Component Obsolescence Group (COG) Obsoleszenz als Chance nutzen

Die Verknappung der Rohstoffe bringt Lieferengpässe - die in Prinzip jedes Unternehmen betreffen kann.
Obsoleszenz kann im Prinzip jedes Unternehmen betreffen

Die aktuelle Verknappung bei Chipkondensatoren, Dioden und Widerständen verdeutlicht einmal mehr, dass Obsoleszenz allgegenwärtig ist – und im Prinzip jedes Unternehmen betreffen kann.

Beim Industrieverband Component Obsolescence Group (COG) Deutschland e.V. geht man davon aus, dass sich die allgemeine Versorgungssituation mit Bauteilen vor allem für europäische Unternehmen in den nächsten Jahren sogar noch verschärfen könnte. Deshalb hofft man auf eine schnell wachsende Akzeptanz für den smartPCN-Standard.

Obsolete – also abgekündigte oder aus anderen Gründen plötzlich nicht mehr verfügbare, elektronische – Bauteile, Komponenten und Software-Programme kosten deutsche Unternehmen schon heute jährlich hunderte Millionen Euro an Zusatzkosten. Besonders stark betroffen sind vor allem Unternehmen aus den Bereichen Automobil-, Raumfahrt-, Militär-, Bahn-, Kraftwerks-, Medizin- und Automatisierungstechnik. Bei langlebigen Geräten und Anlagen mit Laufzeiten von bis zu 30 und mehr Jahren werden nach Einschätzung der COG Deutschland inzwischen bis zu 50 Prozent der über den gesamten Produktlebenszyklus anfallenden Gesamtbetriebskosten (TCO) direkt oder indirekt durch abgekündigte oder aus anderen Gründen plötzlich nicht mehr verfügbare Hardware und Software verursacht.

Einer der Gründe: Immer mehr in Konsum-Artikeln mit extrem kurzen Innovationszyklen – beispielsweise Laptops, Smartphones, Fernsehgeräten – verbaute elektronischen Bauteile werden oft schon nach ein, zwei Jahren, manchmal sogar noch früher, von der nächsten Produktgeneration abgelöst. Verschärft wird diese Situation zusätzlich noch durch immer strengere Umweltauflagen wie RoHS oder Reach.

Komponenten mit langer Verfügbarkeit werden zur Ausnahme

Wer heutzutage nach neuen Komponenten mit einer garantierten Verfügbarkeit von mehr als zehn Jahren sucht, wird nur noch selten fündig werden. Mitunter können sogar die ursprünglichen Hersteller dieser Bauteile selbst zu Betroffenen werden, z.B. wenn ein ausgelagerter Auftragsfertiger (FABs) aus wirtschaftlichen Gründen auf eine neuere Fertigungstechnologie wechselt oder bestimmte, für die Fertigung benötigte Materialen plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Obsoleszenz-Problematik tangiert übrigens nicht nur die Anwender elektronischer Bauteile – zunehmend sind auch mechanische Komponenten und Software betroffen. Zusätzliches Ungemach droht nach Überzeugung des COG durch Megatrends wie E-Mobility, Robotik, IoT etc. – also Entwicklungen, die allesamt Unmengen elektronischer Komponenten verschlingen.

Bei alledem jagt derzeit ein Verkaufsrekord den nächsten: So hat laut World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) beispielsweise der weltweite Umsatz mit Halbleitern im April 2018 37,6 Milliarden US-Dollar erreicht, was einem Anstieg von 20,2 Prozent gegenüber April 2017 und 1,4 Prozent mehr als im Vormonat entspricht. Gefertigt wird also so viel wie nie zuvor. Doch die spannende Frage ist: Wie viele dieser Bauteile – nicht nur Halbleiter, auch passive und elektronische Bauteile – werden mittelfristig für die Geräte- und Anlagenfertigung in Europa noch zur Verfügung stehen, wenn einzelne asiatische Auftragsfertiger wie Foxconn schon heute mehr Bauteile verbauen als alle europäischen Firmen zusammen?

