Kommentar Startups in Deutschland: Immer weniger Gründer

Frank Riemenschneider Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.
Frank Riemenschneider Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.

Geht um das Thema Firmengründungen, steht Deutschland im internationalen Vergleich schlecht dar. Offenbar liegt dies nicht nur an der Bürokratie, sondern auch an einer schlichtweg geringeren Gründermotivation. Noch leben wir in Deutschland gut von der Substanz, aber wie lange noch?

Reinhold Würth und Martin Herrenknecht sind nur zwei Beispiele für einen Unternehmertypus, der in den Zeiten des Wirtschaftswunders aus dem Nichts Milliardenunternehmen geschaffen hat. Heute, da das Internet Geschäftsmodelle revolutioniert, stehen Amazon, Google & Co. als Beispiele für die Chancen, die sich Gründern bieten.

Ernüchternd ist der Blick auf Deutschland. In den letzten 30 Jahren haben es mit SAP und Wirecard genau zwei ehemals gründergeführte Firmen in den DAX30 geschafft, 2018 gab es mit 547.000 Unternehmensgründungen zwei Prozent weniger als noch 2017. Die sogenannte Gründerquote – das Verhältnis Gründer zu Erwerbsbevölkerung – sinkt seit Jahren, 2018 betrug sie im Vollerwerb gerade noch 0,49 %. Dass die OECD in Sachen digitaler Innovation Deutschland von 36 Mitgliedsländern auf Platz 15 setzte, hängt u.a. mit fehlenden Start-ups zusammen: Der Anteil der Gründer an der Gesamtbevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren beträgt in Deutschland 5 %, in den USA 15,6%, in Südkorea 14,7 % und im Schnitt weltweit immerhin 12,6 %.

Als Grund für diese Situation werden fehlende Investitionen genannt. So wurden 2017 in den USA 85 Mrd. Dollar, in China 41 Mrd. Dollar und in Deutschland 3 Mrd. Dollar in nicht-börsennotierte Firmen investiert. Dies ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Schaut man sich die Karrierewünsche deutscher Hochschulabsolventen an, streben rund 65 % einen Job als Angestelle, weitere 10 % einen Job im öffentlichen Dienst an. Nur 2 % sagen, dass sie eine eigene Firma gründen wollen. Der Frage, ob Unternehmertum eine gute Berufswahl sei, stimmten in Deutschland 38 % der Befragten zu, in China 66 %, in den USA 63 %, in Großbritannien 56 % und selbst in Schweden 54 %.

Interessant ist auch eine Anlayse der Medienberichterstattung über Start-ups: In den USA waren 2018 39% der Veröffentlichungen positiv, 54 % neutral und nur 7 % negativ. In Deutschland ein ganz anderes Bild: 17 % positiv, 43 % neutral, aber 40 % negativ. Die Folgen dieser unerfreulichen Faktensammlung sind somit wenig verwunderlich: Während in den USA fast 250 Technologieunternehmen mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet werden, in China immerhin noch 200 und selbst in Großbritannien 26, sind es in Deutschland gerade einmal 14.

Fehlt heute, verglichen mit der Nachkriegsgeneration, schlichtweg die Not? Die Wirtschaft umwirbt Fachkräfte und Hochschulabsolventen haben es leicht, einen »sicheren« und gut dotieren Job zu bekommen. Diejenigen, welche den Mut zur Selbstständigkeit haben, werden durch Bürokratie und deutsche Gründlichkeit behindert. Und dann sind da noch fehlende Anschlußfinanzierungen, die zu frühzeitigen Firmenverkäufen führen, bevor diese zu »Einhörnern« werden. Von den vollmundigen Ankündigungen der Bundesregierung wie den »Digitalfonds für Deutschland« wurde laut dem Bundesverband der deutschen Start-ups bislang auch kaum etwas umgesetzt.

Derzeit leben wir in Deutschland (noch) gut von der Substanz. Dies wird allerdings nicht ewig so weitergehen. Die Politik sollte sich daher eher heute als morgen Gedanken machen, Firmengründungen besonders im IT- und Technologiebereich attraktiver zu machen, um zukünftig nicht vollständig von US- und asiatischen Konzernen abhängig zu sein.