Kommentar ST Microelectronics: Ende mit Schrecken statt Schrecken ohne Ende

Nun ist die Katze endlich aus dem Sack: Nach 5 Quartalen mit hohen Verlusten in Folge hat ST Microelectronics die Notbremse gezogen. Drastische Kostensenkungen, eine schlankere Struktur und der Ausstieg bei ST-Ericsson sollen zurück auf die Erfolgsspur führen. Ein guter Schritt, aber warum nur hat man solange gewartet?

Nachdem CEO Carlo Bozotti die „neue Strategie“ des Chipherstellers ST Microelectronics offiziell angekündigt hat, muß man als erstes feststellen: Sinn macht sie, sie ist allerdings auch längst überfällig.

Lassen wir die letzten 20 Monate noch einmal Revue passieren: Nachdem ST 2011 mit 9,630 Mrd. Dollar fast wieder den Umsatz von 2008 erreicht hatte und immerhin einen kleinen Gewinn in Höhe von 155 Mio. Dollar eingefahren hatte, geht der Umsatz 2012 auf 8,384 Mrd. Dollar (Prognose IC Insights) bzw. 8,453 Mrd. Dollar (Prognose IHS iSupply) zurück.

Viel schlimmer ist allerdings die Gewinn-, bzw. im Fall von ST, die Verlustentwicklung: Schon im 1. Halbjahr 2012 wurden 481 Mio. Dollar eingefahren, im dritten Quartal kamen nochmal 478 Mio. Dollar hinzu, so dass ein Milliardenverlust zum Jahresende gesichert ist.

Ein großes Problem ist dabei das chronisch erfolglose Joint-Venture ST-Ericsson, das wie auch Texas Instruments und Infineon erkennen musste, dass man im Mobilmarkt vor allen Dingen bei Smartphones ohne integrierte Lösung (Basisband und Applikationsprozessor) keine Chance mehr hat. Während Infineon seinen Wireless-Bereich noch rechtzeitig zu einem extrem guten Preis an Intel veräußern konnte, zog TI bei OMAP vor einigen Monaten auch sehr spät die Notbremse, entließ 1.700 Mitarbeiter und zog sich aus dem Mobilgeschäft mit seinen OMAP-Prozessoren zurück. Dass CEO Bozotti die Probleme auf die veränderte Landschaft bei Mobil-OS schiebt und darauf, dass Apple eigene Prozessoren baut, ist viel zu einfach: Die Probleme bei ST Ericsson sind schlichtweg hausgemacht, Wettbewerber Qualcomm wird auf Grund attraktiver Snapdragon-Prozessoren in 2012 voraussichtlich um 27 % wachsen. ST Ericsson hat dagegen einfach die falschen Produkte gebaut, die (so gut wie) niemand haben wollte und will.

Schon in dem Bericht für die amerikanische Börsenaufsicht SEC von 2011 kann man u.a. nachlesen, dass die Umstrukturierung von ST-Ericsson “herausfordernder ist als gedacht”, “keine adäquaten Umsätze erzielt werden” und “der Weg zur Profitabilität länger als erwartet dauern wird”. Zudem wurde schon einmal gewarnt, dass der Wert von ST-Ericsson, das mit 1,9 Mrd. Dollar in den ST-Büchern steht, “signifikant sinken könnte”- dies wird ja nun nach dem angekündigten Ausstieg mit Sicherheit eintreten, da vermutlich niemand Interesse haben wird, STs Anteile zu einem vernünftigen Preis zu kaufen – selbst dass sich überhaupt ein Käufer finden wird, erscheint alles andere als sicher. Im Worst-Case wird ST seine Anteile komplett abschreiben müssen.

ST hat allerdings ein größeres Problem als ST-Ericsson: Von 792 Mio. Miesen im operativen Geschäft alleine im 3. Quartal 2012 stammten “nur” 184 Mio. aus dem Wireless-Bereich, so mussten erhebliche Wertberichtigungen vorgenommen werden. Auch die Gewinne in den wenigstens noch profitablen Sparten Automotive, Analog, MCUs und MEMS und Power-Descrete brachen ein.

Die Bonitäts-Ratings der Agentur Moody’s wurde bereits am 30.April auf Baa1 mit negative Ausblick abgewertet, am 29. Mai zog Fitch nach, indem das Rating von BBB+ auf BBB mit negativen Ausblick runtergestuft wurde – als Folge muß ST höhere Zinsen für Kredite bezahlen. Und last but not least: Auch die Geldreserven schmelzen, in der Bilanz mit “Cash & Cash Equivalents” bezeichnet: Am 29.September 2012 betrugen sie noch 1,686 Mrd. Dollar, rund 250 Mio. weniger als Ende 2011, dafür stiegen die Schulden ebenso um rund 250 Mio. Dollar.

