Kommentar Paul Otellini: Was den mächtigsten CEO der Chip-Branche zu Fall brachte

Frank Riemenschneider, Elektronik

Im Mai 2013 wird Intels Chef Paul Otellini im Alter von 62 Jahren zurücktreten, früher als erwartet. Obwohl der gelernte Betriebswirt in seiner Amtszeit Rekordumsätze und Gewinne einfuhr, hinterlässt er seinem – möglicherweise externen - Nachfolger ein schweres Erbe.

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass die Amtszeit von Intels CEO Paul Otellini eine erfolgreiche war: Rekordumsätze und –gewinne prägten seine Epoche, als erster Chip-Konzern überhaupt konnte Intel in einem Geschäftsjahr mehr als 50 Mrd. Dollar einnehmen, soviel wie 4 bis 5 Wettbewerber in den Top-10 der Chipbranche zusammen.

Zudem hat Intel als erster Hersteller bereits Chips mit FinFET-Transistoren geliefert zu einem Zeitpunkt, als die größten Auftragsfertiger TSMC und Globalfoundries und auch die Nr. 2 der Branche Samsung noch nicht einmal Testchips fertig hatten.

Der langjährige Wettbewerber (wenn wir ihn angesichts der extrem limitierten Marktanteile so nennen wollen) von Intel im x86-Geschäft, AMD, bekam, egal was er versuchte, kein Bein auf die Erde – im Gegenteil: Wurde AMDs Marktanteil zu gering, senkte Intel die Preise, vermutlich hatte man Angst, dass AMD Pleite geht und sich angesichts des drohenden Monopols die Wettbewerbshüter mit Intel beschäftigen würden.

Otellini schaffte es als erster Manager aus dem Marketing-Bereich ganz an die Spitze und stach dabei seinen ehemaligen Counterpart von der technischen Seite, Patrick „Pat“ Gelsinger, trotz dessen nachweislichen Erfolgen aus-mittlerweile hat Gelsinger Intel verlassen und verdient sich seine Brötchen als CEO bei VMWare.

Dass Otellini trotz seiner erst 62 Jahre (eine Intel-Policy besagt, dass ein CEO im Alter von 65 abtreten muss) abtritt, liegt einzig und allein daran, dass Intel – sagen wir es deutlich – dramatische Marktveränderungen verschlafen hat.

Über Dekaden und auch zum Beginn der Amtszeit von Otellini war das Geschäftsmodell einfach: Intel lieferte Prozessoren, OEMs wie Dell und HP die PCs und Microsoft mit Windows die passende Software. Diese Win-Win-Win-Gemeinschaft besaß die Lizenz zum Gelddrucken, man nannte die Microsoft-Intel-Allianz schon scherzhaft „Wintel“.

Dann kam im Jahr 2007 das erste iPhone und von da an war nichts mehr so wie es einmal war. Der Smartphone- und Tablet-Markt explodierte, während der traditionelle PC-Markt stagnierte. Intel hatte – und das war das Problem – über Jahrzehnte immer nur auf höhere Rechenleistung gesetzt und keinen Energiespar-Prozessor im Angebot, den irgendein Hersteller von Mobilgeräten hätte eindesignen können. Stattdessen explodierten Umsatz und Gewinn bei Qualcomm, der mit seinen ARM-basierten Snapdragon-Prozessoren ein Design-Win nach dem anderen landete.

Eine besondere Schmach für Intel und Otellini ergab sich kurz vor seiner Rücktrittsankündigung: Erstmals war Qualcomm an der Börse mehr wert als Intel, eine sicherlich schmerzhafte Erkenntnis für die ewige Nr. 1 der Chipbranche.

In aller Schnelle erfand man eine neue Kategorie von ultraflachen Notebooks, Ultrabooks genannt. Otellini kündigte an, dass man hiermit 40 % aller Notebook-Auslieferungen plane – die Realität sieht anders aus, Analysten rechnen nicht mal mit der Hälfte. Derzeit geht es nicht nur mit HP und Dell bergab, auch Intel selbst musste im letzten Quartal einen Umsatzrückgang in Höhe von 5,1 % gegenüber dem Vorjahr hinnehmen, der Gewinn schrumpfte sogar um 16,5 %.

Heute ist Wintel Geschichte: Während sich Microsoft mit Windows 8 auch ARM-Prozessoren öffnete, ließ Intel von Google dessen erfolgreiches Mobil-Betriebssystem Android für seinen Atom-Prozessor optimieren, auch dank der Tatsache, dass Microsoft ebenfalls die Mobilrevolution verschlafen hatte und heute mit Windows CE und Windows Phone einen Marktanteil von nicht mehr als 2,5 % hält. Leider aus Intel-Sicht ist der gegenwärtige Atom-Prozessor in Mobilgeräten jedoch immer noch ein seltener Anblick, Apple und Samsung bauen sogar einen eigenen Prozessor – basierend auf der ARM-Architektur genauso wie Snapdragon. AMD hat sogar angekündigt, ARM-basierende Server-Prozessoren bauen zu wollen, sehr zu Freude von Rechenzentrums-Betreibern wie Facebook.

Denn auch dort, im lukrativsten Geschäftsbereich, könnte Intel Probleme bekommen, da die hochparallelisierbaren Workloads und steigende Energiekosten für ARM-basierende Many-Core-Architekturen wie geschaffen erscheinen.

Fakt ist, dass eine erfolgreiche Migration in die Post-Wintel-Ära für Intel überlebenswichtig ist. Dass man Geld und viele gute Ingenieure hat, ist kein Geheimnis. Die Frage lautet: Welchem Manager traut der Aufsichtsrat diese Mammutaufgabe am ehesten zu? Ein Kandidat wäre sicherlich das Megatalent Sean Maloney gewesen, der schon direkt an Andy Grove berichtet hatte und von Otellini stark gefördert wurde. Unglücklicherweise erlitt Maloney 2010 einen schweren Schlaganfall, nach seiner langen Reha wurde er Chef von Intel China und kündigte jetzt selbst im Alter von nur 56 Jahren seinen Rücktritt zum Jahresende an.

So könnte das bislang undenkbare eintreten und Intel einen externen Nachfolger für Otellini suchen – jemanden, der das Mobilgeschäft im Blut hat. Die Auswahl an erfolgreichen und vor allen Dingen wechselwilligen Top-Managern dürfte allerdings limitiert sein, so könnte es am Ende dann mangels Alternativen doch auf das Intel-Eigengewächs Dadi Perlmutter hinauslaufen. Einen Gewinner dürfte es zukünftig aber mit Sicherheit geben: Ex-Infineon Vorstand Prof. Hermann Eul, jetzt Chef von Intel Mobile. Egal wer Otellini nachfolgen wird, eines wird dem neuen CEO klar sein: Ohne die Chips aus dem Zuständigkeitsbereich von Eul geht gar nichts mehr. Insofern ist es wohl keine Frage ob, sondern nur wann Eul, der nach unseren Informationen übrigens auch von Otellini sehr geschätzt wird, die Karriereleiter bei Intel hinauffallen wird.