Interview mit Mike Milinkovich »Die moderne Welt basiert auf offenem Quellcode«

Open-Source-Software wird immer beliebter. Das zeigt sich zum Beispiel an der Anzahl der GitHub-Nutzer. Warum offener Quellcode für Entwickler wichtiger ist denn je, beantwortet Mike Milinkovich, Geschäftsführer der Eclipse Foundation.

Mike Milinkovich ist seit über 30 Jahren in der Softwarebranche tätig und verfügt über eine umfassende Erfahrung in dem Bereich – von der Software-Entwicklung über das Produktmanagement bis hin zur Lizenzierung von geistigem Eigentum. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Eclipse Foundation. In dieser Funktion ist er sowohl für die Förderung der Eclipse Open-Source-Community als auch für das Ökosystem verantwortlich. Bevor er zu Eclipse kam, war Milinkovich Vice President der Entwicklungsgruppe von Oracle. Weitere Stationen auf seinem beruflichen Weg waren WebGain, The Object People, IBM, Object Technology International (OTI) und Nortel.

Herr Milinkovich, die Ecplipse Foundation verlegt ihren Sitz von Ottawa nach Brüssel. Wie kam es zu der Entscheidung?

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Wachstumsmöglichkeiten, die unserer Community einen Mehrwert bieten. Im Laufe des letzten Jahres wurden uns zwei Aspekte bewusst. Erstens ist die Eclipse Foundation gemessen an der Zahl der Mitarbeiter, Projekte, Entwickler und Mitglieder – schon jetzt Europas größte Open-Source-Organisation. In Europa konnten wir bereits ein deutliches Wachstum verzeichnen. Zweitens gab es bislang keine Open-Source-Organisation von internationaler Reichweite und Reputation, die auf Europa fokussiert ist und die dem Markt eine entsprechende Aufmerksamkeit bietet. Beide Erkenntnisse haben uns die Entscheidung leicht gemacht.

Welches Ziel verfolgt die Eclipse Foundation?

Unsere Mission ist es, Open-Source-Projekte voranzubringen und sowohl Entwickler-Communities als auch Geschäftsökosysteme weltweit zu fördern. Hierzu stellen wir für die einzelnen Entwickler und Organisationen der Eclipse-Community vier Arten von Dienstleistungen bereit:

  • anbieterneutrale Governance und Prozesse
  • Verwaltung und Lizenzierung von geistigem Eigentum
  • Entwicklung von Ökosystemen und Marketing
  • IT-Infrastruktur

Eclipse ging einst aus IBM hervor. Bestehen noch Abhängigkeiten zum Unternehmen?

Die Eclipse Foundation ist seit 16 Jahren eine unabhängige, anbieterneutrale und gemeinnützige Organisation. Es bestehen keinerlei Abhängigkeiten zu anderen Unternehmen. IBM hat sich von Beginn an aktiv beim Projekt »Eclipse-Desktop-IDE« (Integrated Development Environment) beteiligt und ist zudem Gründungsmitglied der Eclipse Foundation. Inzwischen betreiben wir über 375 Open-Source-Projekte, von denen mehr als 300 andere Schwerpunkte und keinen Bezug zum IDE-Projekt haben. IBM ist jedoch weiterhin strategisches Mitglied unserer Organisation.

                                                                                                                          
»Open Source ist weltweit ein Treiber für Innovationen.«
                                                                                                                          

Warum sollte ein Unternehmen Mitglied bei der Eclipse-Foundation werden?

Eine Mitgliedschaft bietet Unternehmen einige Vorteile, je nach Art der Mitgliedschaft beziehungsweise inwieweit ein Mitglied sich engagieren möchte. Zunächst einmal ermöglichen wir unseren Mitgliedsunternehmen und Entwicklern die Teilnahme an einem globalen, von der Community gesteuerten, offenen Ökosystem. Häufig treten Organisationen und Einzelpersonen aus dem Wunsch der Eclipse Foundation bei, eine aktive Rolle beim Entwickeln nachhaltiger, kommerziell orientierter Open-Source-Software zu übernehmen. Unternehmen sichern zum Beispiel ihre Investitionen, indem sie sich am Weiterentwickeln der Software beteiligen, auf denen ihre Produkte oder ihre Geschäftsinfrastruktur aufbauen. Die Kosten dafür werden geteilt, zugleich die Akzeptanz in der Industrie gefördert.

