Interview mit Silica »Es gibt deutliche Unterschiede in der Software-Qualität«

Geht es nach den Chip-Herstellern, sind Silizium und Software bei jedem einzelnen einsame Spitze. Karlheinz Weigl, Chef der Avnet-Tochter Silica, erklärte Elektronik-Redakteur Frank ­Riemenschneider dagegen, dass es sehr wohl große Unterschiede gibt – und wie ein Steuergerät eines Formel-1-Rennwagens aussieht.

Elektronik: Herr Weigl, Sie waren kürzlich beim Formel-1-Rennen in Hockenheim; haben Sie denn auch etwas über die Technik eines Steuergerätes gelernt?

Karl-Heinz Weigl: In der Tat, das war sehr interessant. Alle Teams müssen ja die gleiche Hardware verwenden, die haben Memory-Mapping, also Speicherbereiche, wo die Teams gewisse Kennlinien für das Motormanagement reinladen können, aber die Gundparameter sind für alle gleich, das ist mittlerweile bei der Formel 1 standardisiert.

Elektronik: Einer Ihrer Hersteller, Freescale, sponsort ja nicht nur die Formel 1, sondern auch die NASCAR-Rennserie, vermutlich getrieben durch seinen Marketing-Chef Henri Richard, der ja selbst Autorennen fährt. Wie sehen Sie da eigentlich das Verhältnis zwischen diesem sicher nicht billigen Investment in Marketing und dem Return on Investment?

Karl-Heinz Weigl: Das muss Free­scale für sich entscheiden, der ROI ist hier sicher schwer nachzuweisen. Aber ich halte es sowieso für fraglich, ob solche Sponsoring-Aktiväten von der neuen Unternehmensleitung in der Zukunft weiter unterstützt werden.

Elektronik: Ein anderes spannendes Thema ist ja Intel gegen ARM. Intel will ja nun auch mit aller Macht in Segmente wie den Handy-Bereich. Wie geht es denn Ihrer Meinung nach mit den x86-Prozessoren weiter?

Karl-Heinz Weigl: Das habe ich Intel auch gefragt. Was Intel zukünftig einbringen wird, ist das Thema Remote-Management und Security. Nach dem Kauf von McAfee will Intel die Schutzmechanismen, die bislang in Software abgebildet waren, in die Chips integrieren. Das ist natürlich für unsere Kunden in der Industrie sehr interessant, wenn ich keine zusätzlichen Mechanismen brauche, um die Systeme sicher zu halten. Im nächsten Schritt wird dann die Modem-Funktionalität, die von Infineon gekauft wurde, integriert.

Elektronik: Das ist in der Tat interessant, aber 2011 und 2012 haben sie nichts…

Weigl: Ich vermute, Intel hat die Bedrohung durch ARM in der Vergangenheit nicht so ernst genommen, aber nun scheint wohl einiges in Bewegung zu kommen. Mitte 2013 soll ja ein neuer Atom-SoC kommen, darauf sind wir schon sehr gespannt.

Elektronik: Lassen Sie uns zu den Mikrocon­trollern kommen. Auch wenn die Hersteller sagen, wir differenzieren uns über die Peripherie, werden MCUs wirklich noch über das Silizium verkauft oder steht nicht die Software im Vordergrund?

Karl-Heinz Weigl: Im Cortex-M-Bereich sind 90 % der Funktionen identisch; es gibt einige spezielle Features im Analogbereich oder beim Flash-Speicher, da ist der eine oder andere ein bisschen besser, aber die breite Masse hat den gleichen Core und einen Standard-Peripheriesatz auf dem Controller. Anders sieht es im Cortex-A-Bereich aus, da es weniger Anbieter gibt und dort Software und Support viel wichtiger sind als beim Cortex-M3 oder -M4.

Elektronik: Wie viele Ihrer Lieferanten liefern denn wirklich gute Software und wo gibt es Defizite?

Karl-Heinz Weigl: Da muss man differenzieren. Die C-Compiler sind Standard, da gibt es wenige Unterschiede. Ausnahme ist DAVE 3 von Infineon, das ist für mich derzeit die Speerspitze und definitiv ein Verkaufsargument für Infineon. Die Chips werden in Deutschland auch sehr stark nachgefragt, da Infineon durch sein historisches Engagement bei C166 und TriCore schon bei vielen Kunden als Lieferant gesetzt ist.

Elektronik: Wo sehen Sie denn die Grenzen der Software-Tools?

Karl-Heinz Weigl: Die meisten Tools der Hersteller sind darauf ausgelegt, breite Produktspektren zu unterstützen. Man versucht, mit einem Tool alle bei einem Hersteller verfügbaren Varianten der Controller zu unterstützen. Das fordert sicher Kompromisse in der Codeeffizienz und der Leistungsfähigkeit der Tools. Der Ansatz „ich will alles können“ ist offenbar problematisch; eine stärkere Spezialisierung scheint da Vorteile zu bringen.

Elektronik: Den Ansatz fährt Microchip aber auch; die sagen ja, sie können von 8  bis 32 bit hoch- und runterskalieren…

Weigl: Bei denen funktioniert das aber auch gut, die haben eine durchgängige Architektur.

Elektronik: Laut Semiconductor Trade Statistics stagnieren in den nächsten Jahren 8‑bit-MCU-Verkäufe im Gegensatz zu 32‑bit-Chips. Wie wirkt sich das aus Ihrer Sicht auf Microchip, den Marktführer bei 8‑bit-Controllern, aus?

Karl-Heinz Weigl: Also wenn Sie Steve Sanghi fragen (Anm.: CEO von Microchip), wird der Ihnen sagen, das ist alles kein Problem, und zwar deswegen, weil ich auch aufgrund der Tatsache, dass er nur eine Architektur unterstützen muss, so kostengünstig fertigen kann, dass dieser 8‑Bit-Markt nicht verschwinden wird. Dazu kommt dieser anwendungsspezifische Ansatz mit kostenlosen Bibliotheken für alle möglichen Applikationen: Während sich die anderen Hersteller über Technik differenzieren wollen, setzt Microchip auf fertige Lösungen. Wenn man mit PIC8 an die Grenzen stösst, kommt der nächstgrößere PIC, man rekompiliert und es läuft.

Elektronik: Wie wird bei den anderen, die einen General-Purpose-Ansatz fahren, bezüglich der Technik-Differenzierung überhaupt noch argumentiert?

Karl-Heinz Weigl: Da wird es in der Tat dünn. Wenn einer ein neues Feature bringt, dauert es vielleicht zwei Monate und schon ist ein konkurrierendes Produkt auf dem Markt. Renesas argumentiert mit dem schnellen MONOS-Flash, wobei sich die Frage stellt, was bringt das in der Praxis. Dann wird über die Prozesstechnik argumentiert, Temperaturbereiche, Energieverbrauch verbunden mit der Frage, wo und in welchem Modus wird gemessen. Nein, grundsätzlich gesagt, ist es da extrem schwierig, über technische Unterschiede zu argumentieren.

Elektronik: Wir haben ja in einem Elektronik-Projekt [1,2] versucht, unter realen Bedingungen zu messen…

Karl-Heinz Weigl: Bedauerlicherweise stellen die Hersteller die Informationen, wie sie die Leistungsaufnahme runtergebracht haben, nicht ins Netz, damit jeder davon profitieren kann. Stattdessen finden Sie nur Standard-Module wie PWMs, aber die Leistungsaufnahme geht ja über den gesamten Chip, und da sind die Dokumentationen und Codebeispiele defizitär..