Individuelle Produktwelten Die Elektroindustrie im Wandel

Die Elektrobranche verändert sich: Intelligente und vernetzte Produkte mit hoher Individualisierung sind mehr denn je gefragt. Obwohl die Unternehmen diesem Wandel zuversichtlich entgegensehen, gibt es oft noch Nachholbedarf bei der Führungskultur und beim Umgang mit der digitalen Komplexität.

Die Sorge vor Umbrüchen nimmt in der Wirtschaft insgesamt zu, und auch die Unternehmen der Elektroindustrie fürchten Disruption und Verdrängung durch innovative Entwicklungen. Jede zweite Führungskraft in Deutschland sieht das eigene Unternehmen stark bedroht. Die Konsequenz: Der Anpassungsdruck steigt.

Dies verdeutlicht die Studie »Erfolg im Wandel« der Unternehmensberatung Staufen, für die im vergangenen Jahr mehr als 400 Top-Führungskräfte deutscher Unternehmen befragt wurden. Dabei zeigt sich: Im Vergleich mit der Vorgänger-Studie von vor zwei Jahren sind die Unternehmen nicht wirklich vorangekommen. So sank der im Rahmen der Studie ermittelte Change Readiness Index (CRI) der Elektroindustrie sogar von 59 auf 55 Punkte.

Der Change Readiness Index von Staufen bildet die Wandlungsfähigkeit von Unternehmen mit einer Skala von maximal 100 Punkten ab. Er erfasst in den Handlungsfeldern Strukturen, Prozesse, Führungs- und Unternehmenskultur sowie Mitarbeiter und Qualifikationen, wie es um das Veränderungsvermögen deutscher Industriefirmen – vom Mittelständler bis zum Großkonzern – bestellt ist. Dabei werden neben der Elektrobranche vor allem auch die Automobilindustrie sowie der Maschinen- und Anlagenbau in den Blick genommen.

Elektroindustrie ist für Wandel offen

Ein wichtiges Ergebnis der Studie: Die fortschreitende Digitalisierung und Individualisierung von Produkten und Dienstleistungen sorgt für Nervosität. 81 Prozent der Unternehmen der Elektroindustrie erkennen den technologischen Fortschritt als wichtigsten Treiber für den Wandel. Jedes zweite Unternehmen (48 Prozent) nennt die fortschreitende Individualisierung von Produkten und Services als Beschleunigungsfaktor und etwas mehr als ein Drittel (38 Prozent) die Veränderung der Arbeitswelt, etwa durch neue Arbeitszeitmodelle.

Zusätzlich wurden die Befragten gebeten, Begriffe auszuwählen, die sie am ehesten mit dem Thema Wandel in Verbindung bringen. Für eine sehr deutliche Mehrheit der Elektrounternehmen bedeutet Wandel demnach eine Chance, steht für Innovation und Zukunft. Negative Wortbedeutungen wie Risiko, Misstrauen und Zweifel waren dagegen deutlich seltener. Im Branchenvergleich ist zu erkennen, dass die Elektroindustrie dem digitalen Wandel offener und positiver gegenübersteht.

Wahrnehmungslücke bei der Führungskultur

Dabei erkennen die Elektrounternehmen durchaus Verbesserungsbedarf. Bei einer Selbstbewertung der Wandlungsfähigkeit sind sie etwas skeptischer als die Firmen der anderen Branchen, vor allem bei der Einschätzung der Führungs- und Unternehmenskultur. Die überdurchschnittliche Skepsis kann die eigene Wahrnehmungslücke dennoch nicht komplett schließen: Die Unternehmen der Elektroindustrie schätzen sich noch immer um etwa zehn Punkte besser ein, als es der tatsächlich ermittelte CRI in Summe ergibt.

Immerhin zeigt sich im Branchenvergleich, dass die Elektrobranche bei der Umsetzung grundlegender Lean-Prinzipien deutlich weiter ist als der Maschinen- und Anlagenbau und auch als der Automotive-Sektor. In der Wertschöpfung folgt jedes zweite Elektrounternehmen bereits den wichtigsten Prinzipien des Lean Managements und ein weiteres Viertel hat sie zusätzlich bereits in die indirekten Bereiche übertragen.

Wie die Staufen-Studie belegt, verbessert sich mit der konsequenten Umsetzung von Lean Management in allen Bereichen eines Unternehmens nachweislich die Change Readiness. Jede Erhöhung des Lean Reifegrads führt zu einem Anstieg des CRI um 7 Punkte. Oder anders ausgedrückt: Der Schritt zur nächsthöheren Lean-Stufe steigert den CRI um 13,6 Prozentpunkte.

Das sollte die Elektroindustrie 2020 angehen

Die Basis ist also gelegt, auch die neuen Herausforderungen zu meistern. Das Produktportfolio wächst, die Kunden haben immer mehr Wahlmöglichkeiten. In der Reaktion auf diese Entwicklung gibt es in drei Punkten noch Anpassungsbedarf: die Einführung eines Lifecycle-Managements, eine stärkere Modularisierung der Produkte und ein optimiertes Zusammenspiel zwischen Vertrieb und Produktion.

Jedes Unternehmen der Branche sollte 2020 daher die folgenden Maßnahmen umsetzen:

  1. Das Portfolio mit Lifecycle-Management vereinfachen: Ein wachsendes Produktportfolio bedeutet auch, dass bestimmte Linien und Modelle veralten und nur noch selten bestellt werden. Ein gutes Lifecycle-Management vermeidet das teure Mitschleppen von Altsystemen, für die Know-how und Ersatzteile vorgehalten werden. Die Softwarebranche ist hier beispielhaft: Beim Auslaufen eines Systems gibt es verbindliche Schlusstermine für Updates und Support, die oft in Zusammenarbeit mit Großkunden festgelegt werden.
  2. Komplexität durch Modularisierung verringern: In der Elektroindustrie ist das Konzept der technischen Plattform noch nicht sehr weit verbreitet, wie es beispielsweise Autohersteller nutzen. So konnte VW seine kurzfristig aufgesetzte und schnell verwirklichte E-Auto-Strategie nur durch die vorherige Entwicklung des Modularen Elektrobaukastens (MEB) umsetzen. Er vereinfacht die Entwicklung von Produktvarianten und senkt die Anzahl der zu beschaffenden Komponenten.
  3. Fertigung mit Einkauf und Vertrieb synchronisieren: Die Planungsmethode Sales & Operations Planning (S&OP) beschreibt den gesamtheitlichen Prozess der abteilungsübergreifenden Unternehmenssteuerung. Ziel ist die Erstellung eines unternehmensweiten Absatz- und Beschaffungsplans, der im Einklang mit den gesetzten Unternehmenszielen steht. Insgesamt steht am Ende eine integrierte Finanzplanung, bei der im Unternehmen eine hohe Transparenz entsteht – eine gute Grundlage für betriebliche Entscheidungen.

Unternehmen der Elektrobranche sollten diese Maßnahmen in ihren strategischen Überlegungen berücksichtigen. Zusammen mit Lean Management machen sie das Unternehmen wandlungsfähig und weisen den Weg zu einer zukunftsfähigen Organisation.