Interview Lizenzierungen säen und Royalties ernten

ARM ist der unangefochtene Marktführer für lizenzierbare Prozessor-IP, der im Handymarkt einen Anteil von über 90 Prozent innehält. Wir trafen CEO Warren East an ARMs Hauptsitz im englischen Cambridge und sprachen mit ihm über mobile Internet-Geräte und die zukünftige Konkurrenz durch Intels Atom-Prozessor.

Herr East, was denken Sie über den aktuellen Zustand der Halbleiterindustrie?

Warren East: Nun, erstaunlicherweise sehen wir trotz US-Finanzkrise und gebremstem Wirtschaftswachstum im Tagesgeschäft keine negativen Auswirkungen. Daraus folgern wir, dass es um die Halbleiterhersteller, die ja unsere Kunden sind, nicht so schlecht bestellt sein kann. Wir registrieren weiterhin eine größere Konsolidierung und verstärktes Outsourcing, d.h., Firmen wandeln fixe in variable Kosten um. Von der Technik sehen wir 45 nm, 32 nm werden diskutiert, aber auch exotischere Prozesse wie SOI. Die Tendenz bei den Prozessoren geht klar zu 32 bit. Das alles bedeutet für ARM signifikante strukturelle Veränderungen.

Apropos 32 bit: Gegenwärtig kann man beobachten, dass nicht wenige MCU-Hersteller versuchen, ihre Kunden von 8 auf 32 bit zu migrieren und 16 bit in vielen Fällen ganz auszulassen …

East: … ja, das ist richtig. MCUs waren immer schon sehr preissensitiv, und der Unterschied des benötigten Siliziums bei einer 8-bit-CPU und einer 32-bit-CPU war in einem 250-nm- Prozess riesig. Bei 90 nm und darunter spielt er keine so große Rolle mehr, die Silizium-Fläche wird durch I/Os, Timer usw. belegt. Sie können daher einen 32-bit-Controller fast zum Preis eines 8-bit-Controllers bekommen, was wollen Sie dann noch mit 16 bit?

Glauben Sie, dass 8 bit komplett verschwinden wird?

East: In den nächsten fünf bis zehn Jahren erwarte ich neue MCU-Designs auf 8-bit-Basis. Das muss nicht heißen, dass es neue 8-bit-CPUs von den Halbleiterherstellern gibt, aber die Kunden werden noch Produkte wie Spielwaren auf Basis älterer CPUs produzieren.

Ihr gutes Geschäftsergebnis beruht in erster Linie auf Ihrer Prozessor- Einheit; Ihre Kunden haben 2007 2,9 Milliarden ARM-basierte Produkte ausgeliefert. Ihre durchschnittlichen Lizenz-Einnahmen pro Gerät sind aber gesunken. Haben Sie Angst, dass der Preisverfall insbesondere bei MCUs Ihr Geschäftsergebnis künftig kaputtmacht?

East: Das hängt von dem Produktmix ab. In den letzten drei Jahren ist der Anteil an MCUs mit ARM-Cores extrem gewachsen. Das ist an sich toll für ARM – leider handelt es sich aber bei MCUs um extrem billige Chips, was unsere Royalty-Einnahmen reduziert. Auf der anderen Seite haben wir auch Wachstum bei Smart-Phones, die sehr teure ARM-basierende Chips enthalten. Im ersten Quartal 2008 stiegen die durchschnittlichen Royalty-Einnahmen übrigens wieder an, da diese auf dem Geschäft unserer Kunden aus dem vierten Quartal 2007 basieren. Das bedeutet Weihnachtsgeschäft, wo verstärkt Smart-Phones verkauft werden. Das MCU-Geschäft dagegen ist saisonunabhängig.

In den Wachstumsmärkten China und Indien kaufen die Menschen aber keine Smart-Phones, sondern Ultra- Low-Cost-Phones, die maximal 25 Dollar kosten dürfen …

East: Sicher, aber selbst die bringen höhere Einnahmen als MCUs. In den vergangenen Jahren hatten wir bei den MCUs dreistellige Wachstumsraten. Das ist jetzt definitiv vorbei. Daher rechne ich mit steigenden Durchschnittspreisen. Für einen 5-Dollar- Chip bekommen wir übrigens in der Regel 5 Cent, also 1 Prozent des Chip- Preises.

