Kommentar »Shareconomy« – Was ist das eigentlich?

Joachim Kroll

Mit dem Schlagwort »Shareconomy« hat die Deutsche Messe AG einen Trendbegriff erfunden, der auf der CeBIT 2013 hochgekocht werden soll. Doch wenn man genauer hinsieht, wird wohl alles nicht so heiß gegessen werden, wie es gekocht wird.

»Shareconomy« ist also das Motto der CeBIT 2013. In einem mehrstufigen Auswahlprozess hat die Deutsche Messe AG Vorstände und Geschäftsführer bedeutender Hightech-Unternehmen angehört, Top-Manager der Anwenderbranchen befragt, Studien von Marktforschungsinstituten ausgewertet sowie Postings auf der Facebook-Seite der CeBIT analysiert. Frank Pörschmann, CeBIT-Vorstand der Deutschen Messe AG, sagt: »Der Trend war eindeutig. Für die Wirtschaft und auch für die Gesellschaft ist 'Shareconomy' derzeit DAS heiß diskutierte Thema.«

Das ist eine gewagte Behauptung, denn bis zum Tag der Verkündung des CeBIT-Mottos tauchte dieser Begriff nirgendwo auf. Eher kann man sagen, dass es den CeBIT-Machern gelungen ist, für eine technische und gesellschaftliche Entwicklung ein griffiges Schlagwort gefunden zu haben. Doch was soll das eigentlich sein, Shareconomy?

Angewandtes Cloud-Computing

Durch Cloud-Computing, das die technische Grundlage der Shareconomy darstellt, ergeben sich neue Formen der Zusammenarbeit: Blogs, Wikis, Collaboration, Votings und weitere Software-Lösungen ziehen langsam in die Unternehmen ein und sollen nach dem Willen der CeBIT-Aussteller »unsere Arbeitswelt in den kommenden Jahren sehr dynamisch verändern«. Außerdem konstatieren die Erfinder der Shareconomy: »Cloud-Anwendungen setzen sich immer stärker durch, Nutzer haben Vertrauen gefasst« – und dadurch würden sich die neuen Formen der Zusammenarbeit zwangsläufig ergeben. Diese These ist sehr optimistisch und mag für Privatnutzer und bestimmte Branchen zutreffen. Gerade das Vertrauen und die Datensicherheit sind jedoch Punkte, bei denen Unternehmen aus klassischen Industrien sehr genau hinsehen und die keineswegs als gelöst betrachtet werden können.

Zweifellos ist die zunehmende Vernetzung der Wirtschaft, die immer stärkere Spezialisierung bei der Arbeitsteilung zwischen den Unternehmen und die fortschreitende Globalisierung ein Trend, der mit der Verbreitung des Internets begonnen hat und sich auch weiterhin fortsetzen wird. Messe-Vorstand Pörschmann sagt: »Es geht um die Facebookisierung der globalen Wirtschaft. Wer erfolgreich sein will, muss vernetzt agieren.« Dem zweiten Satz kann man zwar uneingeschränkt zustimmen, aber die »Facebookisierung« der Wirtschaft ist nicht wünschenswert. Denn Facebook steht nicht nur für das Teilen von Inhalten, Kontakten und Erfahrungen, sondern auch für nachlässigen Datenschutz, Pseudo-Freundschaften und eine Vogel-friß-oder-stirb-Politik bei Anwendungen und Nutzungsbedingungen. Facebook ist eher Sharekommunismus als Shareconomy.

Wenn Shareconomy außerdem das »Teilen und gemeinsame Nutzen von Wissen, Ressourcen und Erfahrungen« beinhalten soll, dann ist damit sicher nicht gemeint, dass jeder Entwickler seine neuesten Gedanken sogleich in einem Blog veröffentlicht, und auch so manches andere Wissen werden viele Firmen lieber für sich behalten. Dort, wo es an die Kernkompetenzen eines Unternehmens geht, wird nämlich nichts geteilt. Also wird das mit der Shareconomy wohl nicht so heiß gegessen, wie es jetzt gekocht wird.

Nutzer auf neue Geschäftsmodelle einschwören

Neben der Zusammenarbeit und Vernetzung hat Shareconomy noch einen zweiten Aspekt: Nutzen statt Besitzen – auch das ist eine direkte Folge des Cloud-Computings. Insbesondere in der digitalen Wirtschaft ist das ein Trend, der schon lange zu beobachten ist: Medieninhalte kann man abonnieren (aber nicht speichern), Internet-Server mietet man statt sie in den eigenen Keller zu stellen, Software wird nach Nutzung statt nach Lizenzstückzahl abgerechnet. Je besser die Angebote die Bedürfnisse eines Marktes treffen, desto schneller verbreitet sich dieses Geschäftsmodell. Für viele Firmen kann dies interessantere Finanzierungsmodelle und flexiblere Kosten-Nutzen-Modelle bedeuten.

Man sollte sich aber nicht der Illusion hingeben, dass die schöne neue Sharing-Welt nur dazu da ist, für die Kunden alles günstiger zu machen. Denn auch für die Anbieter hat das Modell "Zahlen nach Nutzungszeit" bedeutende Vorteile: Viele Software-Programme haben einen Entwicklungsstand erreicht, der kaum noch Raum für Funktionserweiterungen lässt. Kleinere Verbesserungen und Patches bieten keinen Anreiz, noch eine neue Lizenz oder ein Upgrade zu erwerben. Da sichert eine Lizenz, die jährlich oder in anderen Zeiträumen erneuert werden muss, dem Anbieter regelmäßige Umsätze.

Nutzen statt Besitzen wirft aber auch neue Fragen auf: Was passiert, wenn der Besitzer – also der Anbieter einer gemieteten Software – in den Konkurs geht? Wenn dann die Server abgestellt werden, auf denen die Software läuft, wäre es vielleicht doch besser gewesen, die Software im eigenen Haus zu haben. Mit Shareconomy wird es sein, wie mit vielen anderen Modebegriffen aus der IT: Am Anfang sind sie eher Wunschdenken als Realität. Erst im Laufe der Jahre wird sich zeigen, ob Shareconomy den Sprung in die Wirklichkeit schafft.