Mehr Gehör in Brüssel als in Berlin Wenig Unterstützung für die deutsche Mikroelektronik

Wohin geht der Weg der Mikroelektronik in Deutschland und in Europa? Diese Frage wurde auf dem vom VDE organisierten 3. Symposium für Mikroelektronik von Politik- und Industrievertretern in Berlin diskutiert. Die ernüchternde Erkenntnis: Vor allen Dingen die Bundesregierung tut zu wenig, um die Industrie im globalen Wettbewerb zu unterstützen.

Eröffnet wurde das Symposium mit einer Podiumsdiskussion, an der neben dem Bundestagsabgeordneten Andreas Lämmel, der sächsischen Staatssektretärin Prof. Dr. von Schorlemer auch der zu diesem Zeitpunkt noch amtierende CEO von Infineon, Peter Bauer, und Elmar Frickenstein, Chef der Elektronikentwicklung bei BMW, teilnahmen.

Ein ernüchterndes Bild zum Thema Subventionen für die Mikroelektronik-Fertigung zeichnete Lämmel: Nicht nur, dass diese Industrie von allen am kaptitalintensivsten sein, sondern auch, dass auf EU-Ebene Länder miteintscheiden, die selbst gar keine Produktionsstandorte haben, sei ein Problem. Wörtlich sagte er: “Es geht vereint gegen Deutschland”. Wenn der Beihilferahmen einmal steht, so Lämmel, ist das “Thema gegessen”. Ein Problem sei auch, dass “Deutschland selbst nicht 100 % davon überzeugt sei”, dass es richtig sei, die Industrie zu subventionieren.

Peter Bauer wies einmal mehr auf die Verzerrungen hin, die sich durch massive Förderungen in Asien ergeben und, dass die unterschiedlichen Lohnstrukturen nicht das Problem seien: “In 10 Jahren können Sie hier billiger fertigen als in China, weil dort die Löhne explodieren”, so Bauer. Dass die EU neue Föderungsprogramme kürze, sei zu bedauern, die Beihilfe für industrielle Ansiedlung und Fertigung sei “auf einem negativen Ast”. Laut Bauer müsse “ein dickes politisches Brett gebohrt werden”, der “Beihilferahmen ist ein Problem”.

Frickenstein kritisierte die mangelende Unetrstützung zum Ausbau der Elektromobilitäts-Infrastruktur – es gäbe nicht einmal einen einheitlichen Ladestecker. Eine fast zeitglich zum Kongress veröffentlichte Studie des Beratungsunternehmens McKinsey zeigt, dass Deutschland in der Tat nur rund die Hälfte im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder Spanien und gar nur 1/37 im Vergleich zur USA in den Ausbau der Elektromobilitäts-Infrastruktur investiert.

Sachsen als Vorreiter in Brüssel

In seinem Vortrag arbeitete der sächische Staatssekretär Hartmut Fiedler, der ja für  Silicon Saxony spricht, die Defizite der europäischen und deutschen Politik auf Bundesebene heraus: Europa habe im Vergleich zu den USA und Asien nicht nur die schlechteste Relation von Produktinnovationen zu Forschungsausgaben, es sei auch ein Trugschluß, zu denken, dass man alleine mit “More than Moore” weiterkomme und “More Moore” dabei vernachlässigen könne: “Wenn man sagt, More Moore sollen andere machen, dann hat das auch negative Auswirkungen auf More than Moore”.

Eine Studie der Beratungsfirma Oliver Wyman im Auftrag des Freistaates Sachsen hat u.a. zu dem Ergebnis geführt, das eine Unterstützung der High-End-Fertigung durch EU, Bundesregierung und Sachsen unerlässlich sei – Sachsen alleine ist mit seinen 16 Mrd. Haushaltsvolumen damit überfordert. Auf die Frage der Elektronik, wie sich den Bayern und Baden-Würtenberg, beides Standorte von wichtigen deutschen Industrieunternehmen, in die Diskussion um Fördermaßnahmen für die Mikroelektronikindustrie einbringen, antwortete Fiedler: “Die Unterstützung von Bayern und Baden-Würtenberg halt sich in Grenzen”.

Als es um die Rolle des Staates ging, stele sich die Frage, solle er nur Beobachter (freie Märkte) oder als Enabler wirken – Sachsen will ihn als Enabler, derzeit seien aber viele Bundesländer eher “Preventer”, also Verhinderer. Bezeichnenderweise erklärte Fiedler, dass Sachsen derzeit “mehr Gehör in Brüssel als in Berlin” finde. Die Sachsen-Agenda sei auf Bundesebene auf Wiederstand gestoßen. Auch die Frage, “ob es geschickt sei, seinen Wettbewerbern die eigene Beihilfepolitik zu zeigen”, warf Fiedler auf.

