European Nanoelectronics Forum 2012 EU-Kommissarin Neelie Kroes verspricht Unterstützung der Chip-Industrie

EU-Kommissarin Neelie Kroes versprach bis 2020 neue EU-Förderungen in Höhe von 18 Mrd. Euro - wenn das Parlament mitspielt.
EU-Kommissarin Neelie Kroes versprach bis 2020 neue EU-Förderungen in Höhe von 18 Mrd. Euro - wenn das Parlament mitspielt.

Das diesjährige European Nanoelectronics Forum wurde von mehr als 300 Teilnehmern besucht und fand in München statt. Neben der Vorstellung von finanziell geförderten europäischen Hightech-Projekten ging es natürlich auch wieder um Politik und die Frage, wie man Europa im Wettbewerb zu Asien und den USA konkurrenzfähig halten kann.

Beim diesjährigen europäischen Nanoelektronik-Forum in München drehte sich wieder einmal alles um die Frage, wie man die europäische Chip-Industrie im Wettbewerb zu Asien und den USA wettbewerbsfähig halten kann.

In seinem Grußwort der bayerischen Landesregierung erklärte der Ministerialdirigent im bayerischen Wirtschaftsministerium Dr. Roland Mertz, dass Bayern ein „exzellenter Standort“ für High-Tech-Unternehmen und wie wichtig die Mikroelektronik sei. Als Beispiel brachte er allerdings ausgerechnet Smartphones und Tablets, also Geräte, die in Deutschland gar nicht mehr gebaut werden.

Andreas Wild, Chef des europäischen Förderprogramms ENIAC, erklärte zum Auftakt der Konferenz, dass man zwar die Investitionen in Forschung und Entwicklung in den letzten beiden Jahren verdreifachen konnte, was gut, aber nicht ausreichend sei. Vielmehr müssten alle Beteiligten, insbesondere auch die europäischen Institutionen und die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten ihren finanziellen Beitrag leisten – ein freilich frommer Wunsch, wenn man bedenkt, wie gering das Interesse der Staaten ist, die selbst gar keine Chip-Industrie haben und dies ist in Europa nun einmal zahlenmäßig die Mehrheit.

Wild bezeichnete es als Katastrophe, dass die Investitionen in die Chip-Fertigung Jahr für Jahr sinken, obwohl die Preise für Fabs von 1 Mrd. Dollar (200 mm in den 90er-Jahren) auf 6 Mrd. Dollar (300 mm) gestiegen sind. In dem ENIAC-Programm erhalten 413 Unternehmen und Organisationen Fördermittel, davon alle 168 sogenannte SMEs (Small- and Medium Business), aber nur 119 Großunternehmen (sowie 126 Universitäten und andere Forschungsinstitute).

Dies nahm Andre-Jacques Auberton-Herve, der im Jahr 1992 den Materialhersteller SOITEC geründet hatte und heute dort CEO ist, zum Anlass, mehr Wachstum zu fordern. Kleine und mittlere Unternehmen, also gerade die geförderten SMEs, haben seiner Ansicht nach langfristig keine Chance. Zudem forderte er von Unternehmern, mehr Risiken einzugehen: „We have to go faster“. Zudem kritisierte Auberton-Harve, dass man die „Führungskultur“ in Europa verloren habe und warnte davor, dass der Verlust der Chip-Industrie eine Katastrophe sei, weil man mit ihr auch den Zugang zu diesen Technologien verlieren würde.

Die gleiche Sicht vertrat auch Peter Bauer, ehemaliger CEO von Infineon und jetziger Berater des Infineon-Vorstandes: Er erklärte, dass ein weiterer Niedergang von Europa in Bezug auf die Chip-Industrie (aktuell werden nur noch 12 % aller Chips in Europa verkauft, nur noch 10 % produziert und nur noch 5 % aller weltweiten Investitionen in Chip-Fabriken in Europa durchgeführt) und die damit verbundene Abhängigkeit zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit von Europa führen werde. Bauer schlug vor, der weiteren Zersplitterung der europäischen Chip-Industrie damit zu begegnen, dass man sich auf einige wenige große Cluster wie Silicon Saxony konzentriert.

Eine weitere Herausforderung sieht Bauer darin, dass in Europa anders als in Asien mit der dortigen Konsumer-Industrie hier Produkte nur in kleineren Stückzahlen gefertigt werden, und somit Skalen-Effekte nicht zu nutzen sind. Er erklärte aber, dass man mit intelligenten Fabriken („Samrt Factories“) auch kleinere Mengen effizient produzieren könne. Zudem forderte Bauer wie in allen seinen Vorträgen ein gleiches Spielfeld für alle, womit er die gigantischen Suventionen in Korea, Taiwan und anderen Ländern anspricht. Es angesichts dessen kein Wunder, so Bauer weiter, dass die führenden Foundries alle in Asien angesiedelt seien. Er forderte erneut, dass man wirksame Förderinstrumente in Europa brauche, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wie auch Auberton-Herve kritisierte Bauer die starke Fragmentierung der europäischen Chip-Industrie.

Zum Abschluß erklärte Bauer, dass man nicht alle Technologien und Kompetenzen brauche, um ein Top-Produkt zu bauen – die Kernkompetenzen und Technologien wie Sensorik oder Leistungselektronik seinen jedoch unerlässlich. Bauer warnte, dass ein weiteres Schrumpfen der europäischen Industrie zwangsläufig zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führen würde.

Als letzte Sprecherin kam dann EU-Kommissarin Neelie Kroes selbst zu Wort und Ihre Rede hatte es in sich. „Wir müssen die Chip-Fertigung in Europa halten“ und „lassen Sie uns Chips hier in Europa fertigen“, appellierte Sie an die Konferenzteilnehmer. Ihre klare Ansage, dass man sich eine „fragmentierte Förderung“ nicht mehr leisten könne und „nationale Champions reichen nicht aus, wir brauchen europäische Champions“ zielte auf die immer noch Kleinstaaterei in Europa, wo nationale die gesamteuropäischen Interessen verdrängen.

Von 2014 bis 2020 soll ein neues Förderungsprogramm im Volumen von 18 Mrd. Euro aufgelegt werden, Kroes will hierzu einen konkreten Vorschlag bis Sommer 2013 auf den Tisch legen, der hoffentlich auch die Zustimmung des EU-Parlaments finden wird. Dass Kroes ihre Ziele mit aller Deutlichkeit verfolgt, musste ja u.a. Intel spüren, als man wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens gegenüber AMD eine milliardenschwere Strafe bezahlen musste. Kroes will nach eigenen Worten auch bürokratische Hürden abbauen, die in der Vergangenheit Projekte verzögert und die partizipierenden Unternehmen oft zur Verzweifelung getrieben haben.

Zum Schluß sagte Kroes: „Ich akzeptiere es nicht, dass andere Regionen Europa überholen“.