Testverfahren »Myskills« Was können Bewerber wirklich?

Ein zweiter Blick auf das Profil des Bewerbers lohnt sich manchmal, um die Stelle im Betrieb kompetent zu besetzen. Ein Test mit Myskills hilft dabei.
Ein zweiter Blick auf das Profil des Bewerbers lohnt sich manchmal, um die Stelle im Betrieb kompetent zu besetzen. Ein Test mit Myskills hilft dabei.

Nicht immer sind ausgebildete Fachkräfte mit entsprechenden Berufsabschlüssen verfügbar. Bei der Suche fallen jedoch viele Bewerber, die den Aufgaben gewachsen wären aber die formale Ausbildung fehlt, schnell durch das Raster. Ein zweiter Blick auf lohnt sich also. Genau das ermöglicht »Myskills«.

Fachkräfte sind heiß begehrt. Doch nicht immer sind frisch ausgebildete Mitarbeiter direkt von der Universität die beste Wahl, denn im Arbeitsalltag fallen auch zahlreiche Aufgaben an, die in Hochschulen und Universitäten nicht auf dem Plan stehen. Wer sagt also, dass jemand mit Uni-Abschluss besser für die ausgeschriebene Stelle geeignet ist, als jemand ohne formalen oder in Deutschland anerkannten Berufsabschluss? Dazu zählen zum Beispiel Geringqualifizierte, Quereinsteiger oder etwa Menschen, die längere Zeit nicht in einem Beruf arbeiten konnten, aber auch Flüchtlinge aus Syrien oder Zuwanderer aus Osteuropa.

Bei altbekannten Bewerbungsverfahren gehen anderweitige Qualifikationen oft unter oder werden gar nicht erst beachtet. Dagegen zeigt das Testverfahren Myskills, was Menschen mit Berufserfahrung tatsächlich können und welches berufliche Handlungswissen sich Arbeitnehmer am Arbeitsplatz angeeignet haben. Den Test gibt es mittlerweile für 30 Berufe, von denen die meisten bereits bundesweit in allen Arbeitsagenturen und Jobcentern verfügbar sind. Doch wie funktioniert der Test?

Myskills ist ein computergestützter, videobasierter Test, der vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur durchgeführt wird. Um Sprachbarrieren zu verringern, ist er in sechs Sprachen verfügbar: Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi, Russisch und Türkisch. Den Teilnehmern werden etwa 120 Fragen zu konkreten beruflichen Handlungssituationen gestellt – das Verfahren dauert ungefähr vier Stunden.

Ausbildungsordnung und Anforderungen

»Der Myskills-Test ist in unterschiedliche Handlungsfelder aufgeteilt, die an der tatsächlichen beruflichen Praxis und am aktuellen deutschen Ausbildungsstandard ausgerichtet sind«, erläutert Thomas Knipper, Ausbildungsleiter für die Facharbeiter- und Meisterausbildung aller Elektroberufe in der Industrie am Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie.

Zum Beispiel besteht der Test für den Beruf Industrieelektriker aus den folgenden Handlungsfeldern und Inhalten:

Komponenten und Betriebsmittel bearbeiten und montieren

Im ersten Feld wird abgefragt, welche Erfahrung die Bewerber bei der Auswahl von Werkzeugen und Bauteilen für eine Schaltschrankmontage haben, und wie gut sie Schalt- und Montagepläne lesen und Materialien auf Montageplatten montieren können. Außerdem wird die Erfahrung bei der Bearbeitung von Montageplatten durch Anreißen, Körnen, Senken, Schneiden, Stanzen und Bohren sowie dem Entgraten von Schnittkanten abgefragt. Auch das Zuschneiden von Kabelkanälen, Rohren und Befestigungsschienen auf Maß werden in diesem Handlungsfeld untersucht.

