Interview mit Dr. Reinhard Ploss Der neue Mann an Infineons Spitze

Dr. Reinhard Ploss (links, mit Elektronik-Redakteur Frank Riemenschneider in seinem Büro an Infineons Zentrale, dem Campeon in Neubiberg bei München) beerbte zum 1. Oktober 2012 Peter Bauer als neuen Vorstandsvorsitzenden der Infineon Technologies AG.
Dr. Reinhard Ploss (links, mit Elektronik-Redakteur Frank Riemenschneider in seinem Büro an Infineons Zentrale, dem Campeon in Neubiberg bei München) beerbte zum 1. Oktober 2012 Peter Bauer als neuen Vorstandsvorsitzenden der Infineon Technologies AG.

Mit dem Verkauf des Wireless-Geschäftes konzentriert sich Infineon nun auf die Schwerpunkte Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit. Die Elektronik fragte den neuen Vorstandschef Dr. Reinhard Ploss nicht nur nach seiner zukünftigen Erfolgsstrategie, sondern auch nach seinen Wünschen an die Politik.

Elektronik: Herr Dr. Ploss, Ihr langjähriger Weggefährte Peter Bauer musste aus gesundheitlichen Gründen zum 30. 9. 2012 sein Amt aufgeben. Es hätte sicher schönere Anlässe für Sie gegeben, auf den Chefsessel nachzurücken?

Reinhard Ploss: Den Rückzug von Peter Bauer finde ich persönlich sehr bedauerlich, habe aber zugleich allerhöchsten Respekt für seine Entscheidung. Unter seiner Führung haben wir Infineon erfolgreich neu ausgerichtet und dabei auch schwierige Phasen gemeistert. Das ist sein Verdienst. Es freut mich, dass der Aufsichtsrat mir den Vorstandsvorsitz anvertraut hat. Das ist eine Bestätigung für die erfolgreiche Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren gemeinsam geleistet haben, und ein klares Bekenntnis zu unserer Strategie.

Elektronik: Sind Ihre Aufgaben als Vorstand für Operations, R&D und Arbeitsdirektor gerade für ein Engineering-getriebenes Unternehmen wie Infineon nicht viel zu wichtig, als sie neben den von Herrn Bauer geerbten Aufgaben weiterzuführen?

Ploss: Gerade in der Verantwortung für Operations spüren Sie tagtäglich den Puls des Unternehmens. Hier ist es entscheidend, immer auf dem Laufenden zu sein und im Bedarfsfall schnell zu reagieren. Dieser Job ist nicht nebenher zu machen. Aus diesem Grund haben wir auf der Ebene unterhalb des Vorstands jetzt eine Operations-Leitung geschaffen.

Mit Peter Schiefer kümmert sich ein erfahrener Manager aus dem Unternehmen um diese wichtige Aufgabe. Er versteht sowohl unsere breite Produktpalette als auch die vielfältigen Anforderungen an Operations hervorragend und ist darüber hinaus mit den Marktmechanismen vertraut. Er hat den Posten am 1. September übernommen und verantwortet die Fertigungs-Cluster, die Supply Chain und den Einkauf.

Elektronik: Ihr neuer Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Mayrhuber war zuvor CEO bei der Lufthansa. Welchen Mehrwert bringt ein branchenfremder Chefaufseher dem Chiphersteller Infineon?

Ploss: Wir alle bei Infineon sind sehr glücklich darüber, in Wolfgang Mayrhuber einen so erfahrenen Top-Manager als Aufsichtsratsvorsitzenden zu haben. Er ist ein ausgewiesener Technikexperte, hat selbst einen international tätigen Konzern geführt und ist bestens vernetzt. Ich schätze ihn als herausfordernden Sparringspartner in strategischen Diskussionen.

Elektronik: Nach ihrer geglückten Refinanzierung und dem Verkauf des Wireless-Geschäftes steht Infineon wirtschaftlich besser da als jemals zuvor. Auch wenn Sie sich von den starken Schwankungen des reinen Konsumelektronik-Geschäftes abgekoppelt haben, gegen Konjunkturschwankungen sind auch Sie nicht immun. Was ist Ihr Plan B, wenn die Industrieproduktion zurückgeht und die Menschen weniger Au-tos kaufen?

Ploss: Den normalen Konjunkturschwankungen, kann sich ein Unternehmen nie entziehen. Ziel der Fokussierung des Portfolios auf Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit war es, die Volatilität zu minimieren, die sich aus den Projekten ergab. Das ist gelungen, Infineon bewegt sich nun mit der Gesamtkonjunktur. Und während die Geschäfte des Geschäftsbereichs Power Management & Multimarket früh im Zyklus liegen, ist Industrial Power Control deutlich verzögert. Damit gleichen sich kleinere Ausschläge aus. Für die längerfristigen Schwankungen haben wir geeignete Konzepte, um unsere Kosten anzupassen. Das haben wir auch in der letzten Krise gezeigt.

Ihre Frage lässt einen wichtigen Umstand außer Acht: Wir wachsen, auch wenn die Endmärkte stagnieren. So wächst zum Beispiel der Halbleiteranteil im Auto. 2011 waren es im weltweiten Durchschnitt rund 270 US-Dollar pro Fahrzeug, für 2019 wird mit etwa 320 US-Dollar gerechnet. Das Indus-triegeschäft ist grundsätzlich weniger zyklisch, könnte aber derzeit etwas besser laufen.

Elektronik: Sie haben mehrfach darauf hingewiesen, dass weltweit gesehen unterschiedliche Wettbewerbsbedingungen herrschen; so werden Chip-Firmen u.a. in Korea und Taiwan mit hohen staatlichen Subventionen gefüttert. Was wünschen Sie sich von der deutschen Politik?

