Klimadebatte »How dare you?«

Gerhard Stelzer, Editor-at-Large der Elektronik und Elektronik automotive
Gerhard Stelzer, Editor-at-Large der Elektronik und Elektronik automotive

Wie könnt Ihr es wagen? Zugegeben, es war sehr berührend als Greta Thunberg sinngemäß mit diesen Worten das versammelte Auditorium des Klimagipfels beschämte. Der Schutz des Klimas ist eine Herausforderung, bietet aber auch gewaltige Chancen für Innovationen.

Das hat es bei einem internationalen politischen Spitzentreffen wohl auch noch nicht gegeben. Eine 16-jährige Schwedin liest den Mächtigen der Welt auf dem UN-Klimagipfel in New York die Leviten. »Ihr habt meine Träume und meine Kindheit gestohlen mit euren leeren Worten«, klagte Greta Thunberg mit Tränen in den Augen die politischen Entscheidungsträger im Auditorium an. »Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens, und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum. Wie könnt Ihr es wagen?«

Zugegeben, Greta Thunberg polarisiert. Spiegel online zitierte beispielsweise das »New York Magazine« mit dem verunglückten Scherz »Greta Thunberg trägt mit ihrem sengenden Blick aus Versehen zur Erderwärmung bei.« Wohingegen die US-Abgeordnete Sheila Jackson Lee einen Tweet mit den Worten teilte »Wir sind alle Greta Thunberg«.

Thunberg wird mittlerweile zur Ikone des Klimaschutzes verklärt. Nichtsdestotrotz wäre es unfair ihr Engagement zur Rettung des Weltklimas anzuzweifeln. Wenn schon nicht Einigkeit unter allen Menschen besteht, so dann doch weitgehend unter renommierten Wissenschaftlern. Wenn man etwas gegen den Klimawandel tun möchte, dann ist es keinen Augenblick zu früh.

Dennoch scheinen in Deutschland starke Beharrungskräfte am Werk, die den Einsatz zur Klimarettung bremsen. Die Transformation in Richtung einer nachhaltigen und klimaneutralen Wirtschaft wird Gewinner und Verlierer produzieren. Wenn eine Gesellschaft keine Risse bekommen soll, ist es Aufgabe der Politik die Interessen auszutarieren, aber auch Weichen zu stellen.

Welche deutsche Branche ist als Enabler für eine nachhaltige und klimaneutrale Transformation besser positioniert, als die Elektro- und Elektronikindustrie? Der Zentralverband der Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI) und der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) sind beileibe keine Scharfmacher. Sie vertreten die Interessen ihrer Mitgliedsunternehmen.

Anke Hüneburg, Leiterin Bereich Energie beim ZVEI, beklagt: »Der große Wurf blieb aus: Rund 70 Einzelmaßnahmen — über die Sektoren verteilt — sollen dafür sorgen, dass Deutschland seine Klimaziele bis 2030 erreicht. Unter anderem wird es ab 2021 einen festen Preis für den Ausstoß von CO2 im Verkehrs- und Gebäudesektor geben, der stufenweise von anfangs 10 Euro bis auf 35 Euro pro Tonne im Jahr 2025 steigt. Zu wenig, um wirkliche Anreize für Investitionen in CO2-mindernde Technologien — die bereits vorliegen! – zu setzen.« Auch fehle eine schlüssige Agenda für den Netzausbau, überfällig sei die Digitalisierung der Energiewende und damit die Transformation des Stromnetzes in ein »Smart Grid«.

VDMA-Präsident Carl Martin Welcker kritisiert: »Es war höchste Zeit, dass die Große Koalition den Einstieg in eine CO2-Bepreisung geschafft hat, die den Verkehrs- und den Gebäudesektor einbezieht. Allerdings sind die vereinbarten Preise für die Tonne CO2 in den kommenden Jahren zu gering und es geht zu langsam. Wir brauchen mehr Vertrauen in die technologische Machbarkeit und Entwicklung, und wir müssen die Menschen dabei mitnehmen. Kritisch sehen wir, dass das Klimapaket immer noch aus einer Fülle von Einzelmaßnahmen und Subventionen, zum Beispiel für batteriegetriebene Elektrofahrzeuge, besteht. Das birgt die große Gefahr, dass Gelder ineffizient eingesetzt werden.«

Diese Chancen liegen zu lassen: »How dare we?«