Für Personen und Organisationen, die sich an gemeinsamen Entwicklungen beteiligen, liefert unser anbieterneutrales Governance-Framework qualitativ hochwertigen, skalierbaren und nachhaltigen Code. Ihn können Unternehmen für den Aufbau ihrer Infrastruktur der nächsten Generation nutzen. Unsere Projekte ermöglichen eine schnellere Markteinführung der Produkte, schnelleres Umsatzwachstum sowie eine höhere Marktakzeptanz.

Wir bieten unseren Mitgliedern weiterhin eine Reihe von Best-Practice-Fallbeispielen, die Entwickler beim Start und Weiterentwickeln von Open-Source-Projekten unterstützen. Für viele unserer Mitglieder war ihr Engagement in Open-Source-Projekten der Foundation zudem entscheidend, um Entwicklertalente anzuwerben und zu halten – ein wesentlicher Erfolgsfaktor für jede Digitalisierungsstrategie. Schließlich profitieren Mitglieder ebenfalls von unseren Prozessen zur Verwaltung rechtlicher Angelegenheiten und von geistigem Eigentum. Außerdem ermöglichen wir Kooperationen, die dem Kartellrecht entsprechen. Zugleich helfen wir unseren Mitgliedern, Open-Source-Software in ihre kommerziellen Produkte erfolgreich einzubinden.

Das Thema Open-Source-Software haben Sie bereits angesprochen. Warum setzen immer mehr Entwickler auf Open Source?

Unternehmen aus allen Bereichen der Industrie wollen beim Entwickeln von Open-Source-Software vorne dabei sein – sie steht für viele im Mittelpunkt des Aufbaus ihrer digitalen Kompetenzen. Open Source ist heute weltweit ein Treiber für Innovationen und bietet Entwicklern und Organisationen verschiedene Vorteile. Open Source macht heute in einer typischen Anwendung 80 bis 90 Prozent des gesamten Codes aus. Einer der Hauptgründe, warum sich Open Source auf dem Vormarsch befindet, ist die Tatsache, dass es Unternehmen uneingeschränkten Zugang zu neuen Produkten ermöglicht, die von der Gemeinschaft kontinuierlich verbessert werden. Das verleiht den Unternehmen ein hohes Maß an Agilität, was ihnen wiederum hilft, effektiver am Markt zu agieren und Kundenbedürfnisse schneller zu erfüllen.

Moderne Software-Systeme sind groß und komplex. Verwendet man jedoch offenen Quellcode – bei dem es sich im Wesentlichen um  grundlegende Dienstleistungen handelt – für ein Software-System, senkt das Kosten, reduziert technische Risiken und verkürzt die Zeit bis zur Markteinführung. Wenn Unternehmen ihre knappen Entwicklerressourcen auf den Aufbau von USPs – welche für die Kunden wirklich relevant sind – richten, so bedeutet das heute einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Schließlich profitiert ein Unternehmen insofern von Open Source, da es nicht mehr von einem einzelnen Anbieter oder einer speziellen Technologie abhängig ist.

In Open-Source-Projekten ist der Code kostenlos verfügbar. Welche Gefahren ergeben sich daraus?

Keine. Es ist eine Tatsache, dass die moderne Welt auf offenem Quellcode basiert – dieser Trend verstärkt sich weiterhin. In der Vergangenheit wurde argumentiert, dass Unternehmen, die auf Open Source basieren, nicht erfolgreich sein könnten, der Open-Source-Code ein Sicherheitsrisiko darstellen würde oder Open-Source-Kollaboration per se wettbewerbsschädlich seien. Jede einzelne der wahrgenommenen Gefahren hat sich als nicht zutreffend erwiesen.

