Neue Industrie-4.0.-Initiative Was kann die Politik noch retten?

Vor fast genau 2 Jahren wurde von den Verbänden VDMA, BITKOM und ZVEI die Plattform »Industrie 4.0.« gegründet, um Deutschlands Fabriken fit für die Digitalisierung zu machen. Fehlende Ergebnisse haben jetzt die Politik auf den Plan gerufen, die Frage ist, ob und was sie noch retten kann.

Das „alte“ Industrie 4.0.-Konsortium, bestehend aus drei konkurrierenden Branchenverbänden, deren Verhältnis untereinander Politiker vermutlich als "sachlich" beschreiben würden, war jetzt fast 2 Jahre aktiv und hat zweifelsfrei viele Fehler gemacht: Nicht nur, dass viel geredet und wenig gehandelt wurde (außer Maßnahmenempfehlungen und Gremienarbeit konnten keine konkreten Ergebnisse geliefert werden), auch die Publizierung wichtiger Dokumente ausschließlich in deutscher Sprache hat nicht dazu beigetragen, große Aufmerksamkeit in Europa, geschweige denn in den USA oder Asien, zu generieren.

Dazu konnte das Konsortium bislang keine Standards etablieren, die einen medienbruchfreien Datenfluss von und zwischen Produktionsanlagen unterschiedlicher Hersteller sicherstellen.

Insofern war es für die meisten Branchenkenner wenig verwunderlich, dass Reinhard Clemens, CEO von T-Systems, Anfang 2015 die „alte“ Industrie-4.0.-Plattform quasi verbal beerdigt hat: „Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen, um uns pragmatisch schnell auf Standards zu einigen… Unsere Gründlichkeit könnte zur Bedrohung für uns werden. Am Ende gewinnt vielleicht nicht der Beste, sondern der Schnellste.“

Dr. Reinhard Ploss, CEO von Infineon, erklärte in einem Interview mit der Fachzeitschrift ELEKTRONIK, dass „China und auch Korea besser in der linearen Umsetzung“ sind („ Erkannt, gewollt, Schienen gelegt, Gas gegeben“), dies gilt mit Sicherheit auch für die Amerikaner.

Statt ein für die Wirtschaft zukünftig essentielles Thema von Verbandsfunktionären abarbeiten zu lassen, hat man dort mit dem Industrial Internet Consortium (IIC) einen Gegenentwurf etabliert, der im Gegensatz zum deutschen Ansatz von den relevantesten Wirtschaftsunternehmen gegründet und vorangetrieben wurde: AT&T (Telekommunikation), General Electric (der amerikanische Gegenentwurf zu SIEMENS), Intel (weltgrößter Halbleiterhersteller mit durchgängiger Sicherheits-Architektur) und CISCO (führender Ausrüster für Telekommunikation) hießen die Gründungsmitglieder. Mittlerweile gibt es hunderte Mitglieder aus allen Teilen der Welt, auch deutsche Schwergewichte wie SIEMENS oder Bosch, aber auch Infineon, die Uni Darmstadt und das Fraunhofer IOSB sind auf den IIC-Zug aufgesprungen.

Richard Soley, Chef des IIC, sagt vollkommen zu Recht, "die Marke Industrie 4.0. existiert ohnehin nur in Deutschland". Viele Hersteller haben schon heute gezwungenermaßen zwei Variationen von Powerpoint-Präsentationen für ein und dieselbe Sache: Eine mit dem Begriff "Industrie 4.0." für Kunden in Deutschland und eine mit "Industrial Internet" für Kunden in den USA, Asien und dem Rest der Welt - absurder geht es kaum noch.

Was die Arbeit des IIC angeht, gibt es unterschiedliche Meinungen. Während Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung des ZVEI und damit einer der drei von Clemens öffentlich abgewatschten Verbandsfürsten, fast schon trotzig davon spricht, „das IIC hat noch nicht wirklich was gemacht, aber schon viel darüber geredet“, sehen es die Praktiker, die schon heute mit vernetzten Fabrik Geld verdienen, ganz anders. Franz Gruber, Chef des Software-Anbieters Forcam, dessen erster Kunde, das Motorenwerk Untertürkheim der Daimler AG, 2008 und 2009 zur Fabrik des Jahres gekürt wurde, ließ sich erst kürzlich im Nachrichtenmagazin FOCUS dahingehend zitieren, dass es „die USA mit dem Standard MTConnect bereits geschafft hätten, die Datenzugänge für Maschinen zu definieren.“ Wachsendes Interesse an MTConnect wird offenbar auch aus China berichtet.

Bisher unterstützen vor allem US-amerikanische und japanische Unternehmen MTConnect, aber auf der Website der Standardisierungs-Organisation MT Connect Institute finden sich als Anbieter kompatibler Produkte auch der Maschinenhersteller DMG Mori Seiki (Deckel Maho Gildemeister), der Sensorhersteller Balluff in Bezug auf ID-Systeme und der Automatisierer Bosch Rexroth in Bezug auf Steuerungen. Und Siemens präsentierte bereits im April 2014 das in Cincinnati ansässige Unternehmen TechSolve als Solution Partner für Lösungen mit CNC-Steuerungen der Baureihe „Sinumerik“.

