Chipdesigner ins Silicon Valley verkauft Nvidia kauft Arm für 40 Mrd. Dollar

Arm-CEO Simon Segars (rechts) mit Softbank-Chef Masayoshi Son.
Arm-CEO Simon Segars (rechts) mit Softbank-Chef Masayoshi Son.

Seit Wochen gibt es Gerüchte, dass Nvidia Gespräche über den Erwerb von Arm mit Softbank führt. Nun ist die offizielle Bestätigung da: Der Kaufpreis beträgt 40 Milliarden Dollar, zu zahlen in Nvidia-Aktien und in Bar. Damit gibt es zwei Gewinner und möglicherweise einige Verlierer.

SoftBank hat Arm im Jahr 2016 für 32 Milliarden Dollar gekauft. Mittlerweile ist SoftBank ist in eine Liquiditätskrise geraten, da das Unternehmen während der Corona-Pandemie und durch Fehl-Investionen in Uber und WeWork Milliarden von Dollar verloren hat.

Es steht außer Frage, dass Arm ein wertvolles Investment ist, da seine Lizenznehmer wie Apple, Samsung, Qualcomm und Nvidia jährlich mehr als 20 Milliarden Chips für alles von Smartphones über Tablet-Computer bis hin zu Sensoren für das Internet der Dinge ausliefern. Apple plant, Arm-basierende Prozessoren zu verwenden, um Intel-CPUs in kommenden Modellen seiner Mac-Computer zu ersetzen. Anfang dieses Jahres teilte Arm mit, dass seine Lizenznehmer bis heute mehr als 160 Milliarden Chips ausgeliefert haben.

Der Verkauf für 40 Milliarden Dollar – 21,5 Mrd. Dollar werden in Nvidia-Aktien gezahlt und 12 Mrd. Dollar in Bar, bei Erreichung bestimmter Ziele folgen später weitere 5 Mrd. Dollar  – stellt somit einen ordentlichen Gewinn für Softbank darstellen, womit wir beim ersten Gewinner des Deals wären. Außerdem gibt Nvidia noch Aktien im Wert von 1,5 Mrd. Dollar an die Arm-Belegschaft aus. Softbank erhält somit einen Anteil von 6,7 bis 8,1 Prozent an Nvidia.

Der zweite und große Gewinner heißt Nvidia selbst. Zwar wird Nvidia vermutlich durch die Kartellbehörden gezwungen, die Arm-Architektur weiterhin an bestehende Kunden zu lizenzieren, aber erhält trotzdem Zugang zu einer Art Schatzkammer von IP und Ingenieuren. Dadurch könnten kundenspezifische CPU-Architekturen exklusiv für Nvidia selbst z.B. für den gewinnträchtigen Markt für Rechenzentren entwickelt werden.

Intel und AMD sind seit langem in der Lage, stärker integrierte Lösungen zu schaffen, die Grafik- und Prozessortechnologie kombinieren. Intels integrierte Grafik und ihre Prozessoren haben sich auf dem Low-End-PC-Markt durchgesetzt, während diskrte Grafikchips von AMD und Nvidia das mittlere und obere Ende des Marktes besetzen. AMD hat auch seine x86-Prozessoren mit Grafik kombiniert, um spezielle Lösungen für Spielkonsolen zu schaffen.

Nvidia hält seit langem die führende Position im Bereich KI-Computer im Rechenzentrum, insbesondere bei den führenden Supercomputern. Da AMD und Intel jedoch sowohl die CPU als auch die GPU im eigenen Haus produzieren, können sie derzeit CPU und die GPU aufgrund ihrer In-House-Designs auf viel bessere Weise miteinander verbinden. Infolgedessen gingen die wichtigsten Supercomputing-Aufträge des Energieministeriums der USA kürzlich an Intel und AMD, die beide den Vorteil eng gekoppelter GPU- und CPU-Designs haben, die die weltweit ersten Supercomputer der Exascale-Klasse antreiben werden. Derivate derselben Designs werden sich schließlich auch auf dem breiteren Markt durchsetzen.

Im Vergleich dazu schränkt Nvidias derzeitiger Fokus auf die GPUs seine Fähigkeit ein, mit komplexen Designs zu konkurrieren, die die Vorteile der Speicherkohärenz zwischen Beschleunigern (wie GPUs) und der CPU voll ausnutzen. Natürlich würden kundenspezifische Arm-basierte Nvidia-CPUs dieses ebenso gut ermöglichen, und mit der kürzlichen Einführung der CUDA-Unterstützung für die Arm-Architektur wurde bereits der Weg für eine engere Arm-Integration geebnet.

Nvidia erwarb kürzlich für 6,9 Mrd. Dollar die Firma Mellanox mit seiner führenden Netzwerktechnologie und SwiftStack, ein Unternehmen, das sich auf Objektspeichersoftware für KI- und HPC-Computing konzentriert.

Somit könnten Arm-basierende Rechenzentrums-Chips das letzte Stück des Puzzles sein, vertikal integrierte Architekturen im Rechenzentrumsmaßstab zu schaffen.

