Kommentar Distribution leidet unter Markt für Passive

Chefredakteur Elektronik
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Kondensator-Lieferant müsste man sein. Dort scheint das Angebot derzeit mit Abstand am knappsten. Nun ist es sicherlich auch nicht schön, wenn man Kunden, die händeringend auf Nachschub warten, nicht in gewünschtem Umfang bedienen kann.

Angenehmer ist sicherlich, dass mit der Knappheit typischerweise auch die Preise steigen und damit die eigenen Umsätze.

Genau dieses Phänomen haben die beiden Branchen-Verbände der Distribution, auf nationaler Ebene der FBDi e.V. und auf europäischer Ebene DMASS Ltd., in ihrer Betrachtung des zweiten Quartals 2018 festgestellt. Bei den größeren Produktsegmenten konnten die passiven Bauelemente laut FBDi mit 14,4 % am stärksten auf nunmehr 137 Mio. Euro klettern, während die Halbleiter sich mit einem mageren Wachstum von 2,8 % begnügen mussten, auch wenn dahinter Umsätze von 654 Mio. Euro stehen. Nun ist es ja so, dass elektronische Geräte typischerweise aus vielerlei Komponenten bestehen und wenn ein Element knapp ist, bremst das gleich die gesamte Geräteproduktion.

Georg Steinberger, in Personalunion Vorstandsvorsitzender des FBDi und Chairman der DMASS brachte es auf den Punkt: »Wir hatten ohne Zweifel ein Rekord-Quartal, aber in Zeiten der Allokation hätten wir mehr Dynamik im Markt vermutet. Es ist ein wenig paradox, aber es scheint, dass die massive Knappheit an Kondensatoren, ohne dass ein Ende in Sicht wäre, das Wachstumspotenzial von Halbleitern zu begrenzen beginnt.« Die Kunden wollten wohl keine Halbleiter auf Halde kaufen, die sie nicht verbauen können. Das ist gut nachvollziehbar, bei immer kürzeren Innovationszyklen.

Steinberger vermutet außerdem, dass das Wachstum der Passiven hauptsächlich auf Preisanstiegen beruht und nicht auf einer Ausweitung der Volumina. Versetzt man sich in die Hersteller von Kondensatoren hinein, dann befinden diese sich derzeit in einer komfortablen Lage. Ohne signifikant die Produktion auszuweiten, klettern die Umsätze. Würden sie die Produktion deutlich hochfahren hätten sie einerseits Investitionen zu schultern und würden andererseits ihre Preise gefährden. Keine attraktiven Aussichten. Wenn nicht ein potenter Hersteller nun plötzlich auf die Idee kommt, sich durch eine Ausweitung der Produktion neue Marktanteile sichern zu wollen, dürfte die Knappheit weiter anhalten. Analog verhält sich das mit Distributoren für passive Bauelemente. Diejenigen, die traditionell ihre Lager stets gut gefüllt halten, dürften bessere Geschäfte machen als diejenigen, die auf möglichst häufigen Lagerumschlag setzen.

Die Knappheit bei passiven Bauelementen schlägt sich sogar leicht in den Zensuren unserer Leserumfrage „Elektronik Distributor des Jahres 2018“ nieder, deren Ergebnisse wir ab Seite 8 veröffentlichen. Beim Kriterium Produktverfügbarkeit wurden Volumina durchweg einen Tick schlechter bewertet als Musterstückzahlen.

Freilich sind das Klagen auf hohem Niveau. Die im FBDi organisierten Distributoren setzten im zweiten Quartal 949 Mio. Euro um und knackten im Auftragseingang mit 1,04 Mrd. Euro erstmals die magische Milliardengrenze. Katastrophen sehen anders aus.