Kontron/S&T Geld verdienen mit IoT und Industrie 4.0

Carlos Queiroz leitet als Geschäftsführer den Kontron-Hauptstandort in Augsburg.

Der Industrie-Computerhersteller Kontron verdient dank IoT und Industrie 4.0 wieder gutes Geld. Gemeinsam mit der Konzernmutter S&T kommt der Software eine immer stärkere Bedeutung zu.

Am 18. Oktober 2018 veranstaltete Kontron einen »Innovation Day«, um seine Leistungen und die Strategie für die nächsten Jahre zu präsentieren. Etwa 80 Kunden nutzten den Tag, um Kontron-Ansprechpartner zu treffen und sich zu informieren. CEO Hannes Niederhauser nahm die Gelegenheit wahr, um einige Geschäftszahlen zu präsentieren. Für 2018 erwartet er für die S&T-Gruppe einen Umsatz von einer Milliarde Euro. Den größten Anteil daran haben, mit 450 Mio. Euro, »IoT Solutions«. An zweiter Stelle stehen, mit etwa einem Drittel des Umsatzes, IT-Services. Dabei handelt es sich vorwiegend um Dienstleistungen auf Basis von SAP. 200 Millionen Euro steuert das Geschäft  von S&T in Amerika bei. Ansonsten ist das Unternehmen aber durch und durch europäisch: 750 Millionen Euro werden in Europa erwirtschaftet. Für Kontron nannte Niederhauser keine eigenen Zahlen.

Insgesamt beschäftigt S&T 2600 Ingenieure, viele davon in Osteuropa und damit zu für S&T günstigen Konditionen. Zwei Drittel der Ingenieure beschäftigen sich mit Software. »Ka Göhd, ka Musi« (kein Geld, keine Musik) ruft Hannes Niederhauser in bestem Österreichisch seinen Kunden zu und unterstreicht damit, wie wichtig es ist, ordentlich in Forschung und Entwicklung zu investieren, um damit das zukünftige Geschäft zu sichern. Mit 115 Millionen Euro hat S&T im vergangenen Jahr 13 Prozent der Einnahmen in die Entwicklung gesteckt.

Auf der Welle von IoT und Industrie 4.0

Die positive Entwicklung seit der Übernahme durch S&T verdankt Kontron offenbar auch der Investitionsbereitschaft der Kunden durch die Trends IoT und Industrie 4.0. Ein wichtiger Treiber ist dabei die »Smart Factory«, in der alles einen Internetanschluss braucht. Viele Kunden tasten dabei ihre Jahre alten Maschinen nicht an, installieren aber zusätzliche Sensoren und das zugehörige Connectivity-Equipment, um die Fertigungsprozesse zu digitalisieren. Den Zulieferern wie Kontron kommt dabei zugute, dass keine Maschine der anderen gleicht und jeder Kunde eine individuelle Lösung braucht. So hat die S&T-Gruppe einen Auftragsbestand von zwei Milliarden Euro in der Pipeline und erwartet eine Verdoppelung des Jahresumsatzes (von einer auf zwei Milliarden) bis 2023.

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Kontron Innovation Day 2018

Auf seinem Innovation Day am 18.10.2018 öffnete Kontron die Türen seine Fertigung und zeigte aktuelle Projekte.

Bei diesen Lösungen kann Kontron auch auf seine ODM-Services zurückgreifen und die Entwicklung kompletter Geräte im Auftrag des Kunden anbieten. Bei der Herstellung von Computermodulen und Leiterplatten spielt der Auftragsfertiger Foxconn dabei eine wichtige Rolle, denn Foxconn hält 25 Prozent der Anteile an S&T und machte seinerzeit die Übernahme von Kontron überhaupt erst möglich. Auf der anderen Seite erhält Kontron/S&T durch diese Beziehung günstige Konditionen bei der Fertigung in den Foxconn-Werken.

Digitalisieren – aber wie?

