Kommentar Freescale und NXP: Größer, aber auch besser?

NXPs CEO Rich Clemmer äußerte sich auf dem Mobile-World-Congress in Barcelona zum Kauf des Konkurrenten Freescale.
NXPs CEO Rich Clemmer äußerte sich auf dem Mobile-World-Congress in Barcelona zum Kauf des Konkurrenten Freescale.

Durch den Kauf des amerikanischen Chip-Herstellers Freescale durch seinen europäischen Konkurrenten NXP entsteht ein neues Schwergewicht im sich konsolidierenden Halbleiter-Markt. Aber heisst größer in diesem Fall auch erfolgreicher? NXPs CEO Rich Clemmer äußerte sich auf dem Mobile World Congress.

Wireless-Konnektivität, Datenverarbeitung und Sicherheit in einer „smarteren Welt“ sind die Säulen, auf die CEO Rich Clemmer das zukünftige NXP bauen will – das Internet of Things lässt grüßen. Dazu eine führende Position im Automotive-Geschäft, die laut Clemmer in der Chip-Industrie ihresgleichen sucht.

Tatsächlich wird NXP neu mit rund 13 % Marktanteil (Zahlen des Jahres 2013, für 2014 liegen diese konsolidiert noch nicht vor) im hochgradig fragmentierten Automotive-Geschäft die neue Nr. 1 werden, allerdings mit nur 2 bzw. 4 Prozent Vorsprung auf die Verfolger Infineon und Renesas, und dies auch nur, wenn man davon ausgeht, dass NXP neu tatsächlich den Umsatz von „NXP alt“ plus Freescale in „NXP neu“ hinüberretten kann. Dies erscheint angesichts der unterschiedlichen Schwerpunkte beider Unternehmen zumindest nicht ganz abwegig zu sein.

So liegen Freescales Stärken in Motorsteuerung und Powertrain generell, während NXP ausgehend von seinem Chipkartengeschäft auf Security und Konnektivität fokussiert ist. Sehr gut ergänzen sich Beide auch im Bereich Infotainment, wo NXP führend bei Audio-Anwendungen (FM/AM-Silizium-Tuner, DSPs) ist und mit Hilfe von Freescales i.MX-Applikationsprozessoren zukünftig komplette Anwendungen aus einer Hand anbieten kann.

Überschneidungen gibt es jedoch im Bereich Radar, einer weiteren Stärke von Freescale, wo NXP kürzlich einen ersten CMOS-basierten Radar-Chip vorgestellt hat, und unterschiedliche Ansätze bei ADAS. Während NXP mit Mobileye zusammenarbeitet, hat Freescale auf dem Mobile World Congress ein SoC vorgestellt, das auf CogniVue‘s APEX-Bildverarbeitungs-Technologie der 2. Generation aufsetzt. Beim Thema Security generell setzt Freescale mangels Hardware-Alternative auf Software, während NXP von seiner Chipkarten-Sparte profitiert und hardwarebasierte Sicherheit auch für das vernetzte Auto anbietet.

Insgesamt ist der Automotive-Bereich jedoch sicherlich der, der am meisten von dem Kauf profitiert. Spannend wird zu sehen sein, wer diesen Bereich letztendlich leiten wird, sowohl Bob Conrad von Freescale als auch Kurt Sievers von „NXP alt“ haben zweifelsfrei einen außerordentlich guten Job gemacht.

Weniger gut sieht der Kauf im Bereich Allzweck-Mikrocontroller aus. Hier hat Ex-NXP-MCU-Chef Geoff Lees bei Freescale ein Portfolio aufgebaut, das zu einem rund 5x größeren Umsatz als bei „NXP alt“ geführt hat. Clemmer erklärte auch sogleich, dass Lees „herzlich willkommen sei“ und dass „es toll sei, ihn zurückzubekommen“. Sein Pendant bei „NXP alt“, Jim Trent, dürfte somit bereits Ausschau nach „neuen Herausforderungen“ außerhalb von „NXP neu“ halten. Welche Familien aus NXPs LPC-Controllern langfristig überleben und ob alle dann ehemaligen LPC-Kunden auch zu Kinetis oder doch lieber zu ST, Renesas oder TI wechseln werden, sei einmal dahingestellt. Derzeit haben „NXP alt“ und Freescale gemeinsam einen Marktanteil von rund 17 %, was deutlich hinter Marktführer Renesas liegt, eine kurzfristige Vergrößerung ist – diplomatisch ausgedrückt - angesichts der zu erwartenden Konsolidierung der Kinetis- und LPC-Produktlinien nicht zu erwarten.

