Kommentar Artenschutz ist notwendig: Ingenieure im Bundestag

Frank Riemenschneider, Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.
Frank Riemenschneider, Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.

Im Bundestag sitzen viele Anwälte, Beamte und Lehrer, aber kaum Naturwissenschaftler oder Ingenieure. Der ehemalige Handelsblatt-Geschäftsführer Gabor Steingart erklärte in seinem Morning Briefing vom 2. Juni, dass schon »die Berufsausbildung der Beteiligten Misstrauen weckt«. Er hat Recht.

Bereits 2017 bemängelte der ehemalige Forschungsminister und damalige Alterspräsident des deutschen Bundestages, Prof. Heinz Riesenhuber, die Zusammensetzung des Parlaments.

»Die Zusammensetzung des Parlaments entspricht nicht der Struktur des deutschen Volkes und auch nicht so recht der Struktur der Aufgaben, vor denen wir als Gesellschaft stehen« erklärte er seinerzeit in einem Interview mit den Kollegen der Welt am Sonntag. Im Parlament säßen viele Anwälte, Beamte und Lehrer, aber kaum Naturwissenschaftler oder Ingenieure.

Der ehemalige Handelsblatt-Geschäftsführer Gabor Steingart erklärte in seinem Morning Briefing vom 2. Juni, dass schon »die Berufsausbildung der Beteiligten Misstrauen weckt«. Die »Beteiligten« sind unter anderem der französische Präsident Macron (»der nach zweimal vermasselter Aufnahmeprüfung für die Elitehochschule ‚École normale supérieure‘ ein Philosophie-Studium an der Universität Paris-Nanterre begann«), »Ursula von der Leyen, die das Studium der Archäologie und später der Volkswirtschaftslehre abbrach, Finanzminister Olaf Scholz, ein Hamburger Fachanwalt für Arbeitsrecht, Kanzleramtsminister und Mediziner Helge Braun (Thema seiner Doktorarbeit: ‚Herzrasen während einer Operation‘) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier, ein studierter Jurist, im Zivilberuf EU-Beamter«. Allen genannten Spitzenpolitikern attestierte Steingart, dass sie »die Realwirtschaft nur vom Hörensagen kennen«.

Die Diagnose vom Kolegen Steingart ist so richtig wie bitter. Gerade in Zeiten, in denen für Deutschland essentielle Themen wie 5G, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren u.v.w. auf der Agenda stehen, ist es schwer vorstellbar, dass sich die Politik unabhängig von tausenden Technik-Lobbyisten, die natürlich primär die Interessen eines konkreten Wirtschaftsunternehmens vertreten, eine unabhängige Meinung bilden können – mangels Kompetenz.

Zum Glück gibt es auch wenn auch wenige Ausnahmen: Einen der Ingenieure im Bundestag, der zudem auch noch vor seiner politischen Karriere viele Jahre in der Industrie gearbeitet hat, und nunmehr innerhalb der CDU/CSU-Fraktion unter anderem für das Thema »Künstliche Intelligenz« verantwortlich zeichnet, durfte ich in seinem Abgeordnetenbüro in Berlin besuchen und kritisch zu den Themen befragen, die Ihnen und uns als Technologen am Herzen liegen und im politischen Berlin viel zu wenig Gehör finden. Abgeordnete wie er verdienen eigentlich, auf die Artenschutzliste des WWF aufgenommen zu werden.  Das vollständige und bemerkenswerte Interview mit Dipl.-Ing. Andreas Steier, MdB, finden Sie hier. Es zeigt auch, warum die Motivation von Ingenieuren, in die Politik zu gehen, vergleichsweise gering ist.

Besserung im Sinn des Prof. Riesenhuber dürfen wir somit wohl nicht erwarten. Auch im nächsten Bundestag werden wir primär von Juristen, Geisteswissenschaftlern und auch zahlreichen Studienabbrechern regiert werden, die über Digitalisierung und High-Tech entscheiden werden. Das ist die eigentlich bittere Erkenntnis meiner Berlin-Reise.