Interview mit Helmut Rudel von Rutronik »Wir haben nie ein Verlustjahr geschrieben«

»Was gestern gut war, ist heute nicht mehr gut«

Sie kennen die Elektronik-Branche nun seit vielen Jahren. Was waren in Ihren Augen die wichtigsten Meilensteine der technischen Entwicklung in der Elektronik?

Rudel: Wissen Sie, ich kenne die Bauelemente-Industrie seit 50 Jahren. Ich habe mal bei der ITT begonnen. Das war 1963/1964. Wenn Sie dann die Entwicklung sehen, vom Selengleichrichter, vom Plattengleichrichter zur Mini-Diode, die mehr kann als die große Selenplatte, dann haben Sie die ganzen technischen Fortschritte auf ein kleines Produkt begrenzt. Wenn Sie dann noch in den Bereich der integrierten Schaltkreise gehen, dann sehen Sie die phänomenale Entwicklung. Es gäbe heute kein iPhone, wenn es nicht in der Bauelemente-Industrie diese dramatische Miniaturisierung gegeben hätte. Überhaupt, die gesamte technologische Entwicklung ist ja so dramatisch verlaufen, das hat kein Mensch vorausgesehen. Und da gehört auch dazu, dass man sich angepasst hat. Was gestern gut war, ist heute nicht mehr gut.

Welche politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in unserer Gesellschaft und in der Elektronikbranche sehen Sie positiv bzw. negativ?

Rudel: Gut, wir müssen heute eines sehen: Einmal den Konzentrationsprozess, der gerade in der Distributionsbranche abgelaufen ist und abläuft. Wenn Sie sich mal Deutschland vor 30 oder sagen wir 50 Jahren ansehen, da gab es unzählige Handelsvertretungen und Distributoren, und wenn man da nach einem Unternehmen mit europäischem Format schaut, ist ja keines übrig geblieben. Insofern hat sich die Distributionslandschaft dramatisch verändert, vor allem durch Konzentration. Damit einher ging der Zwang, sich zu europäisieren, ja global aufzustellen. Wir sind da noch mittendrin. Das heißt, es gibt noch viel Luft, etwas zu machen.

So eine Reise geht nie zu Ende?!

Rudel: Nein, und das ist auch gut so.

Welche Ratschläge würden Sie als erfolgreicher Unternehmensgründer dem Elektronik-Nachwuchs heute für seinen Karriereweg mitgeben?

Rudel: Das hängt ganz davon ab, was der Nachwuchs will. Will er groß ins Management einsteigen oder will er selbst eine Firma gründen? Dazu sind unterschiedliche Eigenschaften und Bestrebungen erforderlich. Eine Sache richtig einzuschätzen und zu machen. Will jemand heute eine Firma gründen, dann kann ich nur empfehlen, sich im Vorfeld mit dem rechtlichen Umfeld und der Steuersituation zu befassen, sodass man hinterher nicht in die Mühlen der Überraschungen gerät. Da gibt es für Neugründer sicherlich ein hohes Frustrationspotenzial.

Allerdings sind diese Dinge typischerweise nicht im Pflichtprogramm eines Elektrotechnikstudiums vorgesehen, eher in Wahlfächern.

Rudel: Das gilt branchenunabhängig. Klar.

Nach meinen Informationen haben Sie 2008 den Vorsitz der Geschäftsführung an Ihren Sohn Thomas übergeben, der nun das Tagesgeschäft verantwortet.

Rudel: Ich bin offiziell nie ausgestiegen. In so einem Geschäft übergibt man nichts, sondern man zieht sich zurück. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Der eine wächst rein, der andere raus. Wir haben noch einige Aufgaben zu erledigen. Der Prozess wird nie ganz abgeschlossen sein, denn ich bin ja Kapitalgeber und Inhaber des Unternehmens. Da können Sie sich nicht einfach davonstehlen. Der Gesetzgeber sagt Ihnen auch, welche Verpflichtungen Sie haben.

Das Gespräch führte Elektronik-Chefredakteur Gerhard Stelzer.