Zur CEBIT 2015 wurde nun eine „neue“ Plattform Industrie 4.0. vorgestellt, die von den Ministern Wanka (Forschung und Wirtschaft) und Gabriel (Wirtschaft) gemeinsam geleitet werden wird, nachdem der Vermittlungsausschuß tagen musste, um die beiden konkurrierenden Ministerien an einen Tisch zu bekommen und die Kompetenzen festzulegen.

Ziel sei es, „das Thema in der Plattform Industrie 4.0 auf eine breitere politische und gesellschaftliche Basis zu stellen und sowohl thematisch als auch strukturell neu auszurichten“. Dass auch zukünftig viel diskutiert werden wird, kann man schon am Organigramm (Bild) ablesen: Das Leitungsgremium der Plattform wird neben Bundesforschungsministerin Wanka und Bundeswirtschaftsminister Gabriel mit Vertretern aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Wirtschaft besetzt. Ein Strategiekreis mit Vertretern aus Bundesressorts, Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Bundesländern wird die Aufgabe der politischen Steuerung sowie die Rolle von Multiplikatoren übernehmen. Ein Lenkungskreis, bestehend aus Unternehmern, den Leitungen der Arbeitsgruppen und unter Beteiligung des Bundesforschungsministeriums und Bundeswirtschaftsministeriums, wird als Entscheidungsgremium für die Strategieentwicklung, technische Koordinierung und Umsetzung verantwortlich sein.

 

Leider sind die Unternehmen, die erfahrungsgemäß als Treiber erfolgreicher sind, als Gewerkschaften und Politiker, erneut nur ein kleiner Baustein des Ganzen. Dabei hatte schon Prof. Michael ten Hompel, TU Dortmund und Institutsleiter des Fraunhofer IML, auf der VDI-Tagung Industrie 4.0 gefordert, dass "die Wirtschaft die Dinge selber in die Hand nehmen muss" und festgestellt, dass "die Revolution nicht vom Himmel fällt, sondern selber gestaltet werden muss". Eine tragende Rolle in dem neuen Konsortium sollen die Telekom, SAP und Fraunhofer spielen. Wenn man sich die Wertschöpfungskette der vernetzten Fabrik „vom Sensor bis zur Cloud“ anschaut, muß man feststellen, dass diese durch die genannten drei „Key-Player“ nur limitiert abgebildet wird – beim IIC hingeben sind Sensor-, Halbleiterhersteller, Telekommunikationsfirmen, Big-Data-Spezialisten und Cloud-Computing an Bord.

ZVEI-Präsident Ziesemer hat dazu bereits die bemerkenswerte Aussage getroffen, dass man mit dem IIC kooperieren sollte: „Wir sind nicht so gut, wenn es darum geht, Daten zu analysieren und neue Geschäftsmodelle daraus zu entwickeln – das können die Amerikaner besser als wir“.

Es stellt sich jedoch die Frage, warum umgedreht das IIC mit der deutschen Industrie-4.0.-Plattform kooperieren sollte – ein Mehrwert aus Sicht der Amerikaner ist zumindest derzeit nicht ersichtlich, als logische Schlußfogerung können sie es dann auch gleich alles selbst ohne die Deutschen machen und stattdessen z.B. die Chinesen ins Boot holen.

Die Tufts-Universität hat das Tempo der digitalen Entwicklung von 2008 bis 2013 in 52 Ländern unter die Lupe genommen. Das erschreckende Ergebnis: Deutschland hat aktuell im Vergleich zwar noch ein hohes Niveau, befindet sich jedoch auf dem absteigenden Ast. Dazu passt ergänzend zu den Ergebnissen der IoT-Studie der Fachzeitschrift Elektronik auch die Einschätzung von Software-Hersteller Gruber: Er erklärte dem FOCUS, „maximal 10 Prozent der Mittelständler arbeiten an Industrie 4.0. Der große Rest redet das Thema weg und macht nichts.“ Eine Studie des Fraunhofer IPA zeigt, dass der Maschinen- und Anlagenbau "das disruptive Potenzial von Geschäftsmodellinnovationen vielfach unterschätzt". Der Maschinenbau konzentriert sich demnach auf die digitale Veredelung seiner jeweiligen Nischenprodukte, die übergreifende Vernetzung/Optimierung ganzer Produktionssysteme steht nicht im Fokus.

Diese Erkenntnisse alleine müssten schon Alarmstufe Rot auslösen. Mein Wunsch wäre ein deutscher Gegenentwurf zum IIC gewesen: Mit Infineon, Bosch, Telekom, SIEMENS und SAP hätte man ebenso eine Industrie-4.0.-Wertschöpfungskette anbieten können, die jenseits der (Verbands-) Politik vermutlich schneller zu Ergebnissen gekommen wäre und über ihre Geschäftskontakte zum deutschen Mittelstand das Thema vergleichsweise schnell über innovative Produkte statt über Tonnen von Gesprächsprotokollen und Dokumente in die Industrie reintragen könnte. Politiker - und noch weniger Gewerkschafter - waren noch nie ein guter Unternehmer, dass haben mittlerweile sogar die kommunistischen Regierungen in China oder Vietnam erkannt.

Jetzt hängt alles an den konkurrierenden Ministern Wanka und Gabriel. Ob dies der richtige Ansatz gegen Innovatoren wie GE, Cisco und Intel ist? Ich wage es zu bezweifeln.