Interview Semikron: Seit 60 Jahren in der Leistungselektronik

Das SKAI-2-Modul von Semikron
Das SKAI-2-Modul von Semikron

Das Nürnberger Unternehmen Semikron entwickelt und fertigt Komponenten u.a. für Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen. Elektronik-Redakteurin Andrea Gillhuber sprach mit Thomas Grasshoff, Harald Jäger und Reinhard Helldörfer über Elektromobilität und erneuerbare Energien.

Ganz Deutschland spricht von der Energiewende. Damit unmittelbar verbunden ist die Elektromobilität. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Diskussion auf die Leistungselektronik und Semikron?

Thomas Grasshoff: Die Leistungselektronik und auch Semikron sind mehr in das öffentliche Interesse gerückt. Mit steigendem Interesse an Erneuerbaren Energien stieg auch unser Bekanntheitsgrad vehement. Grundsätzlich entwickelt Semikron Basistechnologien, die sowohl für Industrieprodukte für erneuerbare Energien als auch im Fahrzeug eingesetzt werden.

Reinhard Helldörfer: Im Übrigen sehe ich auch bei den Automotive OEMs eine Trendwende: In den letzten 15 Jahren reduzierten sie ihren Lieferantenbestand um 30 bis 70 Prozent. Jetzt müssen aufgrund der Entwicklung im Bereich Elektromobilität ganz neue Technologien in das Auto. Die großen Zulieferer fangen in diesem Bereich gerade erst an und nun ergeben sich Möglichkeiten für etablierte Leistungselektronikspezialisten.

Harald Jäger: Für uns ist diese Diskussion sicher auch eine Bestätigung für die strategische Ausrichtung der Semikron in den letzten beiden Jahrzehnten. Die Anfragen nach neuen Produkten und Projekten vor allem durch OEMs ist rasant gestiegen. Durch unsere Erfahrung in der Entwicklung und Massenproduktion von leistungselektronischen Systemen sind wir in den Fokus der PKW-OEMs gerückt.

Vielleicht deswegen, weil sich aufgrund der aktuellen Diskussion alle auf Elektromobilität und Erneuerbare Energien stürzen?

Jäger: Sagen wir es einmal so: Die Anwendung wird deutlich breiter. Vor zehn Jahren wurde in diesem Bereich vornehmlich von Industrie- und von Windanlagen gesprochen, heute sind unsere Möglichkeiten vielfältiger. Natürlich hat Semikron dadurch an Attraktivität gewonnen.

Helldörfer: Außerdem diversifiziert sich Semikron weiter. Angefangen hat das Unternehmen mit Dioden und Gleichrichtern und produziert jetzt Leistungs-Module und ganze Systeme, wie unseren SKAI. Viele Ingenieure interessieren sich für die Vielseitigkeit eines solchen Systems. Von den Chips über die Aufbautechnologie bis hin zur Endapplikation, von der Hardware bis hin zur Software.

Semikron ist einige Kooperationen und Joint-Ventures eingegangen. Welche Vorteile bietet das für Semikron?

Jäger: Wir haben das Profil und Know-how der gesamten Firmengruppe durch Kooperationen in den letzten beiden Jahren weiter optimiert. In der Diskussion und Zusammenarbeit mit OEMs benötigen wir umfassende Kompetenzen im Bereich Antriebsstrang, also für E-Motoren, Software, Regelungstechnik, die über unsere klassischen leistungselektronischen Module hinausgehen. Zudem haben viele Kunden heute keine oder geringe Erfahrung in der Entwicklung und Produktion von Leistungselektronik-Systemen, da sie über Jahrzehnte hinweg v. a. Otto- und Dieselmotoren weiterentwickelt haben. So wird Semikron als technisch kompetenter Partner neue Märkte erschließen.

So haben wir uns 2010 an der Firma Compact Dynamics in Starnberg beteiligt. Compact Dynamics verfügt über exzellente Erfahrungen und Technologien für hocheffiziente Elektromaschinen. Seit vielen Jahren arbeitet Compact Dynamics als etablierter Partner mit OEMs v.a. im Rennsport.

Im Herbst 2010 hat Semikron mit der Fa. drivetek aus der Schweiz ein Joint Venture gegründet. drivetek arbeitet als Engineering-Dienstleister ebenfalls seit langer Zeit weltweit mit renommierten Kunden in verschiedenen Bereichen der Leistungselektronik und Software - auch mit Semikron. Über unser gemeinsames JV „SKAItek“ haben wir Zugriff auf eine leistungsfähige E-Motor-Regelungs-Software. Sie wird eingesetzt, um unsere SKAI-Systeme mit Regelungstechnik als komplette Umrichter-Systeme zu vermarkten. Diese Systeme werden für viele On- und Off-Road-Applikationen eingesetzt.

Mit unserer Tochterfirma VePoint decken wir den Bereich Entwicklung und Produktion von höchstintegrierten Systemen für Elektro- und Hybrid-PKW ab. Über VePoint werden all die spezifischen OEM-Anforderungen für den PKW-Massenmarkt erfüllt - als Stichworte sind hier z. B. TS-16949- oder SPICE-Zertifizierungen zu nennen. Der klassische PKW-OEM fordert das und wir separieren Entwicklung und Fertigung der VePoint-Produkte klar vom bisherigen Portfolio.

Welchen Handlungsbedarf sehen Sie im Bereich Elektromobilität von Seiten der Regierung?

Helldörfer: Relativ einfach ist es für die Politik, geänderte Rahmenbedingungen zu schaffen. Beispielsweise die Möglichkeit, in der Berliner oder Münchner Innenstadt auch ohne Garagenstellplatz ein Elektrofahrzeug aufladen zu können. In London dürfen nur Zero-Emission-Fahrzeuge in die Innenstadt fahren, dieses Modell der Umweltzone wäre auch für andere Großstädte denkbar. Solche Rahmenbedingungen sind wichtig. Für die Übergangszeit könnten Anschubfinanzierungen wie in China eine Option sein. Das ist gerade für die kleineren Fahrzeuge sinnvoll, deren Mehrkosten aufgrund der Batterie überproportional hoch sind.
 
Werden Ihrer Meinung nach bis 2020 wirklich 1 Mio. Elektrofahrzeuge in Deutschland unterwegs sein?

Grasshoff: Die Regierung spricht von einer Million Elektrofahrzeuge im Jahr 2020. Eine Million Elektrofahrzeuge entsprechen heute rund zehn Prozent unseres Fertigungsvolumens pro Jahr. Für die Semikron wäre es kein großer Schritt, diesen Markt zu bedienen - die zusätzliche Kapazität ist zeitgerecht darstellbar.

Jäger: Für uns wäre das kein Problem! Mit relativ kurzer Vorlaufzeit könnten wir als Lieferant dieses Szenario umsetzen. Für uns stellt sich heute eher die Frage, wie sich die Projekte der OEMs im genannten Zeitraum wirtschaftlich darstellen. Wenn sich die o. g. politischen Rahmenbedingungen ändern, könnten die Stückzahlen schnell steigen und die Komponenten- und Fahrzeugkosten weiter reduziert werden. Wenn auf diesem Wege die Elektro- oder Hybridfahrzeuge für den Endnutzer auch finanziell attraktiv werden, dann kann ich mir eine Million Elektrofahrzeuge in zehn Jahren in Deutschland durchaus vorstellen.