SEMI Forum Brussels 2016 »Silber-Wirtschaft« muss in die Köpfe

Gerhard Stelzer
Chefredakteur Elektronik
Gerhard Stelzer, Chefredakteur Elektronik

Normalerweise befasst sich der Branchenverband SEMI mit Halbleiterfertigung, vor allem Fertigungsausrüstung und Materialien. Auf dem 10. SEMI Forum in Brüssel wagte man auch einen ausgedehnten Blick über den Tellerrand.

Diesmal wagte man einen ausgedehnten Blick über den Tellerrand – freilich nicht, ohne geschäftliche Perspektiven aus den Augen zu verlieren. Ilias Iakovidis von der EU-Kommission/DG Connect stellte den demografischen Wandel und die daraus resultierende „Silber-Wirtschaft“ (Silver Economy) ins Zentrum seines Eingangsvortrags. Ein Blick ins Plenum offenbarte, dass mindestens die Hälfte der Teilnehmer durchaus Interesse an diesem Thema gehabt haben dürfte, wenn Sie wissen, was ich meine.

Laut Iakovidis hat es die Menschheit derzeit mit zahlreichen Krisen und Problemen zu tun, einer lahmenden Weltwirtschaft, Umweltkatastrophen, Terrorismus und Flüchtlingswanderungen. Da fehlt der demografische Wandel gerade noch. Allerdings sei dieser im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Krisen ziemlich genau vorhersehbar. In Zukunft werden nicht vier, sondern nur noch zwei Arbeitende für einen Rentner aufkommen müssen. Die Kosten der Pflege werden bis 2025 voraussichtlich 4 bis 8 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP)ausmachen und die erwerbstätige Bevölkerung dürfte deutlich schrumpfen. Bis 2020 werden außerdem wohl bis zu 20 Mio. Pflegekräfte fehlen. Keine rosigen Aussichten.

Allerdings eröffnet diese Entwicklung auch umfangreiche Marktchancen, die sogenannte „Silber-Wirtschaft“. Neue Pflegemodelle in Verbindung mit modernen elektronischen Gesundheitsüberwachungssystemen gestatten Senioren, länger selbstbestimmt in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben und die Pflege-Ressourcen effizienter zu nutzen. Zudem verfüge die Gruppe der Senioren (über 65 Jahre) mit 3000 Mrd. Euro über ein erhebliches Vermögen und sorge mit 85 Mio. Verbrauchern auch für eine enorme Nachfrage nach altersgerechten Produkten. Schätzungen sehen die globale Silber-Wirtschaft derzeit bei 7 Billionen Dollar pro Jahr; bereits 2020 sollen es 15 Billionen sein.

In Europa belaufen sich die Pflegekosten auf rund 1000 Mrd. Euro p.a. (8 % des BIP) und wenn man nur 10 % davon in Innovation steckt, dann wäre das ein F&E-Budget von 100 Mrd. Euro p.a. Damit könnte man viel bewegen.

Die Kommission hat zur Beherrschung des demografischen Wandels die Europäische Innovations-Partnerschaft (EIP) ins Leben gerufen, im Rahmen derer von 2013 bis 2016 mit Hilfe von sechs Aktionsgruppen 32 Referenz-Standorte in der EU eingerichtet wurden. Die sechs Aktionsgruppen befassen sich mit Befolgung der Verschreibung, Sturzvermeidung, nachlassenden Körperfunktionen und Gebrechlichkeit, integrierter Pflege, Lösungen für ein unabhängiges Leben und altersfreundlichen Umgebungen. Am stärksten engagiert ist Spanien mit 21,8 %, gefolgt von Frankreich mit 18,2 % und Italien mit 12,71 %.

Warum ausgerechnet Europas stärkste und bevölkerungsreichste Volkswirtschaft mit 10,9 % nur auf dem vierten Platz landet, ist allerdings bedenklich. In Deutschland scheint die „Silber-Wirtschaft“ noch nicht in den Köpfen angekommen.