Elektronik-Zeitreise Der gläserne Verbraucher

Der gläserne Verbraucher war schon 1991 Thema.
Der gläserne Verbraucher war schon 1991 Thema.

Wie man sich im Jahr 1991 das Shopping-Erlebnis im Jahr 2000 vorgestellt hat, zeigt ein Smart-Store-Konzept von damals. Einige der Visionen sind eingetreten, wenn auch erst ein paar Jahre später.

Die Gestalt, die der vollelektronifizierte Supermarkt der Zukunft sicher bald auch in Deutschland annehmen wird, zeichnet sich heute bereits klar in den USA ab. Einen Vorgeschmack liefert der Muster-Supermarkt »Smart Store 2000«, den die Beratungsfirma Anderson Consulting unter reger Anteilnahme der Fachwelt in Chicago aufgebaut hat.

Der gläserne Otto-Normal-Verbraucher

Ein Besuch dieser Chicagoer Ausstellung beginnt stets in einer Kabine, die das behagliche Wohnzimmer von Mr. Everyman darstellt. Denn dort erreichen ihn ja nicht nur die Zeitungsanzeigen der Warenhaus- und Supermarkt-Ketten, sondern auch die – in den USA höchst beliebten und intensiv genutzten Rabatt-Coupons und Warengutscheine der einzelnen Firmen und ihre elektronischen Botschaften via Fernsehen, Radio sowie vielleicht auch über Btx und Telefon. Und genau dort ist es ja vielfach auch, wo sich der erste Kaufwunsch regt.

Spätestens im Jahr 2000 dürften wenigstens einige Wohnungen schon mit automatischen Meßgeräten ausgestattet sein, die exakt registrieren, wieviel Aufmerksamkeit der Kunde den einzelnen Werbe-Spots im Radio und im Fernsehen widmet. […]

Noch fester haben die Hersteller jene technikbegeisterten Kunden im Griff, die ihre Einkäufe per PC, per interaktiv bedienbarem, berührungsempfindlichem Fernsehbildschirm oder auch nur per altbewährtem Telefon abwickeln. […]

Im simulierten Laden des Smart-Store-Konzepts selber dann, der schon mit der heutigen Technik eingerichtet werden kann, erlauben elektronische Systeme unter anderem die laufende Kontrolle der Umsätze pro Artikelgruppe. Gleichzeitig messen die Systeme fortlaufend, wie viele Kunden die betreffenden Gondeln pro Stunde passieren, während über die Strichcode-Lesegeräte an den Kassen wenig später festgestellt wird, zu wieviel Mark Umsatz dieser Kundenstrom zu den verschiedenen Stunden des Tages, Tagen der Woche und Wochen des Jahres jeweils geführt hat.

LC-Displays anstelle von Preisschildern

An den Regalen informieren statt herkömmlicher Preisschildchen jetzt elektronisch gesteuerte LCD-Täfelchen, was momentan die Thunfisch-Dosen oder die Essiggurken kosten. Über die LCDs kann der Chef so eines Ladens direkt von seinem zentralen Rechner aus oder über Fernsteuerungs-Direktbefehl von der Konzernzentrale den Preis eines Produkts jederzeit heben oder senken.

Schon heute sollen bei Besuchern solcher Supermärkte in den USA automatische Stationen recht beliebt sein, die auf Knopfdruck und gratis Rezepte sowie Informationen über die »richtige« Ernährung anzeigen und ausdrucken, die – programmgesteuert – speziell auf die Fragen und Bedürfnisse eines vielleicht übergewichtigen Kunden eingehen. Und die gleichzeitig für bestimmte Produkte aus dem laden werben.

Damit der Kunde zwischen blinkenden und flimmernden Stationen nicht unversehens doch mal einen klaren eigenen Gedanken fassen kann, stehen im Laden von morgen allerorten noch Bildschirme, die das Publikum permanent mit Werbespots und gezielten Hinweisen auf aktuelle Sonderangebote in den umstehenden Waren-Gondeln berieseln.

Der schnellste Weg zur Tomatenkonserve

Zu den höchsten Errungenschaften auf dem Gebiet der permanenten Kundenverfolgung und -beeinflussung gehört heute bereits ein sogenannter Video-Shopping-Einkaufswagen, der dort, wo ansonsten die Kinder zu sitzen pflegen, einen kleinen Monitor trägt. Dieser berieselt den umherirrenden Kunden nicht nur permanent mit Sprüchen und Werbe-Sendungen, er reagiert sozusagen intelligent.

Denn seine elektronischen Innereien sorgen im Zusammenspiel mit stationären Radio-Transmittern und Rechnern dafür, daß je nach Standort ein anderes Reklame-Programm abgespielt wird und der Kunde überdies per Tastatur eine Art Dialog mit dem System aufnehmen kann. So kann er, während er den endlosen Nudel-Gang entlangwandert, das System beispielsweise nach dem Standort der zugehörigen Tomatensauce befragen, worauf dieses Gerät per Leuchtpfeil dann prompt den Weg zur gesuchten Tomatenkonserve zeigt.

 

Der Autor des im Jahr 1991 erschienenen Artikels war Egon Schmidt.