Fiedler forderte abschließend ein Bekenntnis für den Mikroelektronikstandort Europa, “bei Airbus hat man sich ja auch bewusst entschieden”. Klaus Meder, Bereichsvorstand bei Bosch, unterstütze Fiedler dahingehend, dass er sagte, “More than Moore geht nicht ohne More Moore”.

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VDE-Symposium Mikroelektronik

Was denken die Sprecher über die Entwicklung der Mikroelektronik in Deutschland und Europa?

Kopfschütteln über Position des Wirtschaftsministeriums

Mindesterialdirigent Dr. Manfred Schubert aus dem Bundeswirtschaftsministerium sah das ganze natürlich ganz anders: Er erklärte, dass hinsichtlich finanzieller Förderungen “traditionelle Industriezweige die gleiche Aufmerksamkeit wie neue Industrien” genießen würden. Die Frage der Elektronik, ob denn für gesellschaftliche Herausforderungern wie die Energiewende die Förderung der Ausbildung von Binnenschiffern oder die „Förderung von Umschlaganlagen des kombinierten Verkehrs“, also Subventionen für die Container-Industrie, die gleiche Relevanz wie die Mikroelektronik haben würden, konnte Schubert freilich nicht beantworten.

Schubert erklärte stattdessen, dass in vielen Ländern geföderte Industrien Marktanteile verloren hätten und immerhin Fördergelder im Umfang von 270 Mio. Euro für Mikroelektronik-Firmen bereitstehen würden – zum Vergleich: Alleine der koreanische Speicherhersteller Hynix erhielt 2009 während der Finanzkrise 600 Mio. Dollar von der koreanischen Regierung.

Die Forderung von Schubert, eine “weltweite Subventionsdisziplin” einzufordern, führte bei den meisten Kongress-Teilnehmern zu Kopfschütteln: Sie können sich offenbar nicht recht vorstellen, wie die Bundesregierung den Regierungen von Taiwan oder Korea die Unterstützung der lokalen Chip-Fertigung untersagen will.

More Moore bringt Produktivitätsgewinn

Auch Dr. Reinhard Ploss, seit heute neuer CEO von Infineon, wies auf die Bedeutung von “More Moore”, also das Schrumpfen der Prozessgeometrien bei der Chip-Fertigung hin: 30 % Produktivitätsgewinn pro Jahr stehen zu Buche. Ploss erklärte neben der Bedeutung der Chips für die Energiewende und das Internet (Serverfarmen verbrauchen weltweit mittlerweile mehr Energie als die gesamte Luftfahrtindustrie) auch, dass China IGBTs explizit in seinen 5-Jahresplan aufgenommen haben – als “in das Reich zu bringendes Thema”. Noch sei freilich Japan der größte Wettbewerber. Abschließend appellierte Ploss an die deutsche Politik: “Wir (in Deutschland) leben mit der Technik, wir lieben sie nicht. Jetzt (mit der Energiewende) haben wir Themen, die wir lieben können.”

Zum Abschluß warf Prof. Dr. Gabriel Crean von der französischen Firma Cea die Frage auf, wie den Europa auf die Reindustrialisierungs-Aktivitäten der USA reagieren wollten. Crean zitierte aus der “State of the Union Speech” von US-Präsident Obama vom 25.1.2011 und den Folgen: Nicht nur die allbekannten Förderungen für die High-End-Fab von Globalfoundries im Bundesstaat New York, sondern auch ein anderers Beispiel benannte Crean: BASF bekam für den Aufbau einer High-End-Fertigung für Lithium-Ionen-Akkus in Ohio von den 50 Mio. Dollar Investitionskosten einen Zuschuss von 24,6 Mio. Dollar – fast 50 %. Am 29.5.2012 verkündete Obama zudem eine neue “Regional Manufacturing Policy”, inw elcher es ebenfalls um Subventionen zum Aufbau von Industriestandorten geht.

Besonders erschüttert zeigten sich die meisten Teilnehmer über eine Folie Creans, auf welcher er die Einfuhr von F&E-Leistungen aus China nach Europa präsentierte: Von 2004 bis 2008 wuchsen diese um 431 %, was beweist, dass nicht nur die Fertigung nach Asien abwandert, sondern auch die Entwicklung – eine These, die der Branchenverband SEMI ja schon lange aufgestellt hatte.

Neben dem reduzierten Fördergeld-Budget sieht Crean noch eine weitere große Herausforderung: Die mangelhafte Koordination zwischen den meisten EU-Mitgliedsländern. . Abschließend fragte die Elektronik Crean, welche Haltung den Deutschland zu den ganzen Fördermaßnahmen aus seiner Sicht habe. Creans einfache aber deutliche Antwort: “Germany has no position”.