Elektrische Anlagen und Maschinen installieren

In diesem Feld bewerten die Testteilnehmer ihre Fähigkeiten, Schalter, Steckdosen und Deckenleuchten von elektrischen Anlagen zu installieren und Anschlussleitungen zu montieren. Außerdem wird die Erfahrung mit der Einführung und Abmantelung von Leitungsenden in Steck- und Verteilerdosen sowie die Kürzung von Aderenden auf Maß abgefragt sowie das Abisolieren von Aderenden und das Anschließen von Sicherungen, Schützen, Klemmen und Baugruppen von Maschinensteuerungen.

Elektrische Anlagen, Maschinen und Geräte instand setzen

Im dritten Teil wird abgefragt, ob die Teilnehmer Wartungspläne lesen, Werkzeuge und Messgeräte für die Instandsetzung von Leitungen und Betriebsmitteln auswählen und Schutzmaßnahmen beachten können. Zusätzlich ist in diesem Feld auch die Erfahrung mit fehlerhaften Stromkreisen und Messgeräten von Interesse.

Elektrische Anlagen, Maschinen und Geräte in Betrieb nehmen

Im vierten Teil des Tests dreht es sich zum Beispiel um die Durchführung von Sichtkontrollen von Schaltschränken mit Prüfprotokollen. Außerdem müssen die Teilnehmer eine Einschätzung abgeben, wie gut sie mit Werkzeugen die gesicherte Spannungsfreiheit am Schaltschrank prüfen und den Einbau, die Einstellungen der Betriebsmittel, deren Kennzeichnungen und den festen Sitz absichern können.

Neben dem Industrieelektriker umfasst der Myskills-Berufstest noch weitere industrierelevante Berufe – vom Fachlageristen und Berufskraftfahrer bis zur Metallfachkraft oder dem Maschinen- und Anlagenführer. »Der Test zeigt sehr genau, welche handlungspraktischen Fähigkeiten jemand schon hat, wo man ihn bereits einsetzen kann und wo der weitere Schulungs- und Qualifizierungsbedarf besteht, um jemanden mittelfristig zur Fachkraft zu entwickeln«, erläutert Knipper.

In Expertenrunden mit Fachleuten aus verschiedenen Industrieunternehmen und Vertretern der Kammern und Innungen wurden die für die Betriebspraxis relevanten Handlungssituationen festgelegt. »Die konkreten Fragestellungen und Anforderungen wurden so entwickelt, dass sich der reine Schaltschrank- und Maschinen-Verdrahter genauso wiederfindet wie jemand mit Erfahrung in einer Elektro-Reparaturabteilung«, sagt Knipper.

Laut Knipper ist es wichtig, die Ergebnisse des Tests richtig zu interpretieren. »Der Test ist schwer. Darum sollten sich Arbeitgeber bereits Kandidaten mit zwei Punkten in einem Handlungsfeld sehr genau anschauen. Zwei Punkte können im entsprechenden Handlungsfeld nämlich nur erreicht werden, wenn man tatsächlich schon mal den Schaltschrank einer Maschine oder eine Beleuchtungsanlage im Gebäude installiert hat. So jemand ist für den Bereich schon gut einsetzbar. Selbst bei einem Punkt lohnt es sich oft, schon mal ein Praktikum anzubieten.«

Arbeitgeber können sich direkt an ihre Arbeitsagentur oder das Jobcenter wenden und nach geeigneten Testabsolventen fragen, die in den verschiedenen Arbeitsbereichen schon einsetzbare Berufserfahrung haben. Für die fehlenden Fähigkeiten können anschließend gemeinsam Qualifizierungswege entwickelt werden. Im besten Fall bis zum vollwertigen Berufsabschluss. Neben der Suche nach Auszubildenden und ausgebildeten Fachkräften eröffnet Myskills einen zusätzlichen Weg, um Menschen mit Potenzial durch Berufserfahrung als zukünftige Mitarbeiter zu finden und zielgenau zu fördern.

Mehr Informationen finden Sie auf der Website von Myskill.