Cloud Computing Vieles bleibt im Nebel

Cloud Computing – zweifellos eines der großen Schlagwörter in diesem Jahr. Aber was versteht man eigentlich darunter? Ist es nicht das gleiche wie Web-Services, „Application Service Providing“ und „On-demand-Computing“, nur unter neuem Namen? Ein Blick auf den Markt zeigt: Cloud Computing lässt viele Interpretationsspielräume zu. Fest steht aber:Gezahlt wird nach erbrachter Leistung.

Die Abschaffung der aufwendig zu verwaltenden Firmen-PCs ist der Traum vieler IT-Administratoren. Anstatt jeden Arbeitsplatz mühsam einzeln einrichten und konfigurieren zu müssen, braucht der Anwender nicht viel mehr als einen Web-Browser auf einem wie auch immer gearteten Zugangsgerät (PC, Mac, Netbook). Anwendungen, Daten und Zugangsrechte werden zentral verwaltet. Abgerechnet wird nach Arbeitsplätzen, Rechenleistung, Transaktionen oder verbrauchtem Speichervolumen.

Das ist – grob skizziert – Cloud Computing. Wem das bekannt vorkommt, der liegt genau richtig: Erste Ansätze, die Rechenleistung von den PCs zu verlagern, gab es schon in den neunziger Jahren, als die sog. „Thin Clients“ aufkamen. Später, mit dem rasanten Wachstum des Internet, gab es auch recht bald Gedankenspiele über Anwendungs- und Rechendienstleistungen. Die Schlagwörter lauteten: vom Intranet zum Extranet, Application Service Providing, Web-Services, Software-as-a-Service, On-demand- Computing und jetzt: Cloud Computing. Viele Konzepte des Cloud Computing gab es schon früher – nur eben unter anderem Namen.

Definitionsprobleme

Oft verstehen aber selbst Fachleute unter „Cloud Computing“ ganz unterschiedliche Dinge. IBM definiert Cloud Computing z.B. als ein Komplettpaket aus Rechenleistung und Anwendung: Der E-Mail-, Groupwareoder Kundendaten-Server steht bei IBM und wird von IBM verwaltet – der Kunde braucht lediglich einen Netzanschluss. Auch Amazon bietet mit seinem Dienst „Elastic Compute Cloud“ (EC2) Miet-Server an, aber nur als „reine“ Rechenleistung: Der Kunde kann die Server übers Web ordern und abbestellen, das installierte Betriebssystem wählen und einen Reboot auslösen.

Um die Installation und Pflege von Anwendungen muss sich der Kunde jedoch selbst kümmern. Einer der Gründe, warum sich keines dieser Konzepte bisher richtig durchsetzen konnte, ist die hohe Anforderung an die Bandbreite der Netze, die mit dem Cloud Computing einhergeht. Dieses Problem wird mit der Verfügbarkeit von VDSL-Angeboten zumindest in den Ballungsgebieten mehr und mehr gelöst. Was das Cloud Computing in diesen Tagen attraktiv macht, ist das Abrechnungsmodell: Gezahlt wird nach Verbrauch.

Aus Investitionskosten werden Betriebskosten

So entfallen hohe Investitionskosten für das Unternehmen. Zwar braucht weiterhin jeder Mitarbeiter einen PC oder Notebook, doch was den PC teuer macht, sind die Software und die Administration: Für jeden Mitarbeiter müssen Lizenzen der benötigten Anwendung besorgt werden, und die ITAbteilung muss sich um die Sicherheit kümmern, Angriffe und Viren abwehren etc. Die Vorsicht geht mitunter so weit, dass Mitarbeiter keine mitgebrachten USB-Sticks anschließen dürfen oder die USB-Ports abgeschaltet sind, aus Angst vor eingeschleppten Würmern und Viren oder wegen der Gefahr von Datenklau.

Unternehmen, die auf Cloud Computing setzen, gehen den entgegengesetzten Weg. Anstatt Unternehmens-PCs anzuschaffen, erhalten die Mitarbeiter einen festen Betrag, um sich einen eigenen PC anzuschaffen, mit dem sie dann auf das Unternehmensnetz zugreifen können. Anwendungen, die standardisiert sind, wie z.B. E-Mail, Terminkalender, Text- und Tabellenverarbeitung, werden nicht mehr im Unternehmen selbst betrieben, sondern an einen Dienstleister „in die Cloud“ ausgelagert. Bei IBM erhält man z.B. „Lotus Live“ für 3 Dollar pro Mailbox und Monat, inkl. eines bestimmten Datenvolumens. Detlef Straeten, Ingenieur bei IBM Technology Services, sagt zum Bezahlmodell: „Wir haben meistens eine Kombination aus Pauschale und nutzungsabhängigem Entgelt. In jedem Fall denken wir uns für die Abrechnung einen Modus aus, der sich nach dem Kundennutzen richtet. Je mehr der Kunde nutzt, desto mehr zahlt er.“ Für den IT-Kunden werden die Kosten kalkulierbar und passen sich an das Geschäftsaufkommen an.

Noch viele Probleme ungelöst

Neben den neuen Bezahlmodellen punktet Cloud Computing mit weiteren Merkmalen: Die Infrastruktur kann nach Bedarf skaliert, also bestellt und abbestellt werden. Außerdem kann von überall aus – vom Arbeitsplatz, von zuhause und unterwegs – auf die Anwendungen zugegriffen werden. Da ein größerer Anbieter durch Virtualisierung Kosten sparen kann, ergibt sich außerdem eine bessere „Economy of scale“. Während IBM große Unternehmen mit IT-Dienstleistungen versorgt, sieht z.B. Materna in den vielen Kleinbetrieben eine riesiges Potential: „In Deutschland gibt es unzählige Arzt- und Rechtsanwaltspraxen, in denen sich niemand mit der Installation und Verwaltung der PCs beschäftigen will. Meistens wird da ein Freund oder Verwandter engagiert, der das nebenbei macht. Eine billige, aber unprofessionelle Lösung“, sagt Uwe Scariot von Materna. Durch Krise und Kostendruck hoffen die Cloud-Dienstleister, demnächst viele Kunden für ihre Cloud-Computing- Modelle zu gewinnen. Doch es sind auch viele Fragen ungeklärt.

Momentan begibt sich ein Unternehmen in große Abhängigkeit vom Dienstleister, wenn es seine IT in dieser Weise auslagert. Sind die Unternehmensdaten erst einmal „in der Cloud“, stellt sich die Frage: Wie kann ich bei einem Anbieterwechsel meine Daten migrieren? Das mag bei standardisierten Anwendungen wie E-Mail durch Datenexund -import noch einigermaßen zu bewerkstelligen sein, doch bei branchenspezifischen Anwendungen ist es angesichts fehlender Standardisierung nur mit viel Handarbeit möglich. Erste Ansätze zur Standardisierung wie das „Open Cloud Computing Interface“ (www.occi-wg.org) existieren zwar bereits, stehen aber noch ganz am Anfang.