Dennoch können Sie doch nicht darüber glücklich sein, wenn die Leute statt iPhones 25-Dollar-Handys kaufen …

East: Sehen Sie, für die meisten Inder und Chinesen ist das Low-Cost-Phone ihr erstes Handy überhaupt. Jeder zusätzliche Handy-Vertrag bringt uns zusätzliches Geld, die Menge macht es dabei. Und in einigen Jahren werden diese Menschen ihr erstes Handy durch ein zweites, wie wir hoffen, teureres ersetzen …

Wenn sie das Geld dafür haben …

East: Selbst wenn sie es durch ein Billig- Handy ersetzen, ist es besser als gar nichts. Ich kann nur wiederholen: Die Menge macht es.

Nach mehreren Wachstumsjahren sind Ihre Lizenzeinnahmen im ersten Halbjahr 2008 erstmals rückläufig. Dabei konnten Sie im zweiten Quartal 2008 nicht eine einzige Lizenz Ihrer Flagschiffe Cortex-A8 und -A9 verkaufen. Woran liegt das denn?

East: Also darüber mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Für den Cortex- A9 ist es noch ein bisschen früh, und der A8 ist ohnehin nicht unser meistverkauftes Produkt.

Ein Problemkind ist Ihre Physical- IP-Abteilung (PIPD), die gerade restrukturiert wurde. Warum kann diese nicht der Erfolgsgeschichte Ihrer Prozessor-Einheit folgen?

East: Das ist ein großes Missverständnis. Wir haben von Anfang an gesagt, dass es vier bis sieben Jahre dauern wird, bis wir erste Kunden gewinnen werden. Wir sind voll im Plan; das Jahr 2006 war viel besser als erwartet. In 2007 haben wir von 65 auf 45 nm gewechselt, was komplizierter war als gedacht und extrem viele Mitarbeiter gebunden hat. Um unseren Top-Kunden 45-nm-Produkte anbieten zu können, haben wir auch darauf verzichtet, Lücken in unserem 65-nm-Programm zu schließen.

Heißt das, dass Sie nach der Akquisition von Artisan Ende 2004 Produkte hatten, die Sie erst konkurrenzfähig machen mussten?

East: Nach der Akquise haben wir 2,5 Prozessgenerationen entwickelt. Wichtig ist gute Produkt-Qualität in 45 nm, damit können Sie die Kunden überzeugen!

Freescale bietet den Coldfire-V1- Core im Internet-Shop von IPEXTREME. com für 10 000 Dollar an. Ist dieses Geschäftsmodell auch für ARM denkbar?

East: Wenn der „normale“ Verkauf nicht kannibalisiert wird. Außerdem müssten die Royalty-Gebühren erhöht werden, um die niedrigen Lizenzgebühren zu kompensieren. Diese Modelle funktionieren unserer Meinung nach nicht.

FPGA-Kunden müssen mit Ihrem antiquierten Cortex-M1 Vorlieb nehmen, während andere Softcores wie etwa der MicroBlaze 7 mit fortschrittlichen Technologien wie MMU aufwarten. Werden wir bald den Cortex- M3 oder Cortex-R4 als Softcore erleben?

East: Möglicherweise, wir experimentieren gerade damit. Die Frage dabei ist, ob FPGAs wirtschaftlicher werden im Vergleich zu ASICs. Den FPGAMarkt sehe ich bisher noch nicht ...

Sie bereiten quasi die Technik vor, um sie dann bei Bedarf einsetzen zu können?

East: Genau. Unsere Cores sind nicht für FPGAs designt, sie müssen also angepasst werden. Wenn unsere Kunden aber mehr FPGAs einsetzen wollen, müssen wir natürlich vorbereitet sein. Sie können daher davon ausge hen, dass wir eine Roadmap für den Fall der Fälle in der Schublade haben.

