Interview mit Christian Wolf, Turck »Volatilität ist keine Frage des Vorzeichens«

Christian Wolf, Geschäftsführer von Turck: »Wenn Unsicherheit herrscht, ändert sich das Investitionsverhalten. So sehen wir auch das Jahr 2009 - nicht als Industriekrise als solche, sondern als Investitionshemmung und Unsicherheit aufgrund zusammenbrechender Finanzmärkte.«
Christian Wolf, Geschäftsführer von Turck: »Wenn Unsicherheit herrscht, ändert sich das Investitionsverhalten. So sehen wir auch das Jahr 2009 - nicht als Industriekrise als solche, sondern als Investitionshemmung und Unsicherheit aufgrund zusammenbrechender Finanzmärkte.«

Der Automatisierungs-Spezialist Turck erwartet auch für dieses Jahr einen Rekordumsatz. Das für 2011 gesteckte Ziel von 15 Prozent Wachstum wurde um 10 Prozent überschritten. Elektronik-Redakteurin Andrea Gillhuber sprach mit Turck-Geschäftsführer Christian Wolf über Märkte, Krisen und Schwarzmalerei.

Herr Wolf, das Unternehmen Turck erwartet für 2011 einen Rekordumsatz. Liegt das Wachstum auf Seiten der Automation Systems oder der Automation Products?
Christian Wolf: Es ist gut verteilt über beide Bereiche. In der Automatisierungstechnik haben wir im Bereich Automation Systems ein noch stärkeres Wachstum als im Bereich Automation Products. Wie man sieht, greift das Lösungs-Geschäft in diesem Bereich. In der Turck-Gruppe erwarten wir für 2011 ein Gesamt-Wachstum von 25 Prozent.
Welche war die umsatzstärkste Region?
Wolf: Die Region, die von den absoluten Umsatzzahlen gesehen das stärkste Wachstum hatte, ist Nordamerika. Hier sind wir relativ um rund 28 Prozent gewachsen, aber bei dem hohen Gesamtvolumen steht Nordamerika mit absoluten Zahlen ganz oben im Ranking. Die höchste prozentuale Steigerung haben wir in Osteuropa, hier insbesondere in Russland, der in den letzten zwei Jahren aus der Krise heraus am stärksten wachsenden Region.

In welchem Bereich liegt das Wachstum in Russland?
Wolf: In Russland beträgt das Wachstum etwa 50 Prozent - wie in den letzten Jahren auch. Selbst im Jahr 2009 ist Russland noch um rund 25 Prozent gewachsen. Das ist schon erheblich.

Was sind die Gründe für das Wachstum in Russland?
Wolf:Der Markt in Russland ist sehr von der Prozessautomatisierung getrieben, insbesondere aufgrund der Rohstoffvorkommen: Das Öl- und Gas-Geschäft entwickelt sich gut. Rohstoffe dominieren den Markt und sind letzten Endes die Wirtschaftskraft Russlands. In der Rohstoffverteilung und Rohstoffgewinnung ist Russland in einer führenden Position in Europa und der Welt. Betrachtet man dagegen die Fabrikautomatisierung, so ist in dieser Region der Automatisierungsgrad deutlich geringer als bei uns. In Russland gibt es den klassischen Maschinenbau noch nicht.

Die Türkei bezeichneten Sie als Region mit enormem Potential. Wie sieht die Strategie dort aus?
 
Wolf: Die Türkei ist stärker in der Fabrikautomatisierung und hat an sich starke Maschinenbauer. Automobil-, Verpackungsmaschinen- und Nahrungsmittel-Industrie sind dort fest verankert; viele Firmen agieren weltweit. Im Prinzip handelt es sich bei der Türkei um eine Volkswirtschaft und ein industrielles Umfeld, das ähnliche Züge wie Deutschland aufweist - wenn auch noch auf einem anderen Niveau. Die Türkei ist sechstgrößter Maschinenbauer in Europa und bietet insofern schon enormes Potential. Über Partner machen wir dort schon länger Geschäfte, jetzt ist Turck mit einer eigenen Landesvertretung vor Ort und wir erwarten für die nächsten drei Jahre ein Wachstum von 50 Prozent pro Jahr. Zuerst muss man eine gewisse Grundgröße von ungefähr fünf Mio. Euro Umsatz erreichen, danach wird das Wachstum sicherlich etwas moderater ausfallen.

