Fertigungs-Dienstleistungen Hardware-Beschleuniger sind gefragt

Dr. Ralf Hasler, Lacon
„Die erfolgreichen EMS-Anbieter müssen sich zu Hardware-Beschleunigern weiterentwickeln – oder sterben.“
Dr. Ralf Hasler, Lacon: »Die erfolgreichen EMS-Anbieter müssen sich zu Hardware-Beschleunigern weiterentwickeln – oder sterben.«

Ganze Industrien verändern sich schnell: Neue Prototyping-Möglichkeiten, passgenaue Komponenten aus 3D-Druckern, Onboard-CPUs, volle Vernetzung, Crowdfunding und der Schlüsselbegriff der Hardware Acceleration haben die globalen Märkte in eine nie dagewesene Dynamik versetzt.

Die EMS-Branche wird gerade auf den Kopf gestellt. Die »verlängerte Werkbank« verabschiedet sich zugunsten einer neuen Generation von EMS-Produktrealisierern und Hardware-Beschleunigern, die eine beachtliche Vielzahl von »alten« Produkten neu auflegen, Innovationen junger Unternehmen vom Prototypen zum Produkt in fünf Tagen in den Markt schießen und schließlich mit »micro-manufacturing« und »personal fabrication« neue Macher präsentieren.

EMS-Anbieter müssen sich grundlegend wandeln

Die nächste Generation der EMS-Anbieter zeichnet sich nach Meinung des Autors durch die Fähigkeit aus, alle Schritte vom Prototypen zum Produkt zu beherrschen und die »time-to-market« praktisch verschwinden zu lassen. Eine entscheidende Rolle werden dabei folgende Elemente spielen:

  • Performante Software Tools für die Konzeption, für das Detail Engineering und für die Simulation der Anwendung sowie für die Erstellung von Prüfroutinen für den End-of-Line-Test. Die Software Tools erlauben eine kontinuierliche Optimierung und Verbesserung des Produktes während der Entwicklung. Nicht der erste Entwurf muss sitzen, sondern ein Grundgerüst, welches stetig und laufend optimiert wird, bevor es in die hardwaretechnische Umsetzung geht.
  • Rasend schnelles Prototyping: Prototyping ist zwischenzeitlich eine Frage von Tagen oder Wochen, nicht mehr von Monaten. Ein Proof of Concept oder ein Visualisierungsmuster ist heutzutage mit wenig Aufwand in kurzer Zeit erstellt. Dieser Vorgang kann auch problemlos in Iterationsschleifen optimiert werden.
  • Weltweite Transparenz und hohe Verfügbarkeit von Entwicklungsbausteinen: Was vor 20 Jahren mit Linux startete, hat sich in der Zwischenzeit zu einem Universum an »open source«-Lösungen ausgeweitet – sowohl im Hardware- als auch im Softwarebereich: Hierunter fallen verwendungsfähige Arduino-Routinen ebenso wie skalierbare 3D-Druckmodelle oder Python.
  • Programmmodule: Für viele Anwendungen in unterschiedlichsten Domänen existieren bereits fertige Lösungen.
  • Crowdfunding & Prosumer-Unterstützung: Online-Finanzierungsrunden mit tausenden überzeugten Nutzern, Konsumenten und Investoren, die sich im besten Falle auch gleich als Beta-Tester einbringen und so dazu beitragen, dass drei, vier Entwicklungsschritte übersprungen werden können oder sich Fehltritte verhindern lassen. Vonnöten ist dabei ein EMS-Hardware-Accelerator, der alle neuen Konzepte lanciert, koordiniert und seine Kunden bei der Umsetzung unterstützt.

Deutschland wird abgehängt

Das alles passiert heute nicht mehr im Silicon Valley, sondern im chinesischen Shenzen in riesigen Unicorn-Schmieden, wo der Weg von der Idee zum Prototypen nur zwei Türen weiter geschieht. Das sollte genauso auch in Deutschland passieren, wo Innovationszentren für Start-ups – wie in München – noch eine Seltenheit sind.

Es gibt in Deutschland nach wie vor ein riesiges Potenzial an vermarktungsfähigem und schwer kopierbarem Wissen. In nahezu allen Großforschungseinrichtungen, Max-Planck-Gesellschaften, Fraunhofer Instituten und der Deutschen Luft- und Raumfahrtgesellschaft – um nur einige zu nennen – werden nach Überzeugung des Autors Milliarden an öffentlichen Geldern »verbrannt«, um wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Auf die Vermarktung und Industrialisierung von erarbeiteten Erkenntnissen indes werde – trotz einiger Vorzeige-Anstrengungen wie den Fraunhofer Ventures – nur geringes Interesse und wenig Aufmerksamkeit gelegt.

Es bleibe zu hoffen, dass die deutsche Regierung entschieden gegensteuere und sich der abwandernden Intelligenz endlich bewusst werde. Die Lacon-Gruppe jedenfalls sieht sich als Hardware-Accelerator für deutsche Hersteller sowie Tech-Start-ups und fordert:

  • Digitalisierung: Nahezu jedes Hardware-Produkt muss heute in der Lage sein, mit einer elektronischen Community zu kommunizieren. Ob Internet of Things, Cloud oder AI – jedes Hardware Gadget generiert einen digitalen Footprint, der zu einem höheren Kundennutzen führen soll. Die Politik hat alle Anstrengungen zu unternehmen, Voraussetzungen und Förderung digitaler Initiativen zu unterstützen.
  • Konformitätsregularien: Die Auflagen für das Inverkehrbringen von physischen Produkten haben in den letzten Jahren exponentiell zugenommen. Ob Umweltauflagen (RoHS, REACH, WEEE), protektionistische Anforderungen (CCC, UL), Anforderungen aus CSR-Bestrebungen (z.B. Frank Dodd Act on Mineral Conflicts) oder sicherheitsrelevante Fragen (FDA Approval, Dual Use) – die Aufwendungen für die Vorbereitung eines Markteintritts und für die Aufrechterhaltung dieser Zertifizierungen werden auch weiter steigen. Das dafür notwendige Wissen hat eine kurze Halbwertszeit und erfordert daher eine hohe Aufmerksamkeit und entsprechende Ressourcen. Die Politik muss hier für deutsche Produkte jede erdenkliche Hilfe leisten, um Marktkompatibilität zu fremden Märkten sicherzustellen.
  • Hardware-Beschleuniger: Eine gezielte Unterstützung von Start-ups und Produkt-Reingineering im deutschen Markt, die EMS-Beschleuniger erbringen müssen und so konkrete Unterstützung von der Idee bis zum Markteintritt und darüber hinaus leisten. Die Politik sollte hier für Transparenz, Anreize und Aufmerksamkeit sorgen.