Interview mit Dr. Morris Chang von TSMC »TSMC wird einer der Pioniere bei 450-mm-Wafern sein«

Dr. Morris Chang, Chairman und CEO von TSMC: „In mancherlei Hinsicht vermisse ich das Leben in den Vereinigten Staaten, meiner Meinung nach das freieste und offenste Land der Welt.“
Dr. Morris Chang, Chairman und CEO von TSMC: „In mancherlei Hinsicht vermisse ich das Leben in den Vereinigten Staaten, meiner Meinung nach das freieste und offenste Land der Welt.“

Er ist der Gründer der Foundry-Industrie und damit indirekt auch Begründer des Erfolgs der Fabless-Halbleiterhersteller: Dr. Morris Chang, Chairman und CEO der Taiwan Semiconductor Manufacturing Corp. Er hätte mit seinen 80 Jahren schon längst das Rentenalter erreicht, aber er sieht es nach wie vor als seine Berufung, sein 13-Mrd.-Dollar-Unternehmen weiterhin auf Erfolgskurs zu halten.

In diesem Jahr wurde Dr. Morris Chang mit der IEEE Medal of Honor für seine außerordentliche Führungsrolle in der Halbleiterindustrie ausgezeichnet. Er ist nicht nur Gründer der heute 28 Mrd. Dollar schweren Foundry-Industrie, sondern hat in seiner Laufbahn auch die Halbleitersparte von Texas Instruments geführt und der Halbleiterindustrie in Taiwan den Weg bereitet. Elektronik-Chefredakteur Gerhard Stelzer besuchte ihn in der Firmenzentrale in Hsinchu, Taiwan.

Elektronik: Dr. Chang, Sie haben kürzlich die IEEE Medal of Honor für außerordentliche Führerschaft in der Halbleiterindustrie erhalten. Gratulation. Wenn Sie zurückschauen, was würden Sie als Ihre größte Leistung in der Halbleiterindustrie einstufen?

Dr. Morris Chang: Ich würde sagen, dass mein bedeutendster Erfolg in der Halbleiterindustrie die Begründung des Foundry-Geschäftsmodells war und zu einem geringeren Ausmaß die Tatsache, damit einen Katalysator für das Fabless-Geschäftsmodell geschaffen zu haben. Das pure Foundry-Modell wäre ohne neue Fabless-Unternehmen nicht erfolgreich gewesen, ein klassisches Henne-Ei-Problem.

Elektronik: Das IEEE Spectrum bezeichnete Sie in der Mai-Ausgabe als den „Foundry-Vater“. In der Tat sind Sie der Gründer der heute auf einen Umsatz von 28 Mrd. Dollar geschätzten Foundry-Industrie und Chairman und CEO vom Branchenprimus
TSMC. Von 2005 bis 2009 hatten Sie das Amt des CEO an Dr. Rick Tsai abgegeben. Was hat Sie als Chairman dazu veranlasst, ins Tagesgeschäft als CEO zurückzukehren, und macht Ihnen der Job noch Spaß?

Dr. Chang: Nun, im Juni 2009 hatte ich das Gefühl, dass TSMC in einen kritischen Zeitabschnitt eintrat. Kritisch deshalb, weil wir es mit neuen Wettbewerbern zu tun hatten, wie Globalfoundries, und wir wurden auch mit immer fortschrittlicheren und komplexeren Technologien konfrontiert. 2009 fingen wir mit 40 nm an und wir erwarteten damals, dass wir in weiteren zwei Jahren bei 28 nm ankommen würden. Diese Technologien stellten sich als zunehmend kapitalintensiv und technisch schwierig heraus. Der zweite Grund, warum ich das Ruder wieder übernommen habe, war, dass sich unsere Umsätze und Gewinne langsamer entwickelten als gedacht und ich das Gefühl hatte, beide Größen sollten schneller zulegen.

Elektronik: Sie haben die Prozesstechnologieknoten 40 und 28 nm erwähnt. Intel will in der Massenfertigung  ab 22 nm von planaren Transistorstrukturen auf FinFETs umsteigen. Wie sieht es bei TSMC aus?

Dr. Chang: Wir arbeiten seit 2002 an FinFETs, aber derzeit planen wir nicht, FinFET-Strukturen in unserem 20-nm-Prozess einzusetzen. Für spätere Prozessknoten bleiben FinFETs eine Option.

Elektronik: Als Sie die Foundry-Industrie aus der Taufe hoben, haben Sie mit dem niederländischen Unternehmen Philips kooperiert. Warum haben Sie bei Ihren Kontakten in der amerikanischen Halbleiterindustrie nicht dort einen Partner gesucht?

Dr. Chang: Ich habe mehrmals versucht, verschiedene amerikanische Unternehmen als Partner zu gewinnen. Keines von diesen Unternehmen war interessiert. Das einzige Unternehmen, das in uns investieren wollte, war Philips. Es war das einzige große Unternehmen der Branche, das die Ressourcen und den Willen hatte, in uns zu investieren. Philips lizenzierte Technologie an uns und stellte uns einen Patentschirm zur Verfügung.

Bilder: 4

Zu Besuch bei TSMC

Ein paar Schnappschüsse vom Firmensitz der weltweit größten Halbleiter-Foundry.

Elektronik:Im letzten Jahr hat TSMC rund 13,3 Mrd. Dollar umgesetzt, das entspricht fast der Hälfte der gesamten Foundry-Industrie. Beim operativen Ergebnis liegt Ihr Unternehmen mit 5,3 Mrd. Dollar noch weiter vorn, das macht 90 Prozent Ihres Industriesegments aus. Sehen Sie einen ernstzunehmenden Wettbewerber in der Foundry-Industrie?

Dr. Chang: Ja, natürlich. Wir haben immer unsere Wettbewerber ernst genommen. Viele Jahre hatten wir UMC als zweitgrößten Wettbewerber. In Bezug auf Volumen und Umsatz ist UMC immer noch die Nummer zwei. Aber es gibt weitere ernstzunehmende Wettbewerber wie Globalfoundries und Samsung. Letztere steigen immer stärker ins Foundry-Geschäft ein und haben auch öffentlich angekündigt, dass sie ihr Foundry-Geschäft kräftig ausbauen wollen. Außerdem ist Intel selektiv im Foundry-Geschäft unterwegs.

Elektronik: Wie schätzen Sie Globalfoundries ein, die finanziell von Abu Dhabi gestützt werden? Können die TSMC Marktanteile abnehmen und sind sie in der Lage, technologisch mit ihnen mitzuhalten?

Dr. Chang: Sie fragen mich nach einer Prognose. Nun, wir bei TSMC werden alles daran setzen, dass sie uns keine Marktanteile abnehmen können und dass sie auch technologisch hinter uns zurückbleiben.

Elektronik: Beim Umstieg von 200-mm- auf 300-mm-Wafer leisteten Siemens HL/Infineon und Motorola SPS/Freescale in Dresden gemeinsam Pionierarbeit. Unter den frühen Anwendern folgten Intel, Samsung und TSMC. Wird TSMC die Pionierarbeit für die Fertigung auf 450-mm-Wafern übernehmen?

Dr. Chang: TSMC wird einer der Pioniere bei 450-mm-Wafern sein. Wir werden definitiv bei der ersten Gruppe dabei sein. Bereits 2006 hatten wir eine Allianz mit Intel und Samsung ins Leben gerufen. Aber jetzt hat sich der US-Bundesstaat New York ins Spiel gebracht und übernimmt dort eine Führungsrolle. Die Allianz wurde erweitert und umfasst nun auch IBM und Globalfoundries.

Elektronik: Sie können auf eine beeindruckende Biografie verweisen. Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?

Dr. Chang: Für die nahe Zukunft möchte ich hier weiter meinen Job machen und sehen, dass TSMC seine Marktführerschaft noch weiter ausbaut. Wenn ich dann eines Tages den Posten des CEO weitergebe, dann möchte ich mich dem Schreiben meiner Autobiographie widmen.

Elektronik: Von 1949 bis 1985 haben Sie in den Vereinigten Staaten gelebt und für US-Unternehmen gearbeitet. Vermissen Sie das Leben in den Vereinigten Staaten?

Dr. Chang: In mancherlei Hinsicht vermisse ich es. Ich mag die freie und offene Gesellschaft in den Vereinigten Staaten. Meiner Meinung nach ist es das freieste und offenste Land der Welt. Ich habe in Dallas, Boston, New York und in der Bay Area gelebt. Alle diese Städte sind verschieden, aber ihre Unterschiedlichkeit ist das, was mich anzieht.