WZB-Studie Weiterbildung als Karrierebremse

Durch zusätzliche Bildung ist auch weiterer Aufstieg möglich.
»Aufstieg durch Bildung« oder eher »Aufstieg trotz Bildung«?

Weiterbildung fördert die Karriere – oder? Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung kommt zu einem anderen Ergebnis.

Jedes Jahr nimmt etwa die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland an Weiterbildung teil. Mehr als 90 Prozent dieser Kurse sind sogenannte non-formale Weiterbildung: relativ kurze Kurse, die nicht zu formalen, also anerkannten, Bildungsabschlüssen führen. Dazu gehören Computer- oder Sprachkurse sowie Schulungen für neue Produkte oder Geräte. Formale Weiterbildung, die zum Beispiel zum Meister oder zum Abitur an einer Abendschule führt, macht nur etwa drei Prozent der von Erwachsenen besuchten Kurse aus.

Mit Daten aus dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) konnten Martin Ehlert (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) und Christian Ebner (Karlsruher Institut für Technologie) zum ersten Mal detailliert die Erträge der Teilnahme an Weiterbildung verfolgen. Für den Zeitraum von 2009 bis 2016 zeigen sie, wie sich Weiterbildung auf die Karriere auswirkt.

Das Ergebnis: Das Credo »Aufstieg durch Bildung« muss relativiert werden. Non-formale Weiterbildung hilft in erster Linie den Beschäftigten, ihre Kenntnisse an die betrieblichen Erfordernisse anzupassen und damit beschäftigungsfähig zu bleiben. Sie sichert den Arbeitsplatz und beugt damit dem Abstieg vor. Der Aufstieg im Betrieb wie auch jede andere Form von beruflichen Wechseln wird durch die Teilnahme an diesen Kursen aber eher verhindert.

»Aus Sicht der Betriebe ist das eine logische Strategie: Wenn Beschäftigte geschult werden, um ihre aktuelle Aufgabe besser zu verrichten, ergibt es keinen Sinn, sie auf andere Stellen zu setzen«, macht WZB-Forscher Martin Ehlert deutlich. Weiterbildungen sind außerdem für viele Tätigkeiten zur Normalität geworden und werden nicht mehr zur Bewertung bei Beförderungen hinzugezogen.

Neue Konzepte für die Weiterbildung

Für die Arbeitsmarktpolitik bedeuten diese Ergebnisse, dass Konzepte, die stark auf die individuelle Verantwortung der Beschäftigten für den Aufstieg durch Weiterbildung setzen, zu kurz greifen. Es bringt wenig, gering bezahlten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu raten, ihre Einkommenssituation durch mehr non-formale Kurse zu ändern – auch wenn Weiterbildung für den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und das Verhindern von beruflichen Abstiegen wichtig ist. Darüber hinaus bekommen gerade die Schwächsten im Betrieb selten die Möglichkeit zur Teilnahme.

Um Ungleichheit zu begrenzen und niedrig qualifizierte Beschäftigte zu fördern, müssen daher innerbetriebliche Prozesse in den Blick genommen werden. Betriebsräte und Gewerkschaften könnten beispielsweise noch stärker auf die Einrichtung einer inklusiven Weiterbildungs- und Karriereplanung am Arbeitsplatz hinwirken. Außerdem ist es wichtig, formale Abschlüsse durch Weiterbildungen zu fördern, zum Beispiel durch Teilqualifikationen, die es durch mehrere kurze Weiterbildungen ermöglichen einen formalen Ausbildungsabschluss nachzuholen.