Analyse Warum Microsoft so scharf auf Express Logic ist

Die Cloud – Mittelpunkt für alle Arten von IoT-Geräten.
Die Cloud – Mittelpunkt für alle Arten von IoT-Geräten.

Bei Echtzeit-Betriebssystemen hat Microsoft nie wirklich ein Bein auf den Boden bekommen. Deshalb nun der Kauf von Express Logic – denn für das Wachstum der Azure Cloud ist das von großer Bedeutung.

Microsoft hat Express Logic, den Hersteller des Echtzeit-Betriebssystems ThreadX,
gekauft23 Jahre lang wurde Express Logic von seinem Gründer William E. Lamie, der auch gleichzeitig Entwickler von ThreadX war, geführt. Die Akquisition wurde mit sofortiger Wirkung vollzogen. Von einem Führungswechsel war dabei nicht Rede – Bill Lamie dürfte das Unternehmen also vorerst weiterführen. Auch die Kaufsumme gaben die Unternehmen nicht bekannt.

Für Bill Lamie – wenngleich auch noch nicht reif für die Rente – hat sich damit das Problem der Unternehmensnachfolge gelöst. Aus der Perspektive von Microsoft bildet ThreadX eine wichtige Ergänzung zur Anbindung von ressourcenschwachen Geräten an die Azure-Cloud. Microsoft hat verlauten lassen, dass es binnen vier Jahren fünf Milliarden Dollar in IoT- und Edge-Technologie investieren will und der Kauf von Express Logic sei einer der Bausteine davon.

Mit Echtzeit- und Embedded-Betriebssystemen war Microsoft nie sonderlich erfolgreich. Diese Betriebssysteme waren für Microsoft stets »Abfallprodukte« von Consumer-Betriebssystemen. Angefangen hatte 1996 alles mit Windows CE, einem Betriebssystem für die ersten seinerzeit aufkommenden mobilen Geräte. Da diese relativ ressourcenschwach waren, vermarktete Microsoft Windows CE bald auch als Betriebssystem für industrielle oder semi-industrielle Geräte, die ebenfalls über wenig Speicher und Rechenleistung verfügen. Später wurde Windows CE als »Windows Embedded Compact« weitergeführt, auch eine Version für Infotainment im Automobil gab es zeitweise. Richtig durchsetzen konnte sich dieses Betriebssystem im industriellen Bereich nie, weil es mit der Performance und Speicherökonomie dedizierter Echtzeit-Betriebssysteme nie mithalten konnte. Eine Fortsetzung fand die Geschichte dann mit »Windows 10 IoT Core«. Das war ebenfalls eine Totgeburt, denn nach den Ankündigungen gab es nie Erfolgsmeldungen über wichtige Projekte oder eine größere Zahl von Installationen.

Kritisch für die Cloud

Seit einigen Jahren dreht sich in Microsofts Geschäftsmodell alles um die Azure-Cloud – das zeigt auch die Entwicklung des Börsenkurses. Der Geschäftserfolg steigt mit dem Skalierungseffekt der Cloud. Je mehr Kunden oder »Clients«, umso größer der Erfolg. Die maximale Zahl möglicher Kunden ist naturgemäß auf der Zahl der auf der Welt lebenden Menschen begrenzt. Derzeit sind es ca. 7,7 Milliarden und bis zum Jahr 2050 erwarten die Vereinten Nationen ein Wachstum der Weltbevölkerung auf etwa 10 Milliarden. Wesentlich größer ist hingegen die Zahl von Geräten, die an das Internet der Dinge angeschlossen werden. Schätzungen für das Jahr 2020 reichen von 75 Milliarden (Statista) bis 200 Milliarden (Intel). Kein Wunder, dass Microsoft sich seit einiger Zeit für das IoT interessiert.

Der Kauf von Express Logic dient dazu, einer möglichst großen Zahl von Geräten den Zugang zur Azure Cloud zu erschließen. Dazu reicht es aber nicht, nur die technische Verbindung herzustellen – die Verbindung muss auch sicher gegen Hackerangriffe sein. Zu diesem Zweck hatte Microsoft vor ungefähr einem Jahr »Azure Sphere« angekündigt, eine sichere Software-Plattform für Mikrocontroller. Sie enthält drei Elemente: zertifizierte Mikrocontroller, ein sicheres Betriebssystem und den Cloud-Dienst.

Sicherheit ohne Barriere

Azure Sphere ist ein Softwarepaket für den Betrieb auf speziellen Mikrocontrollern, die exklusiv für Azure Sphere entwickelt wurden. Aufgrund der Sicherheitsanforderungen kann das Azure Sphere OS nicht mit jedem Mikrocontroller verwendet werden. Zwar haben Arm, NXP, Qualcomm, Nordic Semiconductor und Silicon Labs Azure-Sphere-Mikrocontroller angekündigt, aber bis zur Auslieferung wird es dauern. Hier kommt nun ThreadX von Express Logic ins Spiel: Es beseitigt die Barriere von speziellen Microcontroller-Architekturen für eine sichere Verbindung mit Azure, so dass so ziemlich jeder Microcontroller genutzt werden kann – und zwar sofort. Aufgrund reduzierter Sicherheitsrichtlinien und -voraussetzungen können alle von ThreadX betriebenen Geräte problemlos mit dem Azure IoT von Microsoft verbunden werden.

Interessanterweise hat Amazon die Blaupause für diese Akquisition geliefert, indem es im Frühjahr 2018 FreeRTOS für seine Amazon Web Services (AWS) gekauft hat. Ebenso wie Amazon das FreeRTOS mit APIs für AWS anreichert, wird Microsoft eine verstärkte Verknüpfung von ThreadX mit seiner Azure Cloud anstreben.