Die Region weist Middle East, Indien und Afrika weist 2011 kein Wachstum auf. Woran liegt das?
Wolf: Auf den ersten Blick könnte man meinen, es sei dort etwas schlechter gelaufen, aber dem ist nicht so: Sieht man sich die Trendkurve der letzten fünf Jahre an, dann ist dieser Bereich pro Jahr um etwa 20 bis 30 Prozent gewachsen. Im letzten Jahr haben wir in Middle East und Indien zwei große Projekte gewonnen, die auch noch dieses Jahr beliefert werden und die Wachstumskurve verzerren, da 2010 durch die Projekte natürlich ein sehr hohes Wachstum erreicht wurde. Das hohe Umsatzniveau von 2010 haben wir auch in diesem Jahr wieder erreicht. Wir haben es also geschafft, den Peak des letzten Jahres durch Zugewinne von Neukunden im Prinzip zu neutralisieren; so ergibt sich zwar faktisch für die Region Middle East, Indien und Afrika ein Null-Wachstum, aber auf sehr hohem Niveau.

Turck wächst weiter. Wie stemmen Sie die Auftragslage?
Wolf: Das ist natürlich nicht einfach, aber wir haben insbesondere in der Produktion flexible Arbeitszeiten und auch Arbeitszeitkonten, die wir voll ausschöpfen. Auf der anderen Seite schwächt sich der Markt ein bisschen ab; das ist auch für die Organisation nicht so abträglich, um auch mal wieder ein bisschen durchzuatmen, Platz zu schaffen, gute Mitarbeiter zu re-krutieren und neue Gebäude in Betrieb zu setzen. Wenn alles läuft, kann man vielleicht in ein oder zwei Jahren noch einmal bei den Wachstumsraten aufsatteln.

Letztes Jahr war eine zentrale Aussage „Willkommen in der Volatilität“. Wie sieht es dieses Jahr aus?
Wolf: Letztendlich genauso: Ende 2008 das Abrutschen um 30 Prozent und im Jahr 2010 dieses enorme Wachstum! Turck hat sich für das Jahr 2011 als ambitioniertes Ziel 15 Prozent Wachstum gesteckt, jetzt sind wir um 25 Prozent gewachsen - das hat keiner vorausgesehen. Volatilität ist keine Frage des Vorzeichens, sondern ist eine Nichtvorhersehbarkeit und eine Schwankungsbreite am Markt, die extrem hoch ist und bleibt. Das hat auch mit Rahmenbedingungen zu tun, die sich extrem verändert haben: Finanzmärkte, Unsicherheiten in der Währung, externe Geldgeber usw. So gesehen, glaube ich, ist der Spruch „Willkommen in der Volatilität“ noch aktuell.

Wie schätzen Sie die Eurokrise und ihre Auswirkungen ein?
Wolf: Prinzipiell ist es schwierig für ein Industrieunternehmen, sich davon ein Bild zu machen. Was wir versuchen, ist, entkoppelt davon zu arbeiten. Aber ich glaube, so lange es einen Sicherheitsschirm gibt, die Eurorettungsaktion im Verbund der Europäischen Länder und der Bundesregierung betrieben wird, können wir Stabilität erwarten. Das ist auch ein psychologischer Effekt: Wenn Unsicherheit herrscht, ändert sich das Investitionsverhalten. So sehen wir auch das Jahr 2009 - nicht als Industriekrise als solche, sondern als Investitionshemmung und Unsicherheit aufgrund zusammenbrechender Finanzmärkte. Unternehmen stellen die eigene Liquidität in den Vordergrund, reduzieren die Lagerkapazität, fordern Zahlungsziele schneller ein und stellen Investitionen zurück - es kommt zum Schneeballeffekt, weil es irgendwann jeder macht.