Für Freescales Sensor- und Netzwerk-Prozessor-Geschäft könnte der Kauf dagegen noch unerfreulicher ausgehen. Bei den Sensoren möchte Clemmer nach eigener Aussage lieber mit Partnern zusammenarbeiten, das Netzwerk-Prozessor-Geschäft passt aus seiner Sicht wie auch NXPs Standard-Produkt-Geschäft nicht zu der Ausrichtung von „NXP neu“ und könnte somit zum Verkauf stehen – solange die Zahlen stimmen, verspürt der CEO nach eigenen Angaben allerdings keinen großen Druck. Ob dies der Wahrheit entspricht oder Clemmer nur einen etwaigen Preisdruck von potentiellen Interessenten vermeiden möchte, ist eine andere Sache, denn mit dem zu erwartenden Milliarden-Erlös könnte er kurzfristig einen Teil der hohen Schuldenlast, die auch „NXP neu“ plagen wird, tilgen. Was einen Verkauf noch wahrscheinlicher gestaltet, ist die Tatsache, dass Clemmer immer ein Gegner des kapitalintensiven Wettrennens um kleinste Fertigungsgeometrien gemäß Moore’s Law war und gerade die Multi-Core-Netzwerk-Prozessoren immer kleinere Strukturen benötigen, um die erforderliche Rechenleistung und Energiesparanforderungen der Kunden zu befriedigen. Insofern dürfte auch Tom Deitrich, langjähriger Leiter der Netzwerksparte von Freescale, schon über Veränderungen nachdenken.

Klar ist bereits, dass NXP seine HF-Einheit verkaufen wird, was schon aus regulatorischen Gründen notwendig ist – zusammen mit Freescales HF-Geschäft würde eine marktbeherrschende Stellung entstehen, Clemmer sieht hier die chinesische Behörde Mofcom als größte Hürde.

Unabhängig von den einzelnen Produktlinien gibt es auch noch eine andere Frage zu lösen: Freescale hat unter Gregg Lowe ein großes Partner-Ecosystem und starkes Distributionsnetz aufgebaut, das zweifelsfrei ein Teil des Erfolges von Freescale in Lowe’s CEO-Ära ist. Dies ohne Reibungsverluste in „NXP neu“ zu überführen, wird alles andere als trivial werden, zudem „NXP alt“ ja nicht gerade dafür bekannt war, sich auch nur annähernd diesbezüglich engagiert zu haben.

Unklar ist abschließend auch, was mit Freescales Noch-CEO Gregg Lowe passieren wird. Fest steht, dass Clemmer große Stücke auf Lowe hält und in ihm den entscheidenden Faktor sieht, warum Freescale nach schlechten Jahren zum Wachstum zurückgekehrt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass Lowe, ähnlich wie es bei Intel gehandhabt wird, den Posten eines Presidents neben dem CEO angeboten bekommt. Unterhalb dessen wird sich Lowe, der sich in den letzten Jahren in der gesamten Branche zu Recht hohen Respekt erworben hat, auch nicht mehr zufriedengeben (müssen), ich möchte gar nicht wissen, wieviele Headhunter schon angefragt haben.

Was jedoch zweifelsfrei positiv für Europa ist, dass nach einem gestärkten Infineon (durch den Kauf von International Rectifier) ein noch stärkeres NXP entsteht, das nach unseren Berechnungen Platz 7 in der Liste der weltgrößten Halbleiterhersteller einnehmen wird. Wie auch im Fall Infineon hoffe ich mit der europäischen Brille, dass Rich Clemmer und seinen Vorstandskollegen die Integration von Freescale bestmöglichst gelingen möge, was schon an Hand der unterschiedlichen Firmenkulturen eine Herausforderung darstellen dürfte.

Schon 2016 will Clemmer 200 Mio. Dollar Kosten primär in der Verwaltung einsparen, langfristig sollen es 500 Mio. Dollar pro Jahr werden, wie das genau allerdings aussehen soll, ließ der CEO bislang offen. In Summe wird das für NXP strategisch wichtige weil margenstarke High-Performance-Mixed-Signal-Geschäft laut Clemmer zukünftig einen Umsatzanteil von 87 gegenüber 77 % Stand heute haben, die Standard-Produkte, also diejenigen, die primär über den Preis und nicht technische Innovation verkauft werden, sollen nach seiner Berechnung statt 23 nur noch 13 % des Gesamtumsatzes umfassen.

Wird der Merger gut gemanagt, könnte es jedoch unabhängig davon, ob pro Jahr 300, 400 oder 500 Mio. Dollar eingespart werden, auf Grund der starken Position von „NXP neu“ in den Wachstumsmärkten IoT und Automotive und einem insgesamt margenstärkeren Geschäft tatsächlich auch am Ende heissen: „Größer=Besser“.