nvidia öffnet sich mit der Aquisition die Tür zu allen Applikationen und der Zeitpunkt hätte kaum besser sein können. Zur Zeit werden gerade Muster-Chips der Kal-el-Plattform verteilt (auch Tegra-3 genannt), das erste SoC überhaupt mit vier Cortex-A9-Cores - und vier Nvida-GPUs. Desweiteren wurde ein Roadmap bis 2014 vorgestellt, bei welcher alle 12 Monate eine neue Prozessor-Generation ausgeliefert werden soll, etwas, was man in der Chip-Industrie für mobile Geräte zurvor noch gar nicht gesehen hat. Auch wenn Nvidia wenig über technische Details der zukünftigen Chips rauslässt, kann man annehmen, dass Wayne, Logan und Stark (so die Codenamen der zukünftigen SoCs, die 2012, 2013 und 2014 erscheinen sollen) jeweils einen Basisband-Prozessor beinhalten werden.

In vielen Anwendungen wie Tablets hat das intergierte Basisband bedingt durch die Geschäftsmodelle der Netzbetreiber bislang keine große Rolle gespielt. Durch die Änderung des Geschäftsmodells vom gerätespezischen zum benutzerspezifischen Ansatz wird jedoch die Integration eines Basisband-Prozessors auch in Tablets einen Vorteil darstellen. Darüberhinaus wird der Trend, jedes Gerät in unserem Leben mit was auch immer kommunizieren zu lassen (Autos, Waschmaschinen, Fernseher u.s.w.) zusätzliche Einsatzmöglichkeiten für derartige SoCs schaffen. Daher bin ich davon überzeugt, dass die Aquisition beiden Firmen hilft und Nvidias ohnehin schon gute Marktposition weiter verbessert.

Hochintegrierte SoCs mit Applikations- und Basisbandprozessoren sind auf Grund der geringeren Leistungsaufnahme und der kleineren Fläche gegenüber diskreten Lösungen am Markt zunehmend erfolgreich, angeführt von der Snapdragon-Plattform von Qualcomm. Beim diesjährigen Mobile World Congress in Barcelona stellte als letzter Hersteller nun auch Broadcom ein integriertes SoC vor. Neben Qualcomm trifft dies schon lange auf MediaTek zu, auch Intel dürften nach der Aquisition von Infineons-Wireless-Sparte entsprechende Pläne in der Schublade liegen.

Wenn man die zuletzt am Markt eingeführten Smartphones und Tablets als Indikator betrachtet, sieht sich Texas Instruments mit seiner OMAP-Plattform eines enormen Wettbewerbs durch Qualcomm bei den Handys und Nvidia bei den Tablets ausgesetzt. Tatsächlich ist der Wettbewerb natürlich viel größer, um nur die großen Spieler Boradcom, Freescale, Marvell, Renesas Mobile, Samsung und ST-Ericsson zu nennen. Nichtsdestotrotz haben ganz offensichtlich Qualcomm und Nvidia zuletzt die meisten Design-Wins erzielen können. Die Spezifikationen von Qualcomms Snapdragon und Nvidias Tegra-2 sind dabei relativ ähnlich bis auf die Tatsache, dass Snapdragon das Basisband mit dem Applikationsprozessor auf einem Chip integriert. Nvidia war jedoch der erste Hersteller, der mit einem Dual-Core-ARM-Cortex-A9 aufwarten konnte, was zu zahlreichen Design-Wins im Tablet-Markt geführt hat. Nichtsdestotrotz wurde Nvidias Erfolg bei Smartphones durch die Nichtverfügbarkeit einer integrierten Lösung limitiert. Als Reaktion darauf hat Nvidia schon länger mit Icera an einer Entwicklungsplattform mit Inceras software-konfigurierbaren Basisband-Lösungen gearbeitet. Insofern ist die Aquisition als solche nicht überraschend, die Auswirkungen sind jedoch signifikant.