Die nach wie vor hohe Nachfrage nach Produkten deutscher Maschinen-und Anlagenbauer, die beeindruckenden Verkaufszahlen der deutschen Autoindustrie, die erstklassige Expertise in Bereichen wie der Medizin- und Automatisierungtechnik – all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland als regionaler Absatzmarkt für viele der großen vorwiegend asiatischen und amerikanischen Bauteilehersteller eine immer kleinere, ja fast schon unbedeutende Nebenrolle spielt.

Anke Bartel (Bild 1), ehrenamtliches Vorstandsmitglied der COG Deutschland und Regional Product Manager EMEA bei Velocity-Electronics, registriert diese Entwicklung mit Sorge. »So beeindruckend es sich auf den ersten Blick auch scheinen mag, dass der Umsatz mit Halbleiterprodukten in Deutschland 2017 um 15,3 Prozent auf ein neues Rekordhoch von rund 13 Milliarden Euro geklettert ist: Der weltweit Umsatz stieg im gleichen Zeitraum um rund 19 Prozent auf 403 (!) Milliarden Dollar. Dieser langsam, aber stetig sinkende Anteil am Gesamtmarkt könnte mittelfristig für viele Unternehmen möglicherweise fatale Folgen haben. Vor allem für Firmen, die weiterhin auf eine uneingeschränkt hohe Verfügbarkeit der benötigten Komponenten vertrauen und sich nicht rechtzeitig um die Einführung eines internen Obsoleszenz-Managements, möglichst als eigene interdisziplinäre Stabsstelle, bemühen.«

Präventionsmaßnahmen gegen die Folgen von Osoleszenz

Auch wenn solche Stabsstellen bislang in der Regel noch die rühmliche Ausnahme sein dürften: Immerhin scheint zumindest die Bereitschaft der betroffenen Unternehmen, sich intensiver mit der brisanten Obsoleszenz-Thematik auseinander zu setzen, von Jahr zu Jahr zu wachsen. Aktuell nutzen bereits über 140 Mitglieder die COG, um sich regelmäßig im direkten Austausch mit anderen Betroffenen und Lösungsanbietern über die ganze Palette reaktiver und aktiver Strategien für den effizienten Umgang mit verknappten, abgekündigten, manipulierten oder gefälschten elektronischen Komponenten zu informieren.

Hilfsmittel und Präventionsmöglichkeiten gibt es viele, angefangen von komplexen Bauteile-Datenbanken mit integrierter Abkündigungsschätzung über Prognosen des zukünftigen Ersatzteilbedarfs mittels Felddatenanalyse, Zuverlässigkeitsprognosen und dynamischer Bedarfssimulation, Tools und Methoden zur Erkennung gefälschter oder manipulierter Bauteile, internationalem Beschaffungsmanagement und der Nachserienfertigung abgekündigter Bauelemente bis hin zu Komplettlösungen mit Engineering-, Rework- und Electronic-Manufacturing-Services.

Ausschlaggebend für eine langfristig erfolgreiche, weil letztendlich kosten- und zeitsparende Obsoleszenz-Strategie, sei laut Bartel aber zu allererst die Bereitschaft zu konsequentem Handeln: »2017 wurden rund 140.000 elektronische Bauelemente abgekündigt – Tendenz weiter steigend. Für große Firmen, die zehntausende verschiedenster Bauteile einsetzen, bedeutet dies, dass sie Monat für Monat zig hunderte sogenannter Product Change Notifications (PCNs) erhalten, und dies in unterschiedlichsten Formaten, als Email mit und ohne PDF, als Fax und teilweise sogar noch immer als Brief. All diese PCNs erst einmal einzeln zu selektieren, zu bewerten und anschließend zu verarbeiten, ist derzeit noch mit einem extrem hohen manuellen Aufwand verbunden, den es unbedingt zu reduzieren gilt.«

Besagte von Herstellern und Distributoren an ihre Kunden versandte Product Change Notifications (PCN) sind für jegliche Planung deshalb von so großer Bedeutung, weil sie alle wichtigen Informationen über Produktänderungen und -abkündigungen beinhalten. Im Idealfall lässt sich mit ihrer Hilfe sehr schnell erkennen, ob und wenn ja, wie sich eine Änderung oder Abkündigung auf einzelne Produkte, Unternehmensbereiche etc. auswirkt.

