Interview 50 Jahre Reichelt Elektronik

Ulf Timmermann ist CEO von Reichelt Elektronik.
Ulf Timmermann ist CEO von Reichelt Elektronik.

1969 wurde Reichelt Elektronik im Norden Deutschlands gegründet. Heute ist das Unternehmen ein wichtiger Distributor für elektronische Bauteile sowie Netzwerktechnik und IT mit mehr als 110.000 Produkten im Sortiment. Wir haben mit CEO Ulf Timmermann über Vergangenheit und Zukunft gesprochen.

In diesem Jahr feiert Reichelt Elektronik das 50. Jubiläum. Das ist sehr beeindruckend. Wie hat alles angefangen?
Gegründet wurde Reichelt Elektronik im Jahr 1969 in Wilhelmshaven. Das erste Produkt, das Herr und Frau Reichelt verkauften, war ein Antennenverstärker für 24,30 DM – beworben in einer Lokalzeitung. Zu dieser Zeit wurden ausschließlich elektronische Bauteile über einen DIN-A4-Katalog vertrieben. Nach der alleinigen Übernahme durch Frau Reichelt im Jahr 1989 zählte das Unternehmen bereits 20 Mitarbeiter – auch ich war einer davon. In den folgenden Jahren wuchs das Unternehmen und die Produktpalette wurde stetig erweitert. So gehörten wir zu den ersten, die in die Computertechnologie investierten und elektronische Datenverarbeitung für die Rechnungsschreibung und Preislistengestaltung verwendeten. 1990 umfasste der Reichelt-Katalog dann schon 172 Seiten mit etwa 6000 Produkten.

Doch es war nicht nur der Katalog, der gewachsen ist.
Genau. Auch im Lager wurde es immer enger. 1996 wagte Reichelt deshalb den Schritt aus Wilhelmshaven hinaus nach Sande, um dort ein neues und größeres Logistikzentrum zu bauen. Und das war etwas ganz besonderes, denn das gesamte Warenwirtschaftssystem inklusive Fördertechnik und Programmierung wurde von uns selbst entwickelt – ein riskanter Schritt, der sich aber ausgezahlt hat. Das System ist individuell auf die Besonderheiten Reichelts angepasst, es lässt sich schnell an neue Gegebenheiten adaptieren und ist sehr kosteneffizient. Mittlerweile wurde das Logistikzentrum erneut ausgebaut und umfasst nun eine Lagerkapazität von 150.000 Produkten.

Nach dem Rückzug von Frau Reichelt wurde das Unternehmen dann 2010 an die Dätwyler Holding verkauft. Welche Veränderungen brachte dieser Schritt mit sich?
Die Zugehörigkeit zur Holding brachte eine neue internationale Ausrichtung in das Unternehmen. Reichelt nahm verstärkt die Markttätigkeit in den europäischen Nachbarländern auf – anfangs in der Schweiz und in Österreich. In den letzten drei Jahren folgte die Expansion in das Vereinigte Königreich, Frankreich, Polen und die Benelux-Länder. Bereits vor unserer aktiven Expansion in die europäischen Märkte boten wir den internationalen Warenversand an. Auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen, habe ich dort immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Elektronik und die Faszination für Technik eine eigene Sprache ist, die
uns mit unseren Kunden auf der ganzen Welt verbindet. Der Markteintritt im europäischen Ausland war für uns also der nächste logische Schritt.

Wie hat sich die Distribution über die Jahre verändert?
Der Katalog ist heute nur noch einer von vielen Vertriebswegen. Schon 1996 launchte Reichelt als einer der ersten in Deutschland einen eigenen Onlineshop, der kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Ebenso drastisch hat sich das Feld der Elektronik verändert. Gerade die Digitalisierung bringt noch einmal neue Möglichkeiten, aber auch neue Herausforderungen mit sich. Eine Segmentierung des Distributionsmarktes, internationale Konkurrenz und Bauteileknappheit bei bestimmten Komponenten erschweren den Entwicklungsprozess zusätzlich. Aber auch wenn elektronische Systeme immer komplexer werden, blicken Ingenieure doch zuversichtlich auf ihre Arbeit. So kommt eine Umfrage, die wir kürzlich durch­geführt haben, zu dem Ergebnis, dass es heute trotz allem einfacher ist, elektronische Projekte durchzuführen als noch vor fünf Jahren.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich Ingenieure heute konfrontiert und wie können Distributoren sie dabei unterstützen?
Die größte Herausforderung für Ingenieure sind heute die immer kürzer werdenden Entwicklungszyklen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass benötigte Bauteile kurzfristig zur Verfügung gestellt werden können, um einen Produktionsstillstand zu vermeiden. Gerade in dieser Hinsicht tragen Distributoren große Verantwortung. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Qualität der Bauteile. Für viele Ingenieure ist es heute schwierig, qualitativ hochwertige Bauteile zu finden. Daher legen wir großen Wert auf hochwertige Bauteile, die erst nach sorgfältiger Prüfung in das Sortiment genommen werden. Zudem arbeitet Reichelt stets daran, die einzelnen Produktgruppen in die Breite sowie in die Tiefe auszubauen, um ein umfassendes Angebot zu gewährleisten. Auch ein guter Kundenservice wird immer wichtiger. Dabei geht es heute allerdings um mehr, als nur dafür zu sorgen, dass alle Bauteile zusammenpassen und keine Kompatibilitätsprobleme auftreten. Wichtig ist den Ingenieuren vor allem eine gute Beratung.

50 Jahre sind eine lange Zeit in einem solch hart umkämpften Markt. Was macht Reichelt aus?
Liefersicherheit, günstige Preise, hohe Qualität, schnelle Lieferung, guter Service, kompetente Beratung… Die Liste der Anforderungen an Distribu­toren ist lang. Für uns liegt die Basis unseres Erfolgs in gut funktionierenden Abläufen – vor allem in der Logistik – und einem sehr persönlichen Kundenservice. Am Ende muss man wissen, wofür man steht. Wir sind kein Vollsortimenter und wir werden auch nie einer werden. Dennoch erweitern wir in unseren Kernsegmenten stetig unser Portfolio. Wir liefern Waren schnell und zuverlässig, aber mit Frachtkosten. Dafür garantieren wir attraktive Preise. Es wird immer jemanden geben, der gewisse Dinge besser kann als man selbst, oder einzelne Produkte preiswerter liefert, aber das ist für uns nicht richtungsweisend. Nur wer seinen eigenen Weg geht, kann deutliche Fußspuren hinterlassen. Diesen Pfad haben wir 1996 mit unserer eigenen Logistik­lösung eingeschlagen – bisher hat er uns zu guten Ergebnissen geführt und auch für die Zukunft sehe ich weitere Fortschritte.

Apropos Zukunft: Wie geht es mit Reichelt Elektronik weiter?
Für die nähere Zukunft werden wir vor allem weiter in den Ausbau der Kernproduktsortimente sowie in die Expansion in weitere europäische Märkte investieren. Während sich die Elek­tronik weiter wandelt, wird auch Reichelt mit der Zeit gehen und innovative und hochwertige Produkte für seine Kunden finden. Einen Antennenverstärker vertreiben wir zwar auch heute noch – allerdings kleiner und leistungsfähiger als sein Vorgänger und für weniger als die Hälfte des ursprünglichen Preises.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Timmermann.