Die Entwicklungskosten eines SoC werden heute ja nicht mehr primär durch die Hardware, sondern durch die Software bestimmt. Wie hilft ARM seinen Kunden, die oft exorbitanten Entwicklungskosten zu senken?

East: Sicher findet man im Embedded- Markt viel proprietäre Software. Ein wachsender Teil der Software stammt jedoch von Zulieferern, z.B. Video- Codecs. Deswegen arbeiten wir daran, unser Ecosystem so auszubauen, dass jeder Kunde von dieser großen Software- Community profitieren kann. Unser Geschäft ist mit dem einer Gärtnerei vergleichbar: Die Lizenzierung entspricht dem Setzen von Pflanzen, und durch die Royalties fahren wir die Ernte ein. Wenn Sie aber das Feld nicht wässern und düngen, verkümmern die Pflanzen. Unser Dünger und Wasser ist unser großes Ecosystem, aus dem sich unsere Kunden bedienen können. Damit glauben wir, ihnen helfen zu können, die explodierenden Kosten in den Griff zu bekommen.

IP-Schutz in China ist nach wie vor ein ungelöstes Problem. Haben IP-Firmen wie ARM nicht besonders Probleme dadurch?

East: Die Alternative ist doch, gar kein Geschäft zu machen! Wir gehen mit unserem China-Foundry-Programm einen – wie ich finde – pragmatischen Weg. Jedes Projekt wird in zwei Teile aufgesplittet: Ein Teil für Designer, die das Produkt entwickeln, und ein zweiter Teil für die Foundries, die das Ganze produzieren. Es gibt viele Designer und nur wenige Foundries. Selbst wenn Designer die IP stehlen wollen und etwas kopieren, werden sie daran scheitern, die richtigen Produkte zu produzieren. Wir versorgen die Foundries ständig mit der neuesten Prozesstechnik, und mit den veralteten Informationen können sie die IP nicht nutzen. Natürlich gibt das keine hundertprozentige Sicherheit, aber ich finde, 70 Prozent Sicherheit ist besser, als gar nichts zu verkaufen.

Wenn ein diebischer Designer mit einer diebischen Foundry zusammenarbeitet …

East:... da haben Sie theoretisch Recht. Wir arbeiten aber nur mit 20 Foundries zusammen, die meisten sitzen in China und machen viel Geschäft innerhalb Chinas, aber die wollen auch mit großen, nichtchinesischen Firmen wie Qualcomm zusammenarbeiten – und da ist es besser, eine gute Reputation zu haben. Ich glaube daher an eine Art Selbstregulierung innerhalb des Foundry- Geschäftes.

Neuerdings drängt auch Intel mit dem Atom-Prozessor in den Embedded- Markt. Sie sind sich ja einig, dass der größte Wachstumsmarkt durch die so genannten mobilen Internet- Geräte (MIDs) bestimmt wird. Intel behauptet nun, dass ein „Internet- Erlebnis wie auf dem PC“ nur mit einem x86-Prozessor zu erreichen sein wird, da die Internet-Plattform komplett auf dem PC entwickelt wurde. Über diese Sicht können Sie ja nicht gerade glücklich sein, oder?

East: Das klingt auf den ersten Blick logisch, allerdings nur vordergründig. Vergleichen Sie mal den Bildschirm Ihres iPhone mit meinem PC-Schirm – wie wollen Sie die gleiche „Internet- Erfahrung“ auf Ihrem iPhone haben, selbst wenn es einen x86-Prozessor hätte? Meiner Meinung nach liegt es weniger am Prozessor als an der Software. Die Software muss neu entwickelt oder zumindest umgeschrieben werden, damit sie überhaupt auf die Bildschirmgröße passt. Dann kommt noch die Frage der Verbindungsgeschwindigkeit hinzu: Mein PC hier ist mit 100 Mbit/s verbunden, während Sie mit EDGE arbeiten. Wie wollen Sie da das gleiche Erlebnis haben? Außerdem: Während PCs stagnieren, wachsen die Nicht-PC-Plattformen dramatisch; daher wird sich auch die zukünftige Software-Entwicklung vom PC zu mobilen Plattformen verschieben. Der PC als Definierer von Standards wird definitiv abgelöst.