Denn wie schnell sich für die Experten der Fachabteilungen erkennen lässt, ob eine PCN relevant ist, hängt wesentlich von der Qualität der Stammdaten und vor allem den Abgleichsmöglichkeiten mit den im Unternehmen verwendeten IT-Systemen ab. Besonders gefährlich wird es übrigens, wenn auch nicht nur die allgemeinen PCN-Daten, sondern auch die zu treffenden Maßnahmen und deren Durchführung von IT-Systemen nicht erfasst werden. Wenn dadurch wichtige Informationen verlorengehen oder gar Termine für Last-Time-Buy-Bestellungen verpasst werden, kann dies kosten- und zeitintensive Folgen haben.

Vierter Obsolescence Day auf der Electronica 2018

Plötzlich nicht mehr verfügbare Schlüsselbauteile, Komponenten oder Software können Unternehmen schlimmstenfalls sogar in ihrer Existenz bedrohen. Welche Präventionsmöglichkeiten und Obsoleszenz-Strategien es gibt, erläutern Experten der COG (Component Obsolescence Group) Deutschland interessierten Einkäufern, Entwicklern, Projektleitern und Obsoleszenz-Managern im Rahmen des 4. Obsolescence Days am 13. November auf der Electronica 2018.

Während dieses von der Electronica-Projektleitung unterstützten, international einzigartigen Aktionstages können sich interessierte Firmen und Personen an nur einem Tag an weit über einem Dutzend Messeständen umfassend über unterschiedlichste pro- und reaktive Obsoleszenz-Strategien informieren.
Abgerundet wird der Obsolescence Day durch das Obsolescence Forum in Halle C2, das am 13. November zwischen 12:30 und 17:00 Uhr mit einer hochkarätig besetzte Diskussionsrunde und praxisorientierten Vorträgen renommierter Experten aufwartet

 

 

Weitgehend automatische Verarbeitung von PCN

Lösen lässt sich dieses Dilemma letztlich nur mithilfe eines vereinheitlichenden Kommunikationsstandards, der eine weitgehend automatische Verarbeitung der PCNs erlaubt. Die notwendigen Voraussetzungen dafür hat ein Arbeitskreis der COG Deutschland in jahrelanger Sisyphusarbeit mit dem standardisierten und maschinenlesbaren Datenformat smartPCN geschaffen, auf dem übrigens in weiten Bereichen auch das neue VDMA-Einheitsblatt VDMA 24903 basiert »Obsoleszenzmanagement – Informationsaustausch zu Änderungen und Abkündigungen von Produkten und Einheiten«.

»Unser inzwischen in der Version 3.0 vorliegende smartPCN-Standard minimiert nicht nur den manuellen Aufwand für die Bearbeitung von Produktänderungen und -abkündigungen, er unterstützt auch den Aufbau eines digitalen Obsoleszenz-Managements«, freut sich Stefanie Kölbl (Bild 2), Vorsitzende des SmartPCN-Arbeitskreises der COG und hauptberuflich Teamleiterin Obsoleszenz-Management bei TQ-Systems. Um einen EDV-gestützten Informationsfluss entlang der gesamten Lieferkette zu ermöglichen, wurden in dem Format unter anderem einheitliche Begriffe, einzuhaltende Fristen, Mindestanforderungen an den Informationsgehalt sowie Anforderungen an Systemschnittstellen und vieles mehr definiert.

Neben einer einlesbaren XML-Datei befinden sich in dem .zip-Container der smartPCN auch die Originalmeldung des jeweiligen Herstellers sowie eine standardisierte maschinenlesbare Version (Bild 3). Dabei geht es längst nicht mehr nur um die digitale Erfassung der Daten betroffener elektronischer, elektrischer, mechanischer, hydraulischer oder pneumatischer Komponenten. Die aktuelle Version des smartPCN-Formats berücksichtigt prinzipiell auch Änderungen bzw. Abkündigungen im Software- sowie Dienstleistungsbereich, bei Materialien und Hilfsstoffen, z.B Hydrauliköl, Farben, Schmierstoffne, bei Umweltgesetzen (z.B. REACH) etc. Dieser ganzheitliche Ansatz erschließe Anwendern des smartPCN-Formats völlig neue Möglichkeiten für die Verknüpfung aller innerhalb ein kompletten Supply Chain relevanten Änderungs-/Abkündigungs-informationen, so Kölbl.

(Nach Unterlagen der COG Deutschland)