Nvidia könnte auch kundenspezifische Arm-Architekturen verwenden, um seine anderen Zielmärkte wie IoT, autonomes Fahren und Robotik anzusprechen. Dazu findet sich Arm-IP in Milliarden von Mobilgeräten, und es ist anzunehmen, dass das Lizenzmodell Nvidia dabei helfen würde, sein Grafik-Portfolio in diesem Markt breiter zu nutzen.

Und last but not least sichert der Deal Nvidias zukünftigen Zugang zur Prozessortechnologie von Arm. Wäre Arm in die Hände der Konkurrenz gefallen, hätte Nvidia davon ausgeschlossen werden können. Nvidia erhält damit auch Zugang zu den Ingenieuren von Arm, das mittlerweile mehr als 6.000 Personen beschäftigt (Nvidia selbst hat mehr als 13.000 Mitarbeiter). Arm zu besitzen ist also auch eine Art Versicherungspolice für Nvidia.

Nvidia betonte, dass Arms Firmenzentrale in Großbritannien bleiben soll und um Forschung für Robotik, autonomes Fahren und das Gesundheitswesen ausgebaut werden soll.

Der Deal benötigt die Zustimmung der Wettbewerbsbehörden in den USA, China, der EU und Großbritannien.

Eine lange Liste von potentiellen Verlierern?

Die Frage ist, wie offen Nvidia das Arm-Ökosystem halten wird, wenn die Übernahme gelingt. Nvidia ist ein erbitterter Konkurrent von Intel, AMD und anderen Chip-Herstellern. Apple hat Technologie von Imagination Technologies verwendet, um die Grafikverarbeitungskomponenten in seinen iOS-Geräten zu entwickeln, und auch auf der Mac-Seite war Apple kein großer Kunde für Nvidias Grafik. Während seiner gesamten Existenz hat Nvidia hart darum gekämpft, ein Gigant mit einem Umsatz von 13 Milliarden Dollar und einem Marktwert von 330 Milliarden Dollar zu werden. Letzterer ist nebenbei bemerkt mehr als doppelt so hoch wir der Börsenwert von Intel mit 144 Milliarden Dollar.

Sollte das Geschäft zustande kommen, würden heutige große Konkurrenten zu Nvidias Kunden werden – die könnte Nvidia dann wie in jeder Geschäftsbeziehung besser oder schlechter behandeln, ein Alptraum-Szenario für Apple, Intel & Co. Objektiv wäre es für den Markt sinnvoll, wenn Nvidia Arm als unabhängige Tochtergesellschaft behandeln und seine offenen Kundenbeziehungen mit Konkurrenten im Prozessorengeschäft fortsetzen würde, aber wie und in welchem Umfang das passieren wird, ist rein hypothetisch.

Und unabhängig von Nvidias eigener Agenda ist da noch die US-Regierung. Würde der Deal durchgehen, würden die Verkäufe von Arm-IP dann den Bestimmungen des Ausschusses für ausländische Investitionen in den Vereinigten Staaten unterliegen. Das bedeutet, dass Präsident Donald Trump festlegen könnte, an welche Unternehmen Arm außerhalb der USA überhaupt noch verkaufen darf. Letztendlich könnten damit sogar europäische Firmen wie ST Microelectronics, NXP oder Infineon von Arm-IP abgeschnitten werden, wenn es der US-Regierung beliebt.

Was könnte den Deal noch stoppen?

Wenn überhaupt, ist es am Wahrscheinlichsten, dass die britische Regierung intervenieren wird. Die Oppositionspartei Labour sagte diese Woche, dass eine Übernahme nicht im öffentlichen Interesse liege, und kritisierte die regierende konservative Partei dafür, dass sie es versäumt habe, den britischen Chip-Designer - oft als eine der innovativsten Firmen der Nation gefeiert - vor „Raubtieren aus Übersee“ zu schützen. Man warnte,  dass eine Übernahme durch eine Firma aus dem Silicon Valley dazu führen würde, dass britische Arbeitsplätze ins Ausland verlagert würden.

Die Labour-Partei sagte, es gebe ein "beunruhigendes Muster, dass wichtige britische Unternehmen im Technologiesektor von ausländischen Interessen übernommen werden".

Ein Regierungssprecher sagte, dass Downing Street geplante Übernahmen genau beobachtet. "Wenn wir der Meinung sind, dass eine Übernahme eine Bedrohung für Großbritannien darstellen könnte, wird die Regierung nicht zögern, die Angelegenheit weiter zu untersuchen.“

Nvidia selbst kaufte 2011 das in Bristol ansässige Unternehmen Icera für 367 Millionen Dollar und entließ anschließend 2015 mehr als 300 Mitarbeiter in Großbritannien.

Letzten Monat sagte der Mitbegründer von Arm, Hermann Hauser, dass ein Verkauf von Arm an Nvidia eine "Katastrophe" wäre, und wies darauf hin, dass Arm aufgrund seines Geschäftsmodells derzeit an jedermann verkauft werden könne.

"Das einzig positive bei Softbank war, dass es keine Chipfirma war und die Neutralität von Arm bewahrt wurde", sagte er der BBC. "Wenn es Teil von Nvidia wird, sind die meisten Lizenznehmer Konkurrenten von Nvidia und werden dann natürlich nach einer Alternative zu Arm suchen.“