Kommentar Analogtechnik ist (macht) sexy

Das Leben eines Ingenieurstudenten ist wirklich nicht einfach: Nach gefühlten 100 Semestern »Mathematik für Ingenieure«, »Grundlagen der Elektrotechnik« und anderen Fächern, deren Erlebniswert limitiert ist und die dafür sorgen, dass die ohnehin geringe Studentenzahl bis zum Vordiplom weiter reduziert wird, steht in der Folge auch noch eine wegweisende Entscheidung an: Welchen Schwerpunkt soll ich vertiefen?

Ich gebe es zu, auch ich bin seinerzeit der Digitaltechnik erlegen: Die Jagd nach neuen Rekorden bezüglich der Transistorzahl und Taktfrequenz sowie die Aussicht auf eine (damals) 130-nm-Fertigung klangen verlockender als Auf- und Abwärtswandler, Operationsverstärker oder A/D-Wandler. Da diese Einstellung auch heute noch in den Universitäten vorherrscht, mutierte der Analog-Experte immer mehr zu einer seltenen, aber um so begehrteren Spezies.

Da die Welt analog ist und bleibt, leiden insbesondere die Hersteller von entsprechenden Chips weder unter Geld- noch Absatzproblemen, was zu teilweise bizarren Formen der Mitarbeiterabwerbung geführt hat. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Nachdem als erstes Linear Technology Ismaning bei München für ein neues Design-Center auserkoren hatte und nur wenige Kilometer nach Freising fahren musste, um bei Texas Instruments bzw. besser gesagt deren Analog-Experten vorstellig zu werden, wird auch Intersil laut CEO Dave Bell »zufällig« quasi nebenan ein neues Design-Center eröffnen – so wird die beschauliche Kleinstadt Ismaning zur Analog-Hochburg in Deutschland.

IDT-CEO Dr. Ted Tewksbury versucht gar nicht erst, seine Rekrutierungspolitik – anders als seine Kollegen – unter dem Mantel der Diplomatie zu verstecken: Stolz erzählt er, dass er einige »Key-Player« von Maxim abgeworben habe, damit diese im Anschluss ihre ganzen Abteilungen nachziehen konnten. Bei Maxim selbst findet sich eine bunte Mischung von Ex-Mitarbeitern der Nachbarn im Silicon Valley wie z.B. National Semiconductor. Und am Ende des Spiels ist es gar nicht selten, dass ein Mitarbeiter nach einigen Jahren wieder von seinem alten Arbeitgeber abgeworben wird – natürlich zu wesentlich verbesserten finanziellen Konditionen.

Die Frage, wie sexy Analog-Technik ist, lässt sich sicher aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten – ein Prozessor-Entwickler oder ein FPGA-Designer vertritt in der Regel eine andere Meinung als z.B. ein Dave Dwelley (der erste Design-Center-Leiter von Linear Technology in Ismaning), der beim Malen von Schaltbildern auf eine Flipchart regelrecht ins Schwärmen kommt. Wenn man jedoch der Theorie folgt, das Geld sexy macht, kann dies die Analog-Industrie mit Sicherheit für sich in Anspruch nehmen: Die Einkommen sind auf Grund des chronischen Mitarbeiter-Mangels teilweise exorbitant hoch, zudem gibt es Treue-Prämien und andere Incentives, um den Headhuntern zumindest etwas entgegensetzen zu können. Tony Armstrong, Director of Product Marketing für Power-Produkte bei Linear, und sein silberner Porsche 911 in Vollausstattung sind nur ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, bei einem Analog-Chip-Hersteller Karriere zu machen.

Vielleicht überlegt es sich der eine oder andere Student nach dem Lesen dieser Zeilen ja doch noch mal, welche Fachrichtung er vertiefen möchte – schädlich für die weiteren Berufsaussichten ist die Analog-Technik mit Sicherheit nicht.