Kommentar Nokia: Die Plattform droht zu sinken

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Es sollte der große Befreiungsschlag werden, als Nokia die strategische Kooperation mit Microsoft bekanntgab, eingetreten ist jedoch das Gegenteil: Die Nokia-Aktie verlor an der Frankfurter Börse zeitweise knapp zehn Prozent.

Nokias Lage sei dramatisch, hatte Konzernchef Stephen Elop erst vor wenigen Tagen eingeräumt. Vor Mitarbeitern verglich er die Situation des Unternehmens mit einer "brennenden Plattform". Jetzt hofft Elop auf die Wende. Am Freitag kündigte er über Twitter an: "Heute taucht Nokia nach vorn."

In der Realität ist Nokia vom “Auftauchen” wohl soweit weg wie die 2010 im Golf von Mexiko gesunkene BP-Plattfom “Deepwater Horizons” – es geht schlichtweg nur noch darum, den Super-Gau zu verhindern. Wie dies ausgerechnet mit Windows Phone 7 funktionieren soll, dessen Verkaufserfolg in den vergangenen Monaten trotz kräftiger Marketingaufwendungen und der Rückendeckung namhafter Hersteller wie HTC oder Samsung nur limitiert war, erschließt sich mir – wie auch wohl vielen Finanzanalysten und Aktionären – allerdings nicht.

Fakt ist, dass man in Finnland die Apple- und Android-Welle völlig verschlafen hat während man immer noch glaubte, mit dem hausinternen antiquierten Symbian-Betriebssystem gut aufgestellt zu sein. Die Folge: Der ehemals 40 % betragene Marktanteil bei Handys sank über 36,4 % in 2009 auf nur noch 28,9 % in 2010.

Natürlich hat Nokia zum jetzigen Zeitpunkt nur noch die Wahl zwischen Pest oder Cholera: Entweder als letzter Passagier auf den schon überfüllten Android-Zug aufspingen und sich dort hinter Samsung & Co. einreihen oder sich über eine echte Alternative differenzieren – die Frage ist nur womit?

Die zusammen mit Intel angekündigte MeeGo-Allianz konnte bislang keine vermarktbaren Ergebnisse produzieren, im Gegenteil, Alberto Torres, der für die Entwicklung des mobilen Betriebssystems zuständig war, verlässt die Unternehmensführung mit sofortiger Wirkung. Offensichtlich sah das Nokia-Management nur noch Windows Phone als echte Alternative, aber wenn sich zwei Kränkelnde zusammentun, wird die Gesundung nur selten beschleunigt.

Besonders problematisch aus Nokia-Sicht ist, dass Microsoft den Herstellern strenge Vorgaben hinsichtlich der Hardware macht. Handys mit Windows Phone unterschiedlicher Anbieter sehen dadurch alle relativ ähnlich aus. Darüber hinaus dürfen Hersteller keine eigene GUI über Windows legen, um sich zu differenzieren. Jedes Handy lässt sich dadurch exakt gleich bedienen - für Nokia der Weg in die Austauschbarkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass Microsoft von den strengen Vorgaben für eine "Lex Nokia" abzuweichen wird, tendiert gegen Null: In diesem Fall werden auch HTC, Samsung und LG die gestalterische Freiheit einfordern.

Auch für Nokias rund 130.000 Mitarbeiter gibt es keine guten Nachrichten. Der geplante Strategiewechsel soll einen deutlichen Stellenabbau nach sich ziehen.

Nokias Platform brennt lichterloh – hoffen wir aus europäischer Sicht, dass sie nicht untergeht.