Siemens-Hauptversammlung Deutscher Konzern als Klima-Sündenbock

Noch viele Ziele hat Joe Kaeser, aber Bundeskanzler werden? »Ich stehe im Augenblick nicht zur Verfügung. Später auch nicht.«
Siemens-CEO Joe Kaeser wurde auf der Haupversammlung heftig von Klimaaktivisten kritisiert.

Die diesjährige Siemens-Hauptversammlung wurde turbulent,als Aktivisten von Fridays for Future Kritik am DAX-Konzern für dessen vermeintlich klimafeindliche Politik übten. Die getätigten Aussagen lassen objektiv nur eine Schlussfolgerung zu: Es geht nicht um die Sache, sondern nur noch um Ideologie.

Dass ich Siemens-CEO Joe Kaeser auch schon heftig kritisiert habe, hing nicht mit der Annahme des mittlerweile hinlänglich bekannten Auftrags für eine australische Kohlemine, sondern seiner heftigen Kritik des amerikanischen Präsidenten Trump zusammen, die für das immerhin 16 Mrd. Euro schwere US-Geschäft sicherlich nicht hilfreich war.

Sicherlich hat Kaeser in der aktuellen Klimadiskussion ein PR-Desaster geliefert, was der Sache selbst aber keinen Abbruch tut. Daniela Bergdolt als Vertreterin der Aktionäre der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) hat es auf der heutigen Aktionärsversammlung auf den Punkt gebracht: „Die Diskussion muss wieder sachlich werden“ und  „Siemens ist der Umwelt und der Gesellschaft verpflichtet, aber auch Aktionären, Mitarbeitern und Kunden.“

Gerade der letzte Satz spielt für die sogenannten Aktivisten, welche die demokratisch legitimierten Regierungen wegen ihrer vermeintlichen Untätigkeit im Punkt Umweltschutz de facto nicht anerkennen, offenbar keine Rolle. Die Frage, wie viele sichere Arbeitsplätze Siemens geschaffen hat für Familien, die ihren Immobilienkredit vom regelmäßigen Einkommen abbezahlen wird ebenso ignoriert wie die Frage, wie ein global agierender Konzern im weltweiten Wettbewerb erfolgreich agieren soll, mit Wettbewerbern, denen die radikale Sicht von Fridays for Future völlig egal ist.

In den Reden der Umweltaktivisten auf der Hauptversammlung – kritische Aktionäre hatten ihr Rederecht abgetreten – wurden einmal mehr keine konkreten Lösungsvorschläge, aber dafür umso mehr Emotionen transportiert, so wurde sogar ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen den australischen Waldbränden und dem Siemens-Auftrag hergestellt: „In Zeiten, in denen in Australien 35 Menschen extremen Waldbränden zum Opfer fallen, in Zeiten, in denen die Bürger des Landes Feuerwänden gegenüberstehen, ist es Aufgabe von Unternehmen wie Siemens, eine Führungsrolle zu übernehmen.“ Die Annahme des Auftrages sei „ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die ihre Häuser und ihre Lebensgrundlage verloren haben.“

Schließlich wurde sogar das Überleben der Menschheit an dem deutschen Konzern aufgehängt: Siemens müsse aus dem Kohle-Auftrag aussteigen, „unser Leben hängt davon ab“.

Interessant ist auch, dass die vermeintlich versagende deutsche Politik zukünftig durch Konzerne ersetzt werden soll: „Solange die deutsche Klimapolitik ein Totalausfall sei, liege es an den Konzernen, harte Entscheidungen zu treffen.“ Der CEO soll also als Schattenregierung die aus Aktivistensicht  falschen Entscheidung der Politik korrigieren. Es ist anzunehmen, dass Siemens nur der Anfang sein wird und sich in diesem Sinn ein Konzern nach dem anderen vorgeknüpft werden wird.

Der Unterstützung großer Teile der deutschen Presse- und Fernsehlandschaft kann sich die Bewegung sicher sein – die Frage, ob dies eigentlich auch die Mehrheit der Bevölkerung will, ist eine ganz andere.

Diese Grafik des Medienhauses Media Pioneer (“100 % Journalismus. Keine Märchen”) auf Basis einer Forsa-Umfrage zeigt, dass Alltagsthemen die Menschen viel stärker bewegen als der Umweltschutz. Wer sich jedoch komplett von der Gesellschaft abkoppelt, außer emotionalen und negativen Botschaften keine konkreten Lösungen anbietet und Arbeitsplätze von tausenden Menschen in Frage stellt, wird langfristig jede Akzeptanz verlieren.

Joe Kaeser und seine Kollegen in der deutschen Wirtschaft sollten schon heute ihren Mut zusammennehmen, und den Klimaaktivisten mutig entgegentreten. Es kann und darf nicht sein, dass jenseits jeder demokratischen Legitimation eine außerparlamentarische Bewegung bestimmt, wie DAX-Vorstände handeln. Es ist dringend an der Zeit, auch die öffentliche Diskussion wieder in sachliche Bahnen zurückzuführen, indem den Aktivisten kein Platz mehr in Talkshows, Wirtschaftskonferenzen und vor allen Dingen Aufsichtsräten angeboten wird.

Diese beiden Grafiken, ebenfalls von Media Pioneer, sollten Kaeser & Co. ebenfalls zu denken geben: Nicht nur die Tatsache, dass nicht wie von öffentlich-rechtlichem Fernsehen und großen Teilen der Tagespresse suggeriert 100 %, sondern nur 34 % der Bürger den Klimawandel als das größte Problem ansehen, sondern auch die Kaufkriterien der 16-25jährigen Menschen in Deutschland - Nachhaltigkeit unter ferner liefen.

Wer – wie übrigens auch ich – der Meinung ist, dass die Berliner Politik im Punkt Klimaschutz total versagt und in der heutigen Parteienlandschaft keine sinnvollen Alternativen erkennt, der kann in unserem demokratischen System – vorausgesetzt er findet genug Unterstützer -  eine entsprechende Partei gründen, ein aus seiner Sicht mehrheitsfähiges Programm für eine bessere Zukunft entwickeln und dieses der Bevölkerung zur Abstimmung stellen.

Sätze wie „Ihr habt mir meine Kindheit gestohlen“ oder “Meine Oma ist eine Umweltsau” werden dann wohl allerdings nicht mehr ausreichen, um eine gestalterische Mehrheit in den Parlamenten zu erhalten.