Wurde also zuviel gejammert?
Wolf: Ja. Sicherlich hat der Finanzmarkt gewackelt. Aber es war z.B. von Überkapazitäten in der Automobilindustrie die Rede - eine häufige Ursache für unruhige Märkte. Dem war aber offensichtlich nicht so: Die Automobilindustrie produziert gerade wie nie zuvor und kommt den Bestellungen nicht nach. Wenn es 2009 noch Überkapazitäten gab, die zu einer Krise führten, dann wurden diese in den Jahren 2010 und 2011 abgebaut. Es herrschte Unsicherheit, keiner wusste, wie es weiter geht und so haben alle auf die Bremse getreten und sind stehen geblieben. Als sich die Finanzmärkte stabilisierten, ging man wieder von der Bremse. Aber es war keine industrielle Rezession im eigentlichen Sinn.

Turck kooperiert mit Deister Electronics. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Wolf: Die Firma Deister kann auf ein langjähriges Know-how bei der Ultrahochfrequenz (UHF) zurückgreifen und darauf erstreckt sich unsere Kooperation. Deister stellt uns die UHF-Technik für unsere Märkte zur Verfügung und Turck kann dann auf dieser Basis gezielt Produkte für die Automatisierung entwickeln. Für Deister ergeben sich Vorteile im Vertrieb: Das Unternehmen ist sehr breit aufgestellt und hatte bisher nicht die Vertriebs-ressourcen, einen potentiellen Markt wie die Fabrik- und Prozessautoma-tisierung anzugehen. Das Wichtigste in einer Kooperation ist, dass man auf der einen Seite die Technik zusammenklammert, aber auf der anderen Seite beide Partner weiter frei ihr Geschäft am Markt machen können. Hier ist für beide Seiten die Logik und die Zusammenarbeit der Technologie-Kooperation durch die betriebswirtschaftliche Sinnhaftigkeit gegeben.

Stehen in Zukunft noch weitere Kooperationen auf der Agenda?
Wolf: Das wird sicherlich ein Weg sein, den wir zum Teil schon beleuchten und weiter verfolgen. Die Turck-Gruppe ist sehr breit aufgestellt und wir müssen uns immer wieder auch im Sinne der Komplexitätsreduktion fragen, was wir selbst produzieren und wo wir mit einem Partner schneller die Kundenanforderungen erfüllen können. Das ist eine Frage der Identifikation des richtigen Partners, der den gleichen Anspruch an eine Kooperation stellt; da muss es nicht nur technologisch, sondern auch persönlich und menschlich passen. Für uns heißt es, die Entwicklungs-Kernkompetenz weiter auszubauen und gleichzeitig zu schauen, wie wir schneller in den Markt kommen und wer welche Kernkompetenz hat, die wir nutzbringend integrieren können.

Wie läuft es mit dem Wandel zum Systemanbieter?
Wolf: Wie die Zahlen und auch die Schritte zeigen, z.B. die Übernahme des MTX-Anteils von Eaton sowie die Technologie-Kooperation mit Deister, ist es sehr gut gelaufen. Die Wachstumsraten zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Außerdem ist das ein nie endender Prozess, weil sich der Markt permanent verändert. Was heute als Lösungs- und Systemanbieter angesehen wird, werden unsere Kunden in zehn bis 15 Jahren anders definieren. Vielleicht werden wir uns in Bereichen wie IT und Web stärker engagieren müssen, beispielsweise mit einem durchgängigen Informations- und Datenfluss bis ins ERP-System der Kunden. Wir müssen genau beobachten, wo unsere Anwender hin wollen, das ist für uns maßgeblich und daran müssen wir unsere Strategie als Lösungsanbieter anpassen und messen lassen.