Vorbereitung auf die Zukunft Wie DigiKey die Welt aus dem Schnee beliefert

In DigiKeys neues Distributionszentrum , das 2021 in Betrieb gehen wird, könnte man das Empire State Building hineinlegen.
In Digi-Keys neues Distributionszentrum , das 2021 in Betrieb gehen wird, könnte man das Empire State Building hineinlegen.

Digi-Key war schon immer ein spezieller Elektronik-Distributor. Aus einem Garagenbetrieb und 150 Artikeln wurde ein Unternehmen, das ein 20,4 Hektar großes Distributionszentrum für 1,86 Mio. Teile baut – in einem Dorf mit 8.600 Einwohnern und einer Landepiste für UPS, DHL und FedEx.

Digi-Keys Hauptsitz befindet sich in Thief River Falls, einem Dorf mit 8.600 Einwohnern im äußersten Norden von Minnesota, weit entfernt von der Hektik des städtischen Lebens. Es dauert mehr als eine Stunde mit dem Auto, vom nächsten Flughafen in Grand Forks, der nur eine einzige Verbindung zur nächsten Großstadt Minneapolis unterhält, zwischen Äckern und Bäumen über flaches Land, über endlos erscheinende gerade Strassen nach TRF, wie Thief River Falls liebevoll von den Einheimischen genannt wird, zu gelangen.

Im Winter sinken die Temperaturen weit unter Null Grad. Und im Fall der häufigen und heftigen Schneefälle helfen sich die Mitarbeiter gegenseitig, ihre Autos am Ende des Arbeitstages wieder fahrtüchtig zu bekommen, unabhängig von ihrer Position auf dem Organigramm des Unternehmens.

Das 48 Jahre alte Unternehmen in Privatbesitz, das von Aufträgen von Ingenieuren und Entwicklern lebt, glänzt seit vielen Jahren in der Distributionsbranche, gemessen an einer Vielzahl von Kennzahlen wie Umsatzwachstum, Kundenservice, Produktverfügbarkeit und Servicegeschwindigkeit.

Im diesjährigen SourceToday-Ranking der Top 50 Distributoren belegte Digi-Key den fünften Platz beim Umsatz hinter den vier großen Konkurrenten Arrow, Avnet, WPG Holdings und Future. Das Unternehmen verzeichnete auch 2018 ein starkes Umsatzwachstum von 36 % und damit die zweithöchste Wachstumsrate unter den Top 50 Distributoren.

Die größte Herausforderung besteht heute darin, die Kapazität zu erhöhen, um mit der Nachfrage Schritt zu halten, ohne den Kundenservice zu beeinträchtigen. In den letzten Jahren hat Digi-Key einen stückweisen Ansatz für das Wachstumsmanagement verfolgt, indem es Büro- und Lagerflächen sowohl in den Thief River Falls als auch in Fargo, North Dakota, zwei Autostunden vom Hauptsitz entfernt, hinzugefügt hat. Jeder Standort umfasst heute etwa 600.000 Quadratmeter, was einer Gesamtkapazität von 1,2 Millionen Quadratmetern an Lager- und Büroflächen entspricht.

Aber das wird sich bald ändern, denn das Unternehmen bereitet sich auf eine große Expansion in seiner Heimatstadt vor, die im Juni 2021 in Betrieb gehen soll. Nach einer 30-stündigen Anreise von München über Chicago und Minneapolis traf sich die Elektronik mit Präsident und COO Dave Doherty, um die Baustelle in Augenschein zu nehmen.

Alle Lokationen, die sich über 135 Meilen erstrecken, werden dann wieder in Thief River Falls zentralisiert, erklärte Doherty. Der Bau der brandneuen, eine Million Quadratmeter großen Struktur, die zum zukünftigen Distributionszentrum werden soll, ist abgeschlossen, aber Digi-Key benötigt noch zwei Jahre, um den Innenausbau durchzuführen. Sobald alle hochmodernen Lagereinrichtungen und -technologien installiert sind, schätzt Doherty die Gesamtnutzfläche der neuen Anlage auf 2,2 Millionen Quadratmeter, fast doppelt so groß wie das Unternehmen heute.

Das hochautomatisierte OSR Shuttle Evo wird anfangs über 1 Million Elektrik-Einzelkomponenten lagern. Das Lagersystem ist aber für weit größere Mengen konzipiert: Bei Vollauslastung können allein im Shuttle-System 1,86 Millionen Artikel gelagert werden – über 1.000 Shuttles werden dann beim Ein- und Auslagern im Einsatz sein. Die Kommissionierung der Elektronik-Komponenten erfolgt an Ware-zur-Person-Arbeitsplätzen. Das Gesamtsystem ist für eine Kapazität von 2,7 Millionen Artikel ausgelegt.