Ploss: Die asiatische Wirtschaft hat im globalen Wettbewerb in den vergangenen Jahren massiv aufgeholt. Seit rund fünf Jahren zieht dort auch die Binnen-Nachfrage an, so dass die Unternehmen zunehmend für den heimischen Markt fertigen. Inzwischen betreiben sie eigene Forschung und Entwicklung und werden dabei ebenso staatlich gefördert wie bei ihren Investitionen.

Die Asiaten bauen also im Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft die komplette Wertschöpfungskette auf. Gerade im Interesse unserer Leitmärkte müssen wir sicherstellen, dass wir hier unseren technischen Vorsprung wahren. Deshalb sollte die industrielle Forschung in Deutschland steuerlich gefördert werden, um die Verzerrungen zu mindern.

Elektronik: Ein vereintes Europa bleibt ja zumindest für Ihre Industrie offenbar ein Traum. Jeder will die Hochtechnologie in Europa stärken, aber bitteschön nur in seinem eigenen Land. Macht eine „450-mm-Euro-Fab” unter diesen Umständen überhaupt Sinn?

Ploss: Die europäischen Halbleiterfirmen arbeiten intensiv zusammen, vor allen Dingen im vorwettbewerblichen Bereich. Etwa beim sogenannten „Joint Undertaking“ ENIAC, CATRENE oder dem siebten Rahmenprogramm der Europäischen Kommission, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das ist also kein Traum, sondern schon längst Realität. Dies sind auch sehr gute Plattformen, um entlang der Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten, was im Sinne der halbleitertypischen Systemintegration immer wichtiger wird.

Bei 450 mm ist der Bedarf unterschiedlich groß, scheint jedoch in Summe eher moderat zu sein. Auch die Vision einer gemeinsamen „450-mm-Euro-Fab“, die von mehreren Halbleiterfirmen betrieben wird, rechnet sich nicht. Gleichzeitig ist es das legitime Interesse der europäischen Anlagenhersteller, sich für den Wettbewerb zu rüsten, der zunächst in Asien und in den USA entstehen wird. Dabei sollten sie von der EU unterstützt werden, allerdings mit Augenmaß und unter Berücksichtigung bereits vorhandener Technologien und Kapazitäten auch außerhalb Europas. Ein Beispiel hierfür ist die 450-mm-Allianz in Albany, New York.

Elektronik: Kommen wir zum Thema Energieeffizienz, wo Sie Controller und Leistungselektronik kombinieren können. Ist Energieeffizienz wirklich schon das große gesellschaftliche Thema oder eher noch Wunschdenken der Chip-Hersteller?

Ploss: Ich kenne kaum ein größeres. Infineon macht bereits mehr als 60 Prozent des Umsatzes mit Produkten und Lösungen zur Erhöhung der Energieeffizienz und das Wachstumspotenzial ist groß. Das ist die Realität und kein Wunschdenken. In den modernen Industriegesellschaften steigt der Energiebedarf kontinuierlich und erfordert neue Formen der Versorgung sowie effizientere Nutzung. Die Effizienz ist heute eine der wichtigsten Energiequellen. Mit dem Einsatz von modernen Halbleiterlösungen ließen sich bis zu 30 Prozent des weltweiten elektrischen Energieverbrauchs einsparen.

Elektronik: Mit Ihren Chips könnte man den Energiebedarf in der deutschen Industrie um rund 30 Prozent senken. Warum sieht man immer noch so viele Stromversorgungen mit desaströsem Wirkungsgrad und ungeregelte Antriebe? Das passt doch nicht zusammen…

Ploss: Besser hätte ich es nicht formulieren können. Dass sich mit Chips von Infineon der Energiebedarf auf Verbraucherseite senken lässt, ist ein Aspekt. Unser Unternehmen bietet aber auch effizienzsteigernde Lösungen für die beiden anderen Stufen der Versorgungskette an, also für Erzeugung und Transport. So leisten wir einen Beitrag, um erneuerbare Energiequellen nutzbar zu machen und Verluste bei der Übertragung zu minimieren.

Dazu bedarf es allerdings der entsprechenden Infrastruktur - Stichwort Smart Grid - und das erfordert Investitionen und gesellschaftlichen Konsens. Die Energiewende ist notwendig, weil es weder im Umgang mit den Ressourcen noch beim Ausstoß klimaschädlicher Abgase so weitergehen kann wie bisher. Die Technologie dazu ist bereits verfügbar: Die Produkte, die Infineon im Jahr 2011 verkauft hat, stehen für CO2-Einsparungen in Höhe von 3,6 Millionen Tonnen - nach Abzug der Menge, die für die Produktion aufgewendet wurde.

Elektronik: Die Übertragungsverluste auf dem Energietransport vom Windpark in der Nordsee in den Süden hin zur Industrie könnten ja mit entsprechenden Komponenten aus Ihrem Haus drastisch gesenkt werden; ich kann leider nur wenig politischen Willen erkennen, daran ernsthaft zu arbeiten. Ist Energie immer noch zu billig?

Ploss: Ein höherer Strompreis alleine wird diese grundlegenden Probleme nicht lösen. Deutschland braucht mehr Stromleitungen beziehungsweise muss die vorhandene Infrastruktur besser nutzen, beispielsweise durch gezielte Steuerungs- und Anpassungsmöglichkeiten auf der Verbraucherseite. Das alles erfordert Investitionen, die sich mittelfristig in steigenden Preisen niederschlagen.

Das Gelingen der Energiewende hängt aber nicht allein von der Politik ab, sondern auch von der Akzeptanz in der Bevölkerung. Auch wenn es nicht populär ist: Saubere Energie gibt es nicht zum Nulltarif und auch nicht ohne neue Stromtrassen. Auf lange Sicht wird die Gesellschaft jedoch sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich profitieren.