Nachhaltigkeit in der Elektronik Recycelte Kunststoffe für Elektronikgeräte

Materialwahl aus Recycling-Sicht? Fehlanzeige

Leider ist die bisherige Situation so, dass die meisten Kunststoffmaterialien bei der Konstruktion der Elektro- und Elektronikprodukte ausgewählt werden, ohne die Wiedergewinnung und auch Wiederverwendung ins Auge zu fassen. Es erfolgt keine Berücksichtigung der bereits vorhandenen Recyclingmöglichkeiten. Buchstäbliches Motto: Nach mir die Sintflut bzw. Augen zu und durch. Absoluten Vorrang haben bis heute größtenteils die Ökonomie- und Technikinteressen der Hersteller. Infolgedessen landeten – und landen weiterhin – die Altgeräte unbehandelt auf Deponien oder gingen – oder gehen immer noch – als Müllexport in andere Erdteile – mit allen dadurch entstandenen Sekundärfolgen für Gesundheit und Umwelt in den »Anlandeländern«. Nun zeigt sich immer mehr die Kehrseite dieser kurzsichtigen kapitalistischen Wirtschaftspolitik.

Das ist aber nur eine Teilwahrheit. Es kommt noch ein wichtiger anderer Faktor zur Steigerung des Kunststoffeinsatzes und damit des Kunststoffmülls in der Elektro- und Elektronikindustrie hinzu: Nach der Erfahrung vieler Nutzer – und auch des Autors – hat die Zuverlässigkeit einer Reihe von Produkten insbesondere in der Konsumgerätebranche in den letzten Jahren im Durchschnitt deutlich abgenommen.

Die Folge dieses Trends: Beschleunigter Austausch defekter Erzeugnisse durch neue – was den Kunststoffverbrauch weiter vorantreibt.

Es ließe sich hier ein recht komplexes Ursachen-Wirkung-Modell erstellen, warum die gegenwärtige Situation so ist und wie sie sich weiter zuspitzen wird, wenn nicht seitens der Industrie und auch der Käufer massiv gegengesteuert wird. Grundlage dafür ist auch mehr Transparenz über die eingesetzten Materialien seitens der Hersteller für die Kunden. Letzterer muss sich bewusst für oder gegen ein Produkt entscheiden können – auf Basis wahrheitsgemäßer Angaben und intensiver Aufklärung.

Europa steht anteilmäßig in dieser Situation nicht besser da als der Rest der Welt. Von den mehr als 12 Mio t Elektroschrott, die im nächsten Jahr in Europa (EU, Norwegen und Schweiz) erwartet werden, werden schätzungsweise 2,5 Mio t (23 %) Kunststoffe sein.

Radikaler Paradigmen-Wechsel zwingend notwendig

Auch in der Elektronikindustrie ist es notwendig, sich endgültig bewusst zu werden, dass Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein Überlebensthema für alle wird. Die Friday-for-Future-Bewegung ist wirkungslos, wenn ihre Grundideen nicht von der Industrie selbst und auch von den Käufern aufgegriffen und in sinnvolle als auch machbare Bahnen gelenkt werden. Was wollen die in der Elektro- bzw. Elektronikindustrie Tätigen ihren Kindern sagen, wenn diese von einer Umwelt-Demo nach Hause kommen und nachfragen? Bisher kann sich der Autor des Eindrucks nicht erwehren, dass auch deutliche Teile der deutschen Elektro- und Elektronikindustrie die Ernsthaftigkeit der Situation nicht begriffen haben oder dazu nicht bereit sind.

Ein österreichisches Unternehmen aus einem anderen Industriezweig beispielsweise gab im November 2019 bekannt, dass es begonnen hat, seine Produktion mit neuen Produkten radikal nach Umweltgesichtspunkten umzustellen. Sein Motto: Man muss die »Zukunft nicht nur lieben, sondern auch leben«. Hier einige Auszüge aus der Pressemitteilung:

  • »Materialien werden von Grund auf neu designt, sodass im ganzen Herstellungsprozess erst überhaupt keine umweltschädlichen Substanzen zum Einsatz kommen. Das Ergebnis sind hochwertige, gänzlich neuartige Produkte. Sie weisen eine Top-Qualität auf und sind absolut schadstofffrei«.
  • »Die Käufer suchen zunehmend nach vertrauenswürdigen ökologischen Marken, auf die sie sich uneingeschränkt verlassen können«.
  • »In Zukunft sollen nur Produkte angeboten werden, die den höchsten Nachhaltigkeitsstandards gerecht werden und die mit den Ressourcen zukünftiger Generationen rücksichtsvoll umgehen«.

Auch wenn dieser Hersteller in einer anderen Branche tätig ist, könnte sich die Elektro- und Elektronikindustrie wahrscheinlich manches von ihm abschauen und auf die eigene Arbeit übertragen, auch wenn in unserer Branche die Lösungsfindung erheblich schwieriger sein dürfte als in dem zitierten Beispiel. Es geht ja hier vor allem um die öffentliche Demonstration einer Grundhaltung.

Projekt PolyCE

Die Vereinten Nationen und auch die Europäische Union haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit dem kürzlich gestarteten Projekt PolyCE gegen den Irrsinn der Elektronikschrottberge mit den in ihnen enthaltenen Kunststoffen anzulaufen und möglichst eine Trendwende herbeizuführen [3]. Der Projektname PolyCE – Post-Consumer High-tech Recycled Polymers for a Circular Economy – lässt sich vereinfacht übersetzen in: Hightech-Recyclingpolymere für die Kreislaufwirtschaft.

Eine von der UN unterstützte Kampagne ruft die Verbraucher dazu auf, elektronische Geräte zu bevorzugen bzw. zu fordern, in denen recycelte Kunststoffe verwendet werden. Dazu müssen die Hersteller aber den potenziellen Käufern erst einmal nachweislich die notwendigen Informationen bereitstellen, um sie zu einem gesunden Urteil zu befähigen. Ohne weitestgehende Transparenz kann der Kunde nur schlecht entscheiden.

Das von der Europäischen Kommission im Rahmen des ehrgeizigen Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon Europe 2020 finanzierte PolyCE-Projekt wiederum fordert die Hersteller auf, weniger neuen Kunststoff zu verwenden (Bild 3).

Sie sollen durch Re-Design die Produkte so neugestalten, dass sowohl die Recyclingfähigkeit verbessert wird als auch recycelte Kunststoffe verstärkt in neue Produkte integriert werden. Am besten wäre es, wenn wiederverwendbare Kunststoffe in der Wiedergewinnung und Aufbereitung so behandelt werden, dass am Ende Materialien mit höherer Qualität entstehen, also ein »Upcycling« stattfindet.

Violeta Nikolova von der Universität der Vereinten Nationen arbeitet am PolyCE-Projekt und erläutert das europäische Forschungsprojekt so: »In erster Linie wollen wir mittels des Projektes die Verbraucher für die Vorteile von recycelten Kunststoffen in der Elektronik sensibilisieren. Wir möchten auch, dass die Verbraucher mehr über die Komponenten von Produkten nachdenken, genauso wie sie das Aussehen oder die Designqualität untersuchen« [2].

Im PolyEC-Projekt arbeitet ein Konsortium von 20 Expertenorganisationen aus neun EU-Ländern unter Leitung des Fraunhofer IZM für zunächst zwei Jahre zusammen. Zu den Mitgliedern gehören namhafte und in Deutschland weniger bekannte Unternehmen bzw. Institutionen, darunter mit Philips und Whirlpool leider nur zwei große Produzenten von Consumer Electronic. Trotzdem lässt die Mischung aus

  • Forschungseinrichtungen (Fraunhofer IZM, TU Berlin, Ghent University u.a.)
  • Designbüros (Pezy Group, Circular Devices, Imagination Factory u.a.)
  • Kunststoffherstellern (Sitraplas, Prolabin &Tefarm u.a.)
  • Recyclingunternehmen (Ecodeom, MGG Polymers u.a.)

hoffen, dass in den kommenden zwei Jahren durch die Projektpartner wesentliche Impulse für einen neuen Kreislaufweg für Kunststoffe in der Elektronikindustrie geschaffen werden. Weitere Projektpartner wie das UNU-ViE SCYCLE (UN Think Tank der United Nations University) und das European Environmental Bureau EEB sollen bei der Propagierung als auch Verbreitung der Arbeitsergebnisse in der betrieblichen Praxis bzw. in größerem geografischem Rahmen helfen. Selbst UL Sustainability – eine Tochter von UL, früher Underwriter Laboratories – ist Mitglied des Konsortiums.

Kunststoffe für die Herstellung vieler verschiedener Komponenten elektronischer und elektrischer Geräte sind zwar auch in Zukunft unerlässlich, doch können Branchenexperten im Netzwerk des PolyCE-Konsortiums die Geräte so gestalten, dass die stoffliche Verwertung von Kunststoffteilen erleichtert wird.