Letztendlich hinkt ST schon lange bei der Produktivität der einzelnen Mitarbeiter hinterher: Während Wettbewerber wie Infineon oder Freescale 2011 auf Umsätze um 200.000 Dollar pro Mitarbeiter kamen, hat ST nur 163.000 Dollar/Mitarbeiter erwirtschaftet. Dass auch noch ausgerechnet der kriselnde finnische Handyhersteller Nokia mit 10,4 % vom Gesamtumsatz größter ST-Kunde ist, macht die Sache nicht besser, ebenso das Auslaufen des sogenannten “Crolles Nano 2012 Frame Agreements”, ein Suventionsabkommen, das ST von 2008 bis 2012 immerhin staatliche Hilfen aus Frankreich in Höhe von 340 Mio. Euro bescherte.

Ein Grund für die Ineffizienz verbunden mit hohen Fixkosten war sicherlich auch die gigantisch anmutende Organisationsstruktur. Vier Geschäftsbereiche und eine rekordverdächtige Anzahl von Executives (je nachdem wen man alles mitzählen möchte, kommt man auf mindestens 25 Köpfe) sorgen Tag für Tag für Reibungsverluste, dazu kamen ständige Personalveränderungen: Alleine im Geschäftsbericht 2011 kann man von 17 (!) Um- bzw. Neubesetzungen im Top-Management lesen, 2012 ging das muntere Stühlerücken unvermindert weiter. ST hat zugegebenermaßen die schwierige Situation, das die beiden größten Aktionäre mit jeweils 13,5 % Aktienbesitz an der ST-Holding mehr oder weniger direkt die Staaten Italien und Frankreich sind. Ähnlich wie beim Flugzeugbauer Airbus müssen bei ST ständig unterschiedliche politische Interessen austariert werden. Kommt ein Franzose, muss aus Paritätsgründen natürlich auch ein Italiener her und umgedreht – Airbus lässt grüßen. Marktführer Intel beschäftigt nebenbei bemerkt neben CEO Paul Otellini noch ganze drei Executive Vice Presidents. Das Durchschnittsalter des Aufsichtsrates, der ja für die Vorstandsbesetzungen verantwortlich ist, kommt übrigens im Durchschnitt auf ein gesegnetes Alter von 60,67 Jahre.

Dazu gab es am 31.12.2011 nicht weniger als 93 weltweite Tochterfirmen, ein ebenfalls rekordverdächtiger Wert. Einige ehemalige ST-Mitarbeiter haben mir erklärt, dass sie den Eindruck hatten, man “organisiere sich primär selbst” und “dass es immer schwieriger geworden sei, bei Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten durchzublicken”.

Die heutige Entscheidung, sein Geschäft nur noch in zwei Geschäftsbereichen abzuwickeln, ist daher zu begrüßen verbunden mit der Hoffnung, dass damit auch die Anzahl der Executives zurückgefahren wird. Das spart nicht nur Geld, sondern hilft ST auch dabei, schnellere und fokussierte Entscheidungen zu treffen – zu viele Köche verderben ja oft den Brei, das ist keine neue Erkenntnis.

Zu begrüßen ist auch Bozottis Ziel, die hohen operativen Ausgaben (ohne Restrukturierungskosten, die 2013 sicherlich auftreten werden) um 25 bis 30 % zu senken, auch wenn dies natürlich mit schmerzhaften Einschnitten beim Personal verbunden sein dürfte. Mehr als 1 Mrd. Dollar weniger pro Jahr will ST ab 2014 ausgeben als noch 2011, damit sinkt der Break-Even-Point drastisch ab und Bozottis Ansage, zukünftig Renditen von 10 % im operativen Geschäft generieren zu wollen, klingt nicht mehr utopisch.

Die große Frage ist natürlich, welche signifikanten Fehler kann und muß man CEO Carlo Bozotti selbst vorwerfen, dass er es zu dieser Situation überhaupt hat kommen lassen. Wie man aus der Politik auch in Deutschland weiss (Stichwort: Opel) richtet sich die politische Unterstützung meistens nicht nach Sachfragen, sondern Arbeitsplätzen gleich potentiellen Wählerstimmen. Selbst wenn Bozotti zu einem früheren Zeitpunkt ein radikales Umsteuern gewollt hätte, stellt sich die Frage, ob ihn sein Aufsichtsrat gelassen hätte – vermutlich durfte er einfach nicht so, wie er wollte, vor allen Dingen dann nicht, wenn Arbeitsplätze hätten abgebaut werden sollen.

Ähnlich wie bei beim Wettbewerber Renesas musste offenbar auch bei ST erst in Form von fortlaufenden hohen Verlusten das Wasser bis zum Halse stehen, bevor man sich endlich durchgerungen hat, statt mit kosmetischen Korrekturen (ständige Umbesetzungen im Management und kleineren organisatorischen Veränderungen) dem Übel an die Wurzel zu gehen.

Ich halte das vorgestellte Konzept für tragfähig, mag allerdings gar nicht daran denken, wieviele Millionen man vermutlich hätte einsparen können, wenn man es schon ein Jahr früher präsentiert hätte.