Im Gespräch mit Andreas Gerstenmayer »Werkzeugkasten« für hochkomplexe Designs

Überdurchschnittliches Umsatz-Wachstum bei HF-Laminaten

Das hört sich ganz danach an, als müssten Sie als Fertigungsspezialist stets an mehreren Fronten gleichzeitig aktiv sein, um den Anforderungen Ihrer Kunden entsprechen zu können? 

A. Gerstenmayer: So ist es! Ein weiteres Tätigkeitsfeld sind zum Beispiel Hochfrequenz-Laminate, für die in den nächsten Jahren – insbesondere bei Auto-Radar-Anwendungen – ein überdurchschnittliches Wachstum erwartet wird. Auch für diese High-Speed-Anwendungen hat AT&S entsprechende Materialien und Prozesse evaluiert, mit denen wir die Performance entsprechender steigern können.

Höchste Datenraten sind gefordert, genauso aber auch besonders kompakte Designs; und für diese ist eine optimale Wärmeabfuhr eines der wichtigsten Kriterien. Heatpipes können bei relativ geringer Masse die Wärme sehr wirksam durch die Leiterplatten leiten. Und wir als Leiterplattenfertiger haben hierfür ein innovatives Konzept vorgestellt, bei dem gebrauchsfertige Mini-Heatpipes mit dem Leiterplattenkörper verbunden werden. Auf diese Weise entsteht ein komplettes Wärmemanagementmodul. Das eben beschriebene Konzept hat sich bereits bei mehreren Leiterplatten-Mustern mit eingebetteten und eingesetzten Heatpipes bestens bewährt.

Ein weiteres Projekt, das ich in dem Zusammenhang noch erwähnen möchte, sind LeiterplattenDesigns mit hochdichten Leiterbahnen-Strukturen. Derzeit arbeitet man hier noch mit Leiterplatten und Substraten, die Leiterbahnbreiten von ca. 40 µm ermöglichen. Doch geht der Trend heute schon in Richtung 10 µm und sogar darunter. Wir arbeiten dabei mit neuen Technologien wie mSAP, was man wortwörtlich mit modified Semi-Additive Process übersetzen würde. Die Miniaturisierung bei Leiterplatten wird sich also fortsetzen, und es werden noch mehr Funktionen in einem Gerät realisiert werden können.

Wie sehr haben sich die geopolitischen Entwicklungen wie der »America first«-Gedanke oder der bevorstehende Brexit auf ihre Geschäftsentwicklung bereits ausgewirkt? Oder müssen Sienicht mittelfristig damit rechnen, dass Europa als Entwicklungs- und Fertigungsstandort weiter ins Hintertreffen geraten wird?

A. Gerstenmayer: Die zunehmende protektionistische Außen- und Wirtschaftspolitik verheißt nichts Gutes für die gesamte Weltwirtschaft. Zudem kommt, dass die Wirtschaftsmacht Nummer 1 – bedingt unter anderem durch niedrige Energie- und Gaspreise – gerade eine regelrechte »Renaissance« in Richtung »Low-Cost«-Produktionsstätte erlebt. Ob das langfristig der richtige Weg ist, sei dahingestellt.

AT&S jedenfalls generiert einen Großteil seines Umsatzes mit Kunden aus den USA. Unmittelbare Auswirkungen der „America first“-Politik gibt es derzeit keine, zumal die Elektronik-Wertschöpfungskette mehr oder weniger komplett in Asien konzentriert ist. Dies ist deswegen so interessant, weil wir als Leiterplattenfertiger – im Gegensatz zum Umsatz – den Großteil der Wertschöpfung mit den asiatischen Standorten und hier schwerpunktmäßig in China erzielen. Und China wird auch in Zukunft von großer Bedeutung sein: China ist gerade dabei ist, sein Wirtschaftsmodell zu ändern und sich zu einer von Hochtechnologien getragenen, wirtschaftlichen Supermacht zu entwickeln. Für AT&S als High-Tech Unternehmen ist das ganz besonders interessant, da wir mit unseren beiden Werken und als erster Hersteller von hochwertigen IC-Substraten in China bereits jetzt ein wichtiger Partner der Mikroelektronik-Lieferkette am chinesischen Markt sind.