Auch bei weiter steigendem Liefervolumen soll jede Bestellung innerhalb von 20 Minuten versandfertig sein und weltweit innerhalb von 48 bis 72 Stunden zugestellt werden. Der Rundgang das neue Gebäude dauerte 1 Stunde, allein die Förderbänder werden eine Gesamtlänge von fast 40 km haben. Für die Feuerlöschanlage mit mehr als 50.000 Sprinklerköpfen mussten eigene Wassertanks installiert werden, damit im Fall der Fälle die Wasserversorgung von Thief River Falls nicht kollabiert.

Neben Digi-Key gibt es in Thief River Falls noch etwas, was sich Flughafen nennt, in der Realität jedoch nur eine Betonpiste mit angeschlossenem Warenumschlagzentrum ist. Von hier starten täglich 9 Frachtflieger von DHL, FedEx und UPS. Letzterer weiß, was er angesichts von 800 Paketen pro Stunde hat: Einmal im Jahr wird der gesamten Belegschaft in Thief River Falls einen Tag lang Pizza spendiert. Ein riesiges Plakat, unterschrieben vom gesamten UPS-Management, gratuliert zu 50 Millionen versendeten Paketen.

Digi-Key der Zukunft

Mehr Lagerfläche ist nur die Hälfte von Digi-Keys Wachstumsstrategie. Auch die Mitarbeiterzahl wächst schnell. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen rund 300 Netto-Neueinstellungen zu seinen 4.000 Mitarbeitern vorgenommen und es werden in den nächsten Jahren weitere Neueinstellungen erwartet. "Wir werden unsere Mitarbeiterzahl weiter ausbauen, aber dieses Wachstum wird langsamer erfolgen als in der Vergangenheit, da die Automatisierung beginnt, einen Teil der Arbeit zu ergänzen", erklärte Doherty.

Mit ausgefeilterer Automatisierung und Technologie wird sich die physische Arbeit von repetitiven Aufgaben auf höherwertige technische Fähigkeiten verlagern. Doherty glaubt, dass einer der Vorteile des Unternehmens bei diesem Übergang die lange Dienstzeit des durchschnittlichen Mitarbeiters ist. Das Unternehmen plant, das institutionelle Know-how, die Expertise und das Engagement seiner Mitarbeiter zu nutzen, um „das Digi-Key der Zukunft aufzubauen“.

Eine solche Aussage könnte auch als übliches Marketing-Sprech von jedem anderen Unternehmen kommen. Bei  Dig-iKey hat sie allerdings offenbar auch Substanz: Am 17. Juli zeichnete das Forbes Magazine in Zusammenarbeit mit Statista DigiKey als einen der besten Arbeitgeber des Staates Minnesota aus. Grundlage der Umfrage war die Bereitschaft der Mitarbeiter, ihren Arbeitgeber an Freunde und Familie weiterzuempfehlen.

“Die Menschen hier machen den Unterschied”, betonte Doherty. “Wir haben den Nachteil, in dieser Region zu sein, in einen Vorteil verwandelt.”  Eine für amerikanische Verhältnisse außergewöhnlich guten Krankenversicherung wird durch eine eigene Krankenstation auf dem Firmengelände ergänzt.

Digitale Innovation

Digi-Key ist immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die Prozesseffizienz zu verbessern und die Arbeit zu erleichtern. Beispielsweise werden die Mitarbeiter ermutigt, die Anzahl der Schritte in einem bestimmten Prozess zu eliminieren oder zu reduzieren oder ein Gerät zur Durchführung der Schritte zu programmieren. "Wenn wir die Automatisierung aufbauen und die Effizienz steigern können, bieten wir einen besseren Service für den Kunden und eine effektivere Nutzung unserer Mitarbeiterressourcen", erklärte Doherty.

Ein Beispiel dafür ist eine neue hochmoderne Anlage, die so konzipiert wurde,  dass die Teile aus der Ferne kommissioniert und auf Förderbänder gelegt und intelligent zu den Mitarbeitern geleitet werden, anstatt dass die Mitarbeiter hinausgehen und nach den Teilen suchen.

Um konsequent das richtige Teil auszuwählen, bedarf es einer Vielzahl von Technologien, einschließlich eines ausgeklügelten visuellen Systems. Digi-Key nutzt die Mitarbeiter, die in dieser Funktion Experten sind, und bringt sie in die Qualitätsabteilung. Dort helfen sie dabei, die Art der benötigten Ausrüstung zu definieren und die Ausrüstung auszuwählen und zu zertifizieren, die die visuellen Inspektionen durchführt, die sie in der Vergangenheit manuell durchgeführt haben. Ihre beruflichen Funktionen erfordern neue Fähigkeiten in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Software und Ingenieurwesen.

"Es ist das alte Sprichwort: Die Leute haben diese alltäglichen Aufgaben gemacht. Heute trainieren die Menschen die Ausrüstung, um die gleichen alltäglichen Aufgaben zu erledigen", erklärte Doherty.

