Elektronik-Zeitreise Englands Schicksal – unser Schicksal

Der Austritt Großbritanniens aus der EU steht uns nun bevor. Die englischen Europa-Gegner waren aber auch in den 1970er-Jahren sehr zahlreich. Hier ein – äußerst lesenswertes – Stimmungsbild aus dem Jahr 1974, den Zeiten der Energiekrise.

London, 25. Januar 1974. – Wer in London in einem guten Hotel absteigt, der befindet sich in einer Oase, vor der alle Nöte der Energiekrise haltmachen. Doch draußen sieht’s anders aus: Die Straßenbeleuchtung ist um 50 % reduziert, die Leuchtreklame sogar am Picadilly Circus abgeschaltet.

Viele Schaufenster liegen in traurigem Dunkel, reizen nicht mehr zum abendlichen Einkaufen – das Schild mit »Open« teilt dem Straßenbummler mit, daß er trotzdem bedient wird, sofern er solch düsteres Lokal überhaupt betreten sollte.

Andere behelfen sich mit Gas-Beleuchtung, wieder andere, deren Läden in elektrischer Beleuchtung erstrahlen, erklären mit einem Schild entschuldigend, daß sie einen Generator betreiben. An Benzin fehlt es nämlich nicht. Der Autofahrer hat zwar seine Rationierungskarten in der Brieftasche, aber sie sind noch nicht in Gebrauch; man muß nur bisweilen einige Tankstellen abklopfen, bis man seinen Tank voll hat.

Verkürzung der Pausen

Auch die Industrie behilft sich vielfach mit kleinen Motor-Generatoren; fliegende Kabel bringen den selbst erzeugten Strom an die Arbeitsplätze. Gearbeitet wird teils Montag – Dienstag – Mittwoch, teils Donnerstag – Freitag – Sonnabend. Durch Verkürzung der Pausen, schärferen Arbeitsrhythmus und Überstunden wird versucht, den Produktionsausfall möglichst gering zu halten; man schätzt ihn im allgemeinen auf etwa 25 % - genug für die meisten Betriebe, um tief in die roten Zahlen zu geraten. Nur Fabriken mit kontinuierlichen, nicht abschaltbaren Prozessen sind von der Strom-Rationierung ausgenommen.

Die Briten tragen all dies mit bewundernswerter Ruhe und Disziplin, nicht viel anders wohl als zu Churchills Zeiten die Nöte des Krieges. Die Manager der Elektronik-Industrie geben sich meist zuversichtlich, üben aber zum Teil auch herbe Kritik an der Regierung wegen ihrer starren Haltung den Gewerkschaften des Kohlenbergbaus gegenüber. 

Ein Schlag für Europa

Diese bewirkte außer Milliarden-Verlusten in der Wirtschaft einen Linksruck in der Bevölkerung, wie ein Meinungsforschung-Institut kürzlich feststellte. Neuwahlen könnten die Labour-Partei wieder ans Ruder bringen. Und das würde wahrscheinlich den Austritt Englands aus der EG bedeuten, den bei der letzten Befragung 51 % der Bevölkerung befürworteten. Nur 12 % halten die EG für eine gute Sache für Großbritannien.

So können wir in der BRD der britischen Energiekrise gegenüber nicht gerade den unbeteiligten, achselzuckenden Zuschauer spielen. Es geht hier nicht um die abgeschalteten Glühlampen oder um die Dreitagewoche – es geht letztlich um unser eigenes Wohl und Wehe, denn nach dem Ausscheren Frankreichs aus dem Währungsverbund wäre ein Austritt Großbritanniens aus der EG ein weiterer schwerer Schlag für ganz Europa.

 

 

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Elektronik-ZeitreiseDie Elektronik wird 65 Jahre – der perfekte Moment, um eine kleine Elektronik-Zeitreise zu beginnen: Wir haben in unserem Archiv geschmökert und bahnbrechende Neuigkeiten der vergangenen 65 Jahre entdeckt. Erleben Sie in unserer Elektronik-Zeitreise revolutionäre Neuigkeiten der vergangenen Jahrzehnte – gerne mit einem Schmunzeln.