Frei lizenzierter und transparenter Quellcode wird von Millionen Entwicklern und führenden Organisationen weltweit getragen und bietet Schutz und Sicherheit. Open Source hat sich als der beste Weg erwiesen, mit hohem Tempo Software-Entwicklungen bereitzustellen, die erforderlich sind, um das Wachstum der digitalen Wirtschaft im globalen Kontext aufrechtzuerhalten.

Sie unterstützen Unternehmen bei Open-Source-Projekten. Können Sie ein Beispiel nennen?

Als ein gutes Beispiel kann ich die Jakarta EE Working Group nennen. Die Gruppe verantwortet die Arbeit rund um den Open-Source-Nachfolger von Java EE. Führende Akteure aus dem Java-Ökosystem – darunter Fujitsu, IBM, Oracle, Payara, Red Hat, Tomitribe und engagierte unabhängige Entwickler aus der ganzen Welt – sind beteiligt. Im Jahr 2019 stellte die Arbeitsgruppe die komplette Jakarta-EE-8-Plattform, vom Web Profile, über das Technology Compatibility Kit (TCK) bis hin zu einem vollständig transparenten Markenbildungsprozess bereit.

In den rund neun Monaten seit der Einführung von Jakarta EE 8 wurden mehr Anbieterplattformen in Form kompatibler Produkte zertifiziert als in den über zwei Jahren von Java EE 8. Die Arbeitsgruppe fördert ebenso die Zusammenarbeit an Jakarta EE 9, das Release soll später in diesem Jahr erfolgen.
                                                                                                                          
»Unsere Mission ist es, Open-Source-Projekte voranzubringen.«
                                                                                                                          

Microsoft engagiert sich mittlerweile ebenfalls im Bereich Open Source. Sehen Sie das Unternehmen als Wettbewerber?

Nein, wir sehen Microsoft vielmehr als Mitglied. Das Unternehmen ist in Eclipse-Projekten engagiert und wir freuen uns über die Beteiligung an weiteren Arbeitsgruppen und Initiativen, an denen ein gemeinsames Interesse besteht.

GitHub ist jetzt Teil von Microsoft. Hat das Auswirkungen auf Ihre Projekte?

Ganz und gar nicht. Die Eclipse Foundation verwaltet eine GitHub-Organisation mit hunderten Eclipse-Projekt-Repositories. Als Teil unserer Verlegung von Nordamerika nach Europa errichten wir zudem eine neue GitLab-basierte »Werkstatt«, die ebenfalls in Europa angesiedelt sein wird. Alle Projekt-Mitarbeiter, die die Werkstatt nutzen möchten, haben hierzu die Möglichkeit. Voraussichtlich in diesem Sommer wird die GitLab-Werkstatt an den Start gehen.

Lassen Sie uns einen kurzen Blick in die Zukunft werfen. Welchen Herausforderungen stehen Software-Entwickler künftig gegenüber?

Auf der technischen Seite wird die größte Herausforderung darin bestehen, mit der zunehmenden Komplexität umzugehen, da sich die Industrie stetig weiterentwickelt. Im weiteren Sinne müssen Software-Entwickler die Auswirkungen der Technologien verstehen, die sie entwickeln. Wir stellen immer häufiger fest, dass Software in zunehmendem Maße viele Aspekte unseres Lebens steuert – die schiere Komplexität der Systeme ist erstaunlich.

Infolgedessen wird das Konzept zur Anwendung von Ethik immer wichtiger. Wir haben bereits erlebt, dass Software für schändliche Anwendungen eingesetzt wird. Jeder, der neue Produkte entwickelt und etablierte Industrien digitalisiert, sollte sich mit Fragen zum Datenschutz, zum Auftreten von Bias, der Überwachung und der Sicherheit auseinandersetzen. Es stehen immer mehr persönliche Daten zur Verfügung, die mittels maschinellen Lernens ausgewertet werden. Es wird von grundlegender Bedeutung sein, sicherzustellen, dass unsere Organisationen und die breite Öffentlichkeit im richtigen Sinne handeln.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Milinkovich.