Kein Wunder, dass die IT-Abteilung von Digi-Key die am schnellsten wachsende Abteilung im Unternehmen ist. Es geht aber nicht darum, eine Armee von Datenwissenschaftlern und anderen hochkarätigen technischen Experten einzustellen. Stattdessen plant Digi-Key, einige KI-Experten einzustellen, die eng mit den Geschäftsprozess-Experten zusammenarbeiten. "Es ist die Kombination von Menschen, die Systeme kennen und Menschen, die die Arbeit kennen. Wenn man diese Menschen zusammenbringt, erzielt man optimale Ergebnisse", sagte Doherty.

Das ist nichts Neues. Digi-Key ist seit Jahrzehnten ein digitaler Pionier. 1996 war es einer der ersten Distributoren, der Informationen im Internet veröffentlichte, nicht lange nach der Einführung des E-Commerce. Obwohl das Unternehmen immer noch als Katalog-Distributor bezeichnet wird, hat es seit 2011 keinen physischen Katalog mehr produziert.

Die heutigen digitalen Fortschritte haben das gleiche Ziel, nur mit einer Reihe von Technologien, wie z.B. Sprachassistenten und der Verwendung von Fotos von Kundenteilen, um den Bestellprozess zu beschleunigen. "An der digitalen Grenze des Machbaren zu arbeiten  bedeutet, weiter vorangetrieben zu werden und als digitaler Innovator anerkannt zu werden. Es ist keine digitale Transformation, es ist eine kontinuierliche Reise", sagte Doherty.

Marktchancen

Da die Kunden von Digi-Key überwiegend Ingenieure, Entwickler und Maker sind, steht das Unternehmen an vorderster Front bei der digitalen Transformation, die in vielen Branchen auf der ganzen Welt stattfindet. Und da die Kundenschnittstelle überwiegend webbasiert und digital ist, kann das Tempo der Marktdurchdringung schnell und kostengünstig sein. Tatsächlich sind die Kosten von Digi-Key in erster Linie Werbeausgaben und die wirken nachweislich.

Vor zwei Jahren machte man in der Embedded Branche eine Umfrage, um die Bekanntheit von Digi-Key mit der Konkurrenz zu vergleichen. In allen Bereich führte DigiKey den Bekanntheitsgrad deutlich an, zur Überraschung von Dave Doherty und seinen Kollegen auch im Bereich Automatisierung. Der Witz an der Sache: Zum Zeitpunkt der Umfrage bot Digi-Key noch gar keine Automatisierungskomponenten an. Dies hat man in der Folge – fast selbstredend – geändert und z.B. Steuerungen, PLCs, Robotik oder Motoren nebst deren Steuerungen ins Programm aufgenommen.

"Die Anzahl der Länder, in die wir jedes Jahr liefern, erstaunt uns immer wieder", sagte Doherty. "Die Barrieren für Innovationen sind so weit gesunken, dass Innovationen spontan und überall stattfinden können." Zu den heutigen wachstumsstarken Märkten für das Unternehmen gehören Indien, Malaysia, Südafrika und Vietnam, erklärte der CEO weiter.

Digi-Key nutzt diese Beziehungen mit seinem IoT Studio, einer plattformübergreifenden integrierten Entwicklungsumgebung (IDE), die den Prozess der schnellen Einführung von Ingenieuren und Entwicklern in die Proof-of-Concept-Phase (POC) ihres Produkts vereinfachen soll. Das IoT Studio ermöglicht es Kunden, den Produktentwicklungsprozess zu beschleunigen, der in der heutigen, hart umkämpften Welt entscheidend ist. Sobald sie den POC haben, besteht der nächste Schritt darin, das Design in eine anspruchsvollere IDE zu exportieren und mit Hilfe von DigiKey zur Produktion überzugehen.

Den Kurs beibehalten

Digi-Key hat einen sehr starken Aufwärtstrend der letzten Jahre hinter sich und hält seinen Kurs. Der Elektronikvertrieb ist ein zyklisches Geschäft, was steigt, fällt immer irgendwann einmal ab. Und 2019 wird voraussichtlich ein bescheideneres Wachstumsjahr als 2018 sein. Aber die Grundlagen sind laut Doherty solide. "Wir nehmen keine wesentlichen Änderungen an unserer Geschäftsstrategie vor. Wir sind zu optimistisch für die Zukunft ", sagte er. Die einzige Bedrohung, die den COO von Digi-Key am meisten beunruhigt, ist die Cybersicherheit. "Wir sind seit langem in der digitalen Welt und vielen Cyber-Bedrohungen ausgesetzt. Für uns ist es also ein schnell wachsender Bereich in der IT und wir investieren, um an der Spitze zu bleiben".

Was ist die größte Sorge um die Cybersicherheit für Digi-Key? "Kundenschutz", sagte CEO Doherty. Diese Antwort sollte bei diesem kundenorientierten Unternehmen niemanden überraschen.

Bilder: 14

Die DigiKey-Story

Ein Besuch in DigiKeys Firmenzentrale in Thief River Falls dokumentierte die großartige Wachstumsgeschichte dieses außergewöhnlichen Distributors.