Ingenieurmangel gab es schon früher - was ist heute anders? "Der deutsche Ingenieur wird fast wie eine Ware hin- und hergeschoben"

Günther Klasche war von 1980 bis 2007 Chef- redakteur der Elektronik und prägte das Fachmedium. Begonnen hatte er bereits 1968 als Redakteur und war damit fast 40 Jahre bei der Elektronik.
Günther Klasche war von 1980 bis 2007 Chefredakteur der Elektronik und prägte das Fachmedium. Begonnen hatte er bereits 1968 als Redakteur und war damit fast 40 Jahre bei der Elektronik.

Günther Klasche war 27 Jahre Chefredakteur der Elektronik - und kennt den Markt wie kaum ein zweiter. Ingenieure bekommen nicht die Wertschätzung, die sie verdienen, angesichts der enormen Wertschöpfung, die sie leisten, schreibt er in der aktuellen Jubiläumsausgabe der Elektronik. Stattdessen müssten sie sich mit Zeitverträgen und projektbezogenen Anstellungen herumschlagen, kritisiert er.

Ingenieurmangel - dieses vermeintliche Problem kennt Günther Klasche nur zu gut. Schon in den 80er Jahren warnten Verbände von einem Abreißen der wirtschaftlichen Prosperität Deutschlands - weil die Ingenieure fehlten.

Heute gebe es insgesamt 1,6 Mio. erwerbstätige Ingenieure in Deutschland, die über alle Branchen hinweg für eine Wertschöpfung von über 178 Mrd. Euro sorgten. Allein die fünf Branchen mit den höchsten Ingenieuranteilen (Technische/FuE-Dienstleistungen, Elektroindustrie, Maschinenbau, Fahrzeugbau, EDV/Telekommunikation) hätten im Jahr 2011 ein Volumen an Güterexporten und Dienstleistungseinnahmen aus dem Ausland in Höhe von 562 Mrd. Euro exportiert, was vom Gesamten einen Anteil von 44,8 Prozent ausmache. Günther Klasche: "Dabei belief sich der erzielte Überschuss auf 223 Mrd. Euro."

Das sei ein Beweis dafür, dass der Ingenieur in unserer Wirtschaft und Gesellschaft eine äußerst wichtige Funktion übernehme. "Doch schon seit Jahren wird ihm häufig nicht die Anerkennung und Stellung zuteil, die er verdient - sei es in der Gesellschaft oder auch in Betrieben. Er wird fast wie eine Ware hin- und hergeschoben, von der man einmal weniger oder einmal mehr benötigt.", kritisiert der Experte.

Derzeit sei die Ware wieder knapp und man beklage einen eklatanten Ingenieurmangel, der im Jahr 2010 wegen 61.000 offener Ingenieursstellen zu einem Wertschöpfungsverlust von 3,3 Mrd. Euro geführt haben soll. Laut Lobbyisten wie dem VDI sei dieser im Jahr 2011 sogar auf 8 Mrd. Euro gestiegen und soll für 2012 noch weiter anwachsen, weil der aktuelle Ingenieurmonitor derzeit 110.400 unbesetzte Stellen ausweise.

Doch diese Angaben kann Günther Klasche nicht nachvollziehen, genauso wenig wie der Arbeitsmarktforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Der geht davon aus, „dass der gegenwärtige Run auf ingenieurwissenschaftliche Studienplätze eher ein Überangebot an diesen Fachkräften erwarten lässt“. Nach seinen Analysen können die Absolventen, die gegenwärtig aus den Unis kommen, den Gesamtbedarf an Ingenieuren decken.

Günther Klasche weiß, dass es Schweinezyklen auch in der Ingenieusausbildung gibt. "Wo liegt nun die Wahrheit? Aus meiner Beobachtung der Ingenieurszene als langjähriger, ehemaliger Chefredakteur der Elektronik weiß ich, dass die einschlägigen Verbände schon in den 80er-Jahren von einem sich abzeichnenden Ingenieurmangel sprachen. Damals hatte ich mich - im Nachhinein leider - überreden lassen, an Broschüren mitzuarbeiten, die für den Ingenieurberuf warben. Das Ergebnis, das sich dann Anfang der 90er-Jahre abzeichnete, war freilich fatal. Eine große Zahl der Absolventen bekam entweder keinen Job, oder sie wurden zu deutlich niedrigeren Gehältern eingestellt oder lediglich als Praktikant übernommen."

Mittlerweile hätten zwar viele Firmen ihre Lektion gelernt ("siehe die Personalpolitik in der vergangenen Krise"), aber dafür hätten Ingenieure neuerdings mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, nämlich mit Zeitverträgen, mit projektbezogenen Anstellungen oder Zeitarbeitsfirmen.

Sein Appell: "Woran liegt es nun, dass viele Ingenieure keinen festen Job bekommen? Ist es das Geld? Es wäre aus meiner Sicht sicher wünschenswert, wenn ein Institut einmal herausfinden könnte, wie es um den Ingenieurbedarf tatsächlich bestellt ist. Es ist doch nichts frustrierender, als wenn man nach einem anspruchsvollen Studium keinen adäquaten Job bekommt. Deshalb sollte man den Studierwilligen von Anfang an klar machen, wie es um ihre Zukunftschancen bestellt ist - diesen Respekt verdienen sie, wenn man die Ingenieure schon als Eckpfeiler des „Geschäftsmodells Deutschland“ bezeichnet."