Thomas Gerhardt, Glyn »Märkte entwickeln sich nach dem Hype«

Den Umweltschutz kann man differenziert sehen, sagt Thomas Gerhardt von Glyn im Interview. Einerseits seien Elektronikprodukte nicht kompostierbar. Andererseits helfe die Elektronik, fossile Ressourcen zu schonen.

IoT und Industrie 4.0 werden nun umgesetzt – für Thomas Gerhardt, Managing Director von Glyn ein positives Zukunftszeichen. Auch Themen wie Umweltschutz und Standardisierung spielen für den Distributor eine Rolle.

Herr Gerhardt, wie wird sich der Elektronikmarkt 2020 im Allgemeinen und für die Distribution im Speziellen entwickeln?
Wir hatten eine lange Aufschwungphase. Selbst, wenn diese jetzt zunächst nicht so weitergeht, muss man das auch mal positiv sehen. Die Branche weiß mit Schwankungen umzugehen. Nachdem der Umsatz in 2019, durch das Ende der Allokationen und der schwächelnden Weltkonjunktur weniger wurde, kann es in 2020 flach weitergehen oder wieder ansteigen. Alles hängt von der Stimmung der Marktteilnehmer ab. Und wenn wir uns an die Auswirkungen der Lehman-Pleite vor zehn Jahren erinnern, kann man davon ausgehen, dass es nach einem Rückschlag auch immer wieder bergauf geht. Wir sind jedenfalls fest davon überzeugt, dass die Elektronik eine sehr gute Zukunftsprognose hat und damit auch die Elektronikdistribution.

Was halten Sie für die entscheidenden Innovationen und Trends im Laufe der kommenden zwölf Monate?
Nun, die aktuell am meisten diskutierten Technologietrends sind wohl 5G, autonomes Fahren, Elektromobilität und künstliche Intelligenz. Industrie 4.0 beziehungsweise IoT stehen zwar nicht mehr so oft in den News wie früher, werden aber umgesetzt. Viele Projekte in diesen genannten und ihren angrenzenden Bereichen laufen bereits oder werden gestartet. Einige gehen auch schon in Serie.
Wir neigen ja dazu, zu glauben, es würde bereits kurz nach einem tobenden Hype zu großen Umsätzen kommen. Die Wahrheit ist aber, dass die Märkte sich über lange Zeiten entwickeln und aufbauen. Richtig los geht es da in der Realität meist, wenn der Hype längst abgeklungen ist. Die Vielzahl der Themen lässt uns jedenfalls positiv in die Zukunft blicken. Der allgemeine Trend zu immer mehr Elektronik in allen Lebensbereichen wird sicher anhalten.

Verändern sich die Anforderungen, die an Distributoren gestellt werden? Wenn ja, inwiefern?
Alles wird immer anspruchsvoller sowie komplexer. Diesen Trend müssen alle Organisationen gut managen, auch die Distributoren – und das unter stetigem Margendruck. Dafür benötigt man gutes Personal, das fertig geschult, aktuell und voraussichtlich auch in Zukunft, nur noch schwer am Markt zu finden ist. Deshalb bilden wir heute unsere engagierten Mitarbeiter fachlich selbst so aus, dass sie den von Kunden und Herstellern erwarteten immer höheren Mehrwert erbringen können.

Was sind die größten Herausforderungen in der Supply Chain, denen Ihre Kunden sich stellen müssen? Wie unterstützen Sie Ihre Kunden dabei?
Oft ist das Naheliegende das Schwerste. Alles muss heute einfach, schnell, günstig, zuverlässig und sicher laufen. Genau das erledigen wir für unsere Kunden. Indem wir freundlich zuhören, was sie wirklich benötigen, und uns dann mit Engagement und Leidenschaft darum kümmern.

Wie wichtig ist das Thema Obsoleszenzmanagement?
Bei den Widerständen in großen Bauformen konnte man zuletzt studieren, wie relevant das Thema sein kann. Es hat zu großen Aufwänden, hohen Kosten und nicht zuletzt zu Überreaktionen im Markt geführt. Als Spezialdistributor mit dem Fokus auf wichtige, wertige Teile und einem besonderen Support-Angebot ist das bei uns jedoch eher selten ein Thema. Wir informieren unsere Kunden sauber über auslaufende Artikel. Zudem sind wir gut in der Lage, die Kunden schon beim Design-In dahingehend richtig zu beraten, dass sie auf das richtige Bauteil setzen. Und falls es doch einmal zu einer unvorhersehbaren Abkündigung kommt, haben wir noch die Möglichkeit, mit technischer Unterstützung schnell eine Alternative zu finden.

Welche Bedeutung haben Umweltschutzaspekte für die Distribution?
Das kann man durchaus differenziert sehen. Einerseits sind Elektronikprodukte nicht kompostierbar und in der aktuellen Wiederverwertungskette steckt noch eine Menge Potenzial. Andererseits will die Mehrzahl der Menschen gerne ihren Lebensstandard halten oder besser sogar ausbauen. Das mit geringerem Energieverbrauch zu organisieren, erfordert immer mehr intelligente elektronische Lösungen. Und auch bei der langfristigen Transformation der Mobilität zu Elektromotoren hilft die Elektronik, fossile Ressourcen zu schonen. Insofern trägt sie einen erheblichen Anteil dazu bei, die Umwelt auch bei wachsendem Wohlstand zu bewahren. Wir als Distributor leisten unseren Beitrag, indem wir unsere benötigte Energie zu einem großen Anteil aus einer eigenen Solaranlage decken. Und, indem wir durch ausgefeilte Softwaresysteme und Logistikkonzepte die Lieferkette so effizient wie möglich gestalten.

Welche Rolle spielen Standards in der Distribution?
Standards helfen immer, die Prozesse zu erleichtern. Wo es schon möglich ist, sind Standards zu begrüßen. Die Distribution beherrscht allerdings auch Situationen für die es noch keinen oder sehr viele verschiedene Standards gibt. Wird zum Beispiel in der Logistik von EDI – also Electronic Data Interchange – gesprochen, denken viele immer nur an den einen Standard EDIFACT. Heute ist es jedoch üblich, von Kunden alle möglichen elektronischen Dateiformate automatisiert mit festen Prozessen auszutauschen und zu verarbeiten. Denn nicht jeder kann und will den Aufwand betreiben, sich auf einen einzigen Standard festzulegen. Hier erzeugt quasi die Distribution als sehr nützliche Schnittstelle den Standard für Hersteller und Kunden.

Sehen Sie Veränderungen in der Beziehung von Hersteller und Distributor? Wenn ja, welche?
Die größten Veränderungen, die wir seit einigen Jahren sehen, sind, dass tendenziell mehr Hersteller andere Firmen zukaufen, selbst verkauft werden oder sich zusammenschließen. Für uns Distributoren erfordert das immer eine erhebliche Anpassungsenergie. Es gibt auch immer wieder spannende Experimente, ob man als Hersteller heutzutage alles ganz alleine online oder nur über einen einzelnen Fulfillment-Kanal machen kann. Das erzeugt aktuell einen ungesunden Druck auf die Margen der Distribution. Und der führt dazu, dass in der Breite wertvolle Dienstleistungen zu stark abgebaut werden, zum Beispiel aktiver Projektvertrieb, Lagerhaltung, Customer Service, technische Unterstützung und so weiter.
Die Distribution leistet einen großen Beitrag zur Vermarktung der Herstellerprodukte. Zudem steigert sie massiv die Effizienz und Effektivität der Branche, genau wie Elektronikfertiger, Entwicklungsdienstleister und Foundries. Diese vielen Vorteile kann nicht jeder Hersteller alleine erzeugen. Wir als Spezialist beobachten Hersteller, die das noch mal versuchen, sehen jedoch auch diejenigen, die ihre ehemals auf kurzfristige Erfolge ausgelegte Strategie bereits wieder korrigieren.

Gibt es in Ihrem Unternehmen Neuigkeiten in Bezug auf Expansion, Strategie oder Ähnliches?
Unsere Strategie ist gut und wird beibehalten. Als Design-In-Spezialist profitieren unsere Kunden und Lieferanten von einer aktiven, professionellen Projektarbeit. Zudem arbeiten wir intern intensiv an schlanken Prozessen mit System, um in der Supply Chain noch effizienter zu werden. Dies ermöglicht es uns, langfristig einen ganz besonderen sowie zuverlässigen menschlichen Service und Support für unsere Geschäftspartner aufrechtzuerhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Thomas Gerhardt

ist Managing Director von Glyn. Er gestaltet die Entwicklung des Unternehmens seit 24 Jahren aktiv mit. Im Anschluss an die Ausbildung zum Informationselektroniker, Fachabitur und Studium der Nachrichtentechnik machte er seine ersten Erfahrungen in der Distribution bei Spoerle (heute Arrow).