Netbooks Langjähriger Mips-CEO sieht mobile Computer auch zukünftig in Atom-Hand

Mit einem neuen, MIPS14 genannten Core, will die kalifornische Prozessor-Schmiede Mips Marktführer ARM bei den Mikrocontrollern Marktanteile abjagen. Wir trafen den im Jahr 2009 ausgeschiedenen CEO John Bourgoin zum Ende seiner elfjährigen Amtszeit in seinem Büro in Sunnyvale. Themen waren Mips’ Pläne, in den Handymarkt einzusteigen, sowie die gescheiterte Übernahme der portugiesischen Analog-IP-Firma Chipidea.

Herr Bourgoin, ARM dominiert den Handy-Markt mit über 90 Prozent Marktanteil, und jetzt kündigen Sie an, Mips-Cores an Handy-Hersteller verkaufen zu wollen. Wie wollen Sie denn das schaffen?

John Bourgoin: Das wird sicher nicht einfach, aber dank Android machbar. Android entkoppelt die Software von der Hardware, d.h., Anwendungen lassen sich einfach portieren. Mit den Kennzahlen unseres Cores MIPS74K müssen wir uns vor keinem Cortex-A9 verstecken.

Ursprünglich hatte Google Android doch als Plattform für ARMbasierende Handys platziert, wieso reitet ausgerechnet Mips jetzt die Android-Welle?

Bourgoin: Weil wir jetzt erkannt haben, dass unsere Cores in Verbindung mit Android für Kunden interessant werden, die zuvor auf die ARM-Architektur fixiert waren. Für plattformunabhängige Anwendungen gibt es plötzlich die freie Auswahl der darunter liegenden Hardware.

Für Smartphones ist die Rechenleistung ein entscheidender Faktor. ARM hat einen 2-GHz-Dual-Hardcore- Cortex-A9 mit 10 000 MIPS vorgestellt. Planen Sie etwas Ähnliches?

Bourgoin: Nein, wir sehen eher die Nachteile eines Hardcores. Wir glauben nicht, dass die Kunden großes Interesse daran haben werden.

Ein anderes Thema: FPGAs. Altera hat Ihre MIPS32-Architekur lizenziert – welches Potential sehen Sie denn da?

Bourgoin: Dank der Größe heutiger FPGAs sind Anwendungen möglich, die noch vor Kurzem undenkbar waren. Insofern wird die programmierbare Logik auf Kosten der ASICs wachsen. Unsere Cores werden Altera helfen, sich noch besser am Markt zu positionieren.

Wenn Sie schon in den Handy- Markt wollen, wie sieht es denn mit den Netbooks aus?

Bourgoin: Das sehe ich für uns und auch unsere Konkurrenz im RISC-Umfeld gar nicht, dieser Markt wird ein x86-Markt bleiben, auch wenn ARM etwas anderes behauptet. Sie sparen vielleicht ein paar Euro beim Gerät, aber wer 20 Jahre mit Windows und MS-Office gearbeitet hat, will wahrscheinlich nicht auf Linux wechseln, Unternehmen, die Millionen Office- Dokumente auf ihren Servern haben, schon gar nicht.

In China und Indien, den Wachstumsmärkten überhaupt, sind die Menschen aber nicht mit Windows aufgewachsen, und sie wollen alles möglichst billig kaufen ..

Bourgoin: Sicher, es mag auch im Privatbereich einen Markt für Linux-basierte Netbooks geben, die Unternehmen können sich in einer globalen Geschäftswelt aber auch nicht vom weltweiten Quasi-Standard abkoppeln. Die Frage ist: Wieviele RISC-Netbooks kann ich verkaufen? Lohnt sich das? Ich sage: Nein.

Die Übernahme der Analog-IPFirma Chipidea kann man ja nicht wirklich als gelungen bezeichnen. Sie haben sie für 147 Mio. Dollar gekauft und 18 Monate später für 22 Mio. Dollar an Synopsys verramscht. War das alles ein großer Irrtum?

Bourgoin: Nein, das Problem war der Zeitpunkt der Übernahme. Wir haben den Kauf ja zum großen Teil durch Kredite finanziert. Durch die 2007 noch nicht vorhersehbare Finanzkrise sind wir in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten, weshalb wir zum Verkauf gezwungen waren.

Laut früheren Chipidea-Managern hat Mips bei der Integration die ehemalige Sales-Organisation von Chipidea zerstört. Was sagen Sie denn dazu?

Bourgoin: In Kunden-Projekten wurde gemeinsam Core- und Analog-IP vertrieben. Meist sind diese Projekte Core-getrieben, und dann kommt in Schritt 2 die Frage nach Analog-IP. Ich kann Ihnen verraten, dass viele unserer Core-Verkäufer nach einer Analog- Schulung diese IP erfolgreicher verkauft haben als die ehemaligen Chipidea-Verkäufer selbst. Dass sich da Frust aufbaut, ist wohl nachvollziehbar.

Schon Ende 2007 haben auch Ihre eigenen Leute eingeräumt, dass die Integration der beiden Verkaufsteams nicht funktioniert …

Bourgoin: Ich kann nur wiederholen, die Mips-Verkäufer haben sehr erfolgreich Analog-IP verkauft. Ich hätte mir gewünscht, die Chipidea-Leute wären nur ansatzweise so gut gewesen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Kauf strategisch nicht richtig gewesen wäre. Die Produkte waren ja die richtigen.

Welche neuen Produkte können wir denn von Ihnen in nächster Zeit erwarten?

Bourgoin: Mit dem MIPS14-Core greifen wir bei den Mikrocontrollern den Cortex-M3 frontal an. Wir bieten nicht nur höhere Rechenleistung bis 300 MHz, sondern auch noch eine bessere Energieeffizienz in mW/MHz und eine geringere Die-Fläche, was zusätzlich Kosten spart. Das Beste ist jedoch eine neue, microMIPS genannte Mikroarchitektur, die dank einer Mischung von 16- und 32-bit-Anweisungen eine um 35 Prozent höhere Code-Dichte ermöglicht.

Sie treten Ende2009 zurück, was ist Ihr Fazit nach elf Jahren CEO bei Mips?

Bourgoin: Ich erinnere mich an viele schöne Momente, z.B. als ich Mips an die Börse brachte oder wenn wir ein neues, besonders innovatives Produkt vorstellen konnten. Am meisten hat mich aber immer gefreut, unsere hervorragenden, motivierten Ingenieure zu sehen. Der bitterste Moment war sicher die gescheiterte Chipidea-Übernahme, die uns mehr als 125 Mio. Dollar Verlust gebracht hat.