Tokio, wir haben ein Problem! Renesas verliert Geld nicht nur wegen China-Geschäft

Renesas‘ Firmenzentrale im Tokyoer Stadtteil Toyosu.
Renesas‘ Firmenzentrale im Tokyoer Stadtteil Toyosu.

Die Quartalsberichte der großen Halbleiterhersteller sind ausnahmslos durchwachsen: Mit wenigen Ausnahmen waren Ende Juni Umsatzrückgänge zu beklagen, fast in allen Fällen primär durch das rückläufige China-Geschäft. Der japanische Hersteller Renesas hat jedoch ein anderes und viel größeres Problem.

Die Abhängigkeiten der weltweiten Chip-Industrie vom chinesischen Markt sind nicht neu. So generiert der deutsche Champion Infineon alleine ein Viertel seines weltweiten Umsatzes im Reich der Mitte, deutlich mehr als in Deutschland und fast so viel wie in ganz Europa. Dass in China derzeit schwierige Marktbedingungen herrschen, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. Der Handelskrieg mit den USA und rückläufiges Wachstum insbesondere in der Automobilindustrie bremsen die Geschäfte.

Während Infineon dank seiner herausragenden Rolle in der Leistungselektronik im Vergleich zum Vorjahr trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen wachsen konnte, ist eine Seite der Medallie, die andere ist, dass Konkurrenten wie z.B. ST Microelectronics herbe Rückschläge  insbesondere im Bereich der Mikrocontroller erlitten.

Der japanische Chip-Hersteller Renesas blickt nicht nur auf ein desaströses Quartal, sondern ebenso auf ein solches Halbjahr zurück. Im Vergleich zu 2018 gingen die Umsätze gleich um 11,8 % zurück, was noch viel schlimmer wiegt ist ein Verlust in Höhe von 1,2 Mrd.Yen im Quartal und 3 Mrd.Yen (27 Mio. Euro) im abgelaufenen Halbjahr  - 2018 konnte noch ein Gewinn in Höhe von 56 Mrd. Yen erwirtschaftet werden. Gestiegen sind nur die Verbindlichkeiten und zwar von 454 Mio. auf über 1 Mrd. Yen. Für Ende September wird für die dann ersten 9 Monate des Geschäftsjahres ein Verlust zwischen 6 und 7,4 Mio. Yen in Aussicht gestellt.

Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass sich die Umsatzrückgänge im 1. Halbjahr durch alle 3 strategisch wichtigen Geschäftsbereiche ziehen: Im Automotive-Geschäft ist ein Rückgang gegenüber dem identischen Vorjahreszeitraum in Höhe von 10,92 % zu verbuchen, im Industrie-Geschäft um sogar 31,14 % und im sogenannten „Broad-based“-Geschäft, also bei den Allzweck-MCUs und Allzweck-Analog-Chips um 22,92 %.

Das Grundproblem von Renesas, das in den letzten Jahren erkannt, jedoch noch nicht hinreichend gelöst werden konnte, ist die dramatische Abhängigkeit vom Heimatmarkt Japan. Fast 50 % des Gesamtumsatzes werden dort erzielt, China folgt mit knapp 21 %, ganz Europa steht für knapp 16 % und Amerika für knapp 9 %. Der Rest wird in anderen asiatischen Ländern außerhalb Chinas erzielt.

Wenn man sich den Verlauf des 1. Halbjahres 2019 anschaut, war insbesondere das 1. Quartal mehr als schwierig und von Umsatzrückgängen in allen Regionen geprägt. Dies war kein reines Renesas-, sondern ein Industrie-Problem. Im 2. Quartal 2019 begannen sich jedoch alle Märkte mehr oder weniger zu erholen, d.h. der Rückgang änderte sich in Stagnation oder sogar wie im Fall von China in erneutes Wachstum.

Die einzige Ausnahme war Japan. Ein Umsatzrückgang um 18,2 % kam zu dem Rückgang in Q1 2019 obendrauf. Der Rückgang in Japan alleine war größer als in allen anderen Weltregionen zusammen. Wenn man wie Infineon nur 7 % Umsatzanteil in Japan hat, trifft einen der schwache Markt dort natürlich deutlich weniger als wenn man wie im Fall Renesas fast 50 % dort generiert.

Die japanischen Autohersteller Toyota, Honda und Nissan, die traditionell einen hohen Verkaufsanteil in den USA haben, leiden neben unter der starken Währung Yen sehr unter dem Handelskrieg zwischen den USA und China. Nissan hat neben Ford bereits angekündigt, Arbeitsplätze abzubauen und Fabriken zu schließen.

Neuer CEO, neues Glück?

Der letzte CEO, Bunsei Kure, wurde seinerzeit eingestellt, um die Internationalisierung zu forcieren und Renesas‘ Abhängigkeit vom Heimatmarkt zu verringern. Offensichtlich hat der Aufsichtsrat trotz erkennbarer Fortschritte angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung die Geduld verloren und Kure in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Als Nachfolger ab 1. Juli 2019 wurde niemand mit technischer Expertise, sondern der ehemalige CFO, Hidetoshi Shibata, ernannt. Dessen Lebenslauf lässt ahnen, was nunmehr bei den Japanern im Fokus steht:  Shibata-San arbeitete für diverse Investment-Firmen, u.a. Renesas‘ Anteilseigner „Innovation Network of Japan“ sowie Merill Lynch und war später als CFO von Renesas ab 2013 natürlich maßgeblich am „Gesundschrumpfen“ der Company nach dem Zusammenschluß mit NEC beteiligt.

Der Auftrag für den Zahlenguru und Jungdynamiker  - für einen japanischen CEO ist Shibata-San mit seinen erst 46 Jahren ein wahrer Jungspund - dürfte klar sein: Renesas durch welche Maßnahmen auch immer zur Profitabilität zurückführen. Angesichts der Marktsituation dürfte klar sein, dass das Zitieren des Sängers Xavier Naidoo im Fall Renesas nicht falsch sein dürfte: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“.  

Denn zwei Dinge kann Renesas nicht kurzfristig ändern bzw. überhaupt beeinflussen: Den Handelskrieg zwischen China und den USA und seine eigene Abhängigkeit vom japanischen Automobil- und mit Abstrichen Industrie-Geschäft. Shibata-San wird als Maßnahmenpaket im Grunde genommen nichts anderes übrig bleiben, als die Rolle des Kostenkillers einzunehmen. Wo er die Axt ansetzt, wird man abwarten müssen, aber extrem ungünstig wirken sich natürlich eigene nicht ausgelastete Halbleiterfabriken mit hohen Fixkosten aus, die Renesas trotz Outsourcing an die taiwanische Foundry TSMC noch in großem Umfang betreibt.

Bereits im April hatte Renesas‘ 6 Fabs wegen geringer Auslastung temporär für einen Monat geschlossen und 1.000 Arbeiter entlassen. Im August folgte nochmals eine einmonatige Pause mit allen Nachteilen wie dem aufwendigen Wiederanlauf der Produktion.

Ein Ansatz könnte daher ein weiteres Outsourcing und der Verkauf bzw. die Schließung von Fabs sein, ein anderer wie so oft weiterer Personalabbau. Mir fehlt allerdings die Fantasie dafür, wie man die ohnehin schon stark von ehemals über 40.000 auf nur noch knapp 20.000 Mitarbeiter geschrumpfte Company weiter verkleinern will, ohne sich andere Nachteile gerade bei der so wichtigen globalen Expansion einzuholen.