Aktionärs-Aufstand gescheitert Wucherer neuer AR-Vorsitzender von Infineon

Die Aktionäre des Chipherstellers Infineon wollen keinen Neuanfang im Aufsichtsrat. Mehrere angelsächsische scheiterten mit dem Versuch, mit Willi Berchtold einen eigenen Kandidaten an der Spitze des Aufsichtsrats zu installieren. Noch in der Nacht wurde stattdessen Klaus Wucherer einstimmig zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt.

Nach siebenstündiger Aussprache wurde die Wahl Berchtolds auf Antrag von Hans-Christoph Hirt vom englischen Vermögensverwalter Hermes von der der anderen sechs Kandidaten herausgelöst. Die mehr als 64 % Zustimmung zu diesem Antrag näherten bei der Wucherer-Opposition kurzfristig die Hoffnung, daß Berchtold in den Aufsichtsrat einziehen würde. Umso größer war die Enttäuschung, als er in der anschließenden Einzelabstimmung nur rund 27 % Zustimmung erzielte und damit durchfiel.

In der anschließenden Wahl gab es damit für sechs Aufsichtsratsplätze nur noch sechs Kandidaten inklusive Wucherer, der zwar mit 72,5 % Zustimmung das schlechteste Ergebnis aller Kandidaten einfuhr (die übrigen fünf konnten mehr als 99 % der Stimmen auf sich vereinigen), dennoch über die 50-%-Hürde sprang und damit in den Aufsichtsrat gewählt wurde.

In seiner Vorstellungsrede sagte Berchtold zuvor, Infineon müsse stark werden durch stabile Führung, gute Corporate Governance und einen Neuanfang auch an der Spitze des Aufsichtsrates. »Ich stehe für eine faire Zusammenarbeit mit allen Beteiligten«, sagte Berchtold. Der Finanzvorstand des Autozulieferers ZF sagte allerdings nicht, was er konkret bei Infineon ändern wolle. Stattdessen hob er seine langjährige Erfahrung bei IBM, dem Infineon-Kunden Giesecke & Devrient und dem IT-Branchenverband Bitkom hervor.

Wucherer entgegnete, der Neuanfang bei Infineon sei bereits gemacht. Er halte Diskussionen über den Neuanfang für unnötig und gefährlich, dies lenke nur von der täglichen Arbeit ab. Er hob die operativen Erfolge der vergangenen Monate hervor, an denen er als Aufsichtsrat seinen Anteil habe. Wucherer wörtlich:  »Der Fortschritt zeigt sich im Ergebnis«.

Auch Kley warb nochmals für Wucherer. Dieser sei am aktuellen Neuanfang bei Infineon maßgeblich beteiligt gewesen. Der jetzt eingeschlagene Weg müsse fortgesetzt werden. Kley sagte: »Kein Neuanfang vom Neuanfang, Stabilität statt Destabilisierung«.

In der anschließenden mehrstündigen teilweise sehr emotional geführten Aussprache warf Hirt dem Aufsichtsrat eine über Jahre hinweg verfehlte Personalpolitik vor. Wucherer sei zudem schon seit 1999 dabei und somit mitverantwortlich für die desaströse Unternehmensentwicklung, an der Spitze die Pleite von Qimonda. »Seit dem Börsengang im Jahr 2000 ist viel Wert zerstört worden. Dafür ist letztendlich der Aufsichtsrat verantwortlich«, rief Hirt den applaudierenden Aktionären zu. Vorstand und Mitarbeiter hätten in den letzten Monaten durchaus gute Arbeit geleistet. Der Aufsichtsrat habe über die Jahre aber völlig versagt. Deshalb sei jetzt Zeit für einen Wechsel an der Spitze.


Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kritisierte, dass es vor der Hauptversammlung zu einer Schlammschlacht gekommen sei, die nicht zum Wohle des Unternehmens gewesen sei. Bergdolt kündigte an, dass die DSW für Berchtold stimmen werde. Der dringend nötige Neuanfang sei mit Wucherer nicht gewährleistet. Auch dessen Vorschlag, nur für ein Jahr anzutreten, bringe nichts. Dem Noch-Aufsichtsratsvorsitzenden Kley warf sie vor, in dieser Sache völlig versagt zu haben.


Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatanleger kündigte ebenfalls die Wahl Berchtolds an. Wörtlich sagte Buhlmann: »Wir sind das Volk und wir werden den Aufsichtsrat besetzen«.

Allerdings gab es auch Gegenwind für Berchtold. Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment sagte wörtlich: »Uns ist nicht klar, was Herr Berchtold will. Es bestehen immense Informationsdefizite. Einen abrupten Wechsel lehnen wir ab«.  Nach einem Jahr müsse dann aber auch Schluss sein. Infineon müsse wieder zur Ruhe finden und zum Geschäft zurückkehren, sagte Speich und fügte hinzu: »Jetzt ist der falsche Augenblick, die Sense im Aufsichtsrat kreisen zu lasse«.

Auch Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) kündigte an, Wucherer zu unterstützen. Die Kandidatur von Automanager Berchtold komme zu plötzlich.

Anderen Aktionären ging es primär nicht um das Thema Wucherer/Berchtold, sondern um mehr Frauen im Management oder mehr Rechte für Mitarbeiter. Hierzu fragte eine Aktionärin, welche Summe man denn durch die Streichung des Jubiläumsgelds für langjährige Betriebszugehörigkeit eingespart habe. Hierzu sagte CFO Schröter, Infineon habe einen zweistelligen Millionenbetrag gespart.

Der bei einem DAX-Konzern beispiellose Streit überschattete in den vergangenen Wochen die Erfolgsmeldungen von Infineon. Vorstandssprecher  Peter Bauer wies auf die gelungene Refinanzierung, positive Quartalsergebnisse und die erstklassige Positionierung am Markt hin. Desweiteren strebt er nach Abklingen der Krise mehr als zehn Prozent Ergebnismarge an - ein Ziel, das schon Infineons Ex-CEO Wolfgang Ziebart ausgegeben hatte. Im vierten Quartal war der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel auf 941 Mio. Euro gestiegen, für das laufende Geschäftsjahr kündigte Bauer sogar ein Plus von 20 % an. Noch ist allerdings nicht absehbar, wann es wieder eine Dividende geben wird. Auf einen Zeitpunkt legte sich Schröter nicht fest. Er sagte, man müsse zwischen Investion in Innovation und Dividendenausschüttung im Einzelfall abwägen.

Zum Abschluss einer Karriere als Aufsichtsratschef musste Max-Dietrich Kley einmal mehr z.T. harsche Kritik einstecken. Ihm wurde die Hauptverantwortung für eine katastrophale Personalpolitik, rote Zahlen in der Vergangenheit und - einmal mehr - für das Qimonda-Desaster zugeschoben.

Kley wollte von eigenen Fehlern aber nichts wissen und rechtfertigte sich auch dafür, dass er für insgesamt 60000 Euro die Kommunikationberatung CNC engagiert hatte, um Infineon in der Öffentlichkeit besser zu positionieren. Nach dem katastrophalen Ergebnis im Vorjahr mit nur 50,026 % wurde Kley diesmal mit 96,5 % entlastet - den schlechtesten Wert aller Aufsichtsräte fuhr er trotzdem ein.

Noch heute Nacht wurde der neue Aufsichtsratsvorsitzende bestimmt. Trotz seines vergleichsweise schlechten Wahlergebnisses wurde Klaus Wucherer einstimmig von seinen Aufsichtsratskollegen gewählt.