Exklusiv-Interview mit Freescales CEO Gregg Lowe »Ich habe den positiven Spirit bei Freescale neu entfesselt«

Zukunft der Geschäftsbereiche

Elektronik: Lassen uns mal durch die einzelnen Geschäftsbereiche gehen. Bei den Prozessoren werden Sie die i.MX und QorIQ fortführen, gibt dies auch für die Power-Architektur bzw. Investitionen in diese?

Lowe: Natürlich werden die Power weiter unterstützen…

Elektronik: Das heisst nicht in neue Produkte investieren….

Lowe: Im letzten Jahr hatten wir bei den Netzwerk-Prozessoren 80 % neue Produkte auf Basis der Power-Architektur, 2015 werden es jeweils 50 % Power- und ARM-basierende Produkte sein. Was wir allerdings nicht tun, ist neue Power-CPUs zu entwickeln. Es gibt keine neue Architektur sondern neue Produkte auf Basis der existierenden Architektur.

Elektronik: Bei den Mikrocontrollern gibt es heute mehr als 1.000 Kinetis-Derivate und etwas mehr als 300 LPC-MCUs von NXP. Wie werden ja wohl kaum zusammengeführt, zumal es ja signifikante Überschneidungen gibt?

Lowe: Sehen Sie, ich sehe das nicht so problematisch. NXP ist viel schmalspuriger und auf Equipment fokussiert aufgestellt und Freescale sucht den breiten Markt. Kinetis hat jetzt zwei Jahre hintereinander ein zweistelliges Wachstum erzielt.

Elektronik: Was die Frage nach der Zukunft von LPC nicht beantwortet…

Lowe: Ich erwarte keine großen Änderungen im Produktportfolio, weil wir wie gesagt einen anderen Ansatz haben als NXP.

Elektronik: Ein weiterer potentieller Konflikt-Bereich sind DSPs, wie geht es dort weiter?

Lowe: Auch da sehe ich kaum Probleme: NXPs Chips gehen primär in Automotive-Radios und unsere in die Kommunikation.

Elektronik: Und die Sensoren? Dort ist ja Freescale deutlich besser positioniert als NXP. Auch dort keine Probleme?

Lowe: Wir machen ja primär auch bei den Sensoren Automotive-Geschäft, z.B. Reifendrucksensoren etc. NXP spielt da nicht mit, da sehe ich auch keine Konkurrenz.

Elektronik: In Ihrem Geschäftsbericht 2014 wie auch 2013 wie auch 2012 ist u.a. als Risiko beschrieben, dass Sie mit nur 3 Kunden mehr als ein Drittel Ihres Gesamtumsatzes machen: Continental 14 %, Avnet 10 % und Arrow 10 %. Wird dieses Risiko der Abhängigkeit von wenigen Kunden durch den Zusammenschluß weiter verstärkt oder abgeschwächt?

Lowe: Also erstmal haben wir langjährige gute Beziehungen zu den genannten Firmen, z.B. mit Conti haben wir jetzt seit 30 Jahren eine Partnerschaft und lange Design-Zyklen. Hinter Arrow und Avnet stehen tausende Kunden und eine ebenso gute Partnerschaft. Nichtsdestotrotz, um Ihre Frage zu beantworten, bezogen auf den höheren NXP-Umsatz in Summe werden Abhängigkeiten reduziert.

Elektronik: Ein weiteres Risiko ist laut Ihrem Geschäftsbericht IP-Schutz in China und Indien, das dürfte ja bei NXP, dem „chinesischen Unternehmen mit Sitz in Eindhoven“, nicht anders sein. Sehen Sie da Licht am Ende des Tunnels?

Lowe: In China sehen wir zum Glück zum Thema IP-Schutz Aktivitäten, die in die richtige Richtung gehen.

Elektronik: Trotz vieler Fortschritte bezüglich Ihrer Finanzierung haben Sie immer noch Milliardenschulden, die Sie selbst als „Wettbewerbsnachteil“ darstellen. Wo liegt dieser genau?

Lowe: Sicher haben wir immer noch signifikante Belastungen, daher ist die Strategie, diese zu reduzieren. In den letzten 2 Jahren haben wir unsere Schulden alleine um 2 Mrd. Dollar reduziert. Das Interessante ist, dass der Zusammenschluß mit NXP unseren Verschuldungsgrad drastisch reduzieren wird. Heute beträgt das Verhältnis Schulden zu Ebitda Faktor 5, nach dem Zusammenschluß wird es nur noch 3 betragen und in den nächsten 6 Quartalen, wo weitere Rückzahlungen erfolgen, nochmal runter auf 2 gehen. Faktor 2 ist sehr gut, fragen Sie mal Ihren CFO (lacht).

Elektronik: NXP war ja auch mal sehr hoch verschuldet…

Lowe: …und hat seine Verbindlichkeiten so weit reduziert, dass das Verhältnis Schulden zu Ebitda nur noch 1,5 beträgt. Daher werden wir zusammen nur noch bei Faktor 3 liegen – vorläufig.

Elektronik: Nachdem Sie mir Ihre Finanzen so in rosaroten Farben skizzieren, verstehe ich nicht, warum sich die Freescale-Aktie schlechter entwickelt hat als der S&P500-Index – das steht auch in Ihrem Geschäftsbericht 2014.

Lowe: Also, innerhalb der Halbleiterindustrie, die ja im SOX-Index abgebildet wird, hat sich die Freescale-Aktie deutlich besser entwickelt in den letzten 3 Jahren – und ist von 8 auf 40 Dollar gestiegen.