Der Maschinenbau macht derzeit eine Entwicklung durch wie einst die Automobilindustrie: Immer mehr Wertschöpfung erfolgt durch Elektronik. Frank Thomas, Senior-Berater der ARC Advisory Group nannte als Beispiel die Verpackungsmaschinen – die ein weltweites Marktvolumen von derzeit 42 Milliarden Dollar repräsentieren. Etwa 9 Prozent des Maschinenwerts entfallen heute auf elektrische Komponenten. Durch IoT und Industrie 4.0 wird dieser Anteil auf 15 bis 25 Prozent wachsen – je nachdem, ob man die Software mit dazu zählt oder nicht. Frank Thomas rechnet damit, dass das Geschäft mit traditionellen SPSen sinken wird, dafür der Anteil an Edge-Computern, Industrie-PCs, E/A-Modulen sowie Sensoren, Kabeln und Steckern deutlich steigen wird.

Die Maschinenbauer stehen nun aber vor zwei Problemen. Erstens: Viele wissen überhaupt nicht, in welcher Weise Industrial-IoT ihre Maschinen effizienter machen und den Kunden helfen kann. Zweitens: Wenn Problem Eins gelöst ist und eine Strategie entwickelt wurde, dann bietet jeder Zulieferer des Maschinenherstellers seine eigene Cloud-Anbindung an. So gibt es dann eine Sensor-, Pneumatik-, Servo-, Etiketten-, Drucker-, Speicher-, Maintenance- etc. -Cloud. Hier hat Kontron sein Betätigungsfeld entdeckt und das Produkt SUSiEtec (S&Ts User focused Solutions for IoT Embedded) entwickelt. Wobei einer der Kontron-Vertriebler sagt: »Eigentlich ist SUSiEtec eine Beratungsdienstleistung«.
Vor zwei Jahren wussten viele Maschinenhersteller noch gar nichts mit »IoT« anzufangen, ja viele glaubten sogar, das beträfe sie überhaupt nicht. Inzwischen hat sich IoT zum Mainstream entwickelt und die Hersteller wissen zwar, dass sie etwas tun müssen, viele wissen aber nicht was. Hier setzt Kontron an und führt mit seinen Kunden eine Art Assessment durch, wie der Kunde durch fortschreitende Digitalisierung von Maschinen und Fertigungsvorgängen seine Prozesse effizienter gestalten kann, neue Geschäftsmodelle erschließen kann oder zusätzlichen Nutzen erschaffen kann. Aus diesen Beratungen entsteht dann ein Pflichtenheft, dass schließlich in einen Auftrag und eine Implementierung mündet.

Komplexe Cloud-Anbindung

Zu dieser Implentierung gehört im IoT-Zeitalter auch die Anbindung der Maschine an eine Cloud – die sich bei vielen Betreibern allerdings auf dem Firmengelände befindet. Wenig verwunderlich: hierfür liefert Kontron die Hardware. Allerdings ist die industrielle Vernetzung und Anbindung an private oder öffentliche Clouds eine komplexe Sache, so dass der Software bei der Implementierung eine immer größere Bedeutung zukommt. Kontron setzt dabei auf den Partner Microsoft und die Anbindung an die Azure-Cloud. Mit Azure IoT Edge lassen sich die Cloud-Funktionen auch auf die lokale Ebene verlagern, so dass der Kunde die Datenhoheit behalten kann. Kontron assistiert bei der grundlegenden Verbindung von Sensoren und Steuerungen mit der Cloud, ohne allerdings den Kunden alle Aufgaben abzunehmen. Das Ziel ist: für die Kunden die Komplexität der IoT-Welt zu vereinfachen und die nicht-differenzierenden Funktionen zu implementieren wie z.B. Anbindung der Geräte und Absicherung der Verbindung gegen Hacker.

Dabei muss Kontron allerdings aufpassen, weder den Kunden in die Parade zu fahren noch sich von Microsoft die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Einer der Kontron-Mitarbeiter sagt es so: »Microsoft sitzt ja mit im Boot und wenn die merken, dass man da etwas besser machen kann, werden sie es selbst implementieren«. Diese Aussage zeigt recht gut das Spannungsfeld, in dem die Geschäftsbeziehungen im IoT-Zeitalter stehen. Dennoch ist eine Cloud-Anbindung heute noch so komplex, dass vorerst